Abbas Kiarostami

Das ideale Ich und das reale Ich

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Das Österreichische Filmmuseum würdigt im November den im Juli des Jahres verstorbenen großen iranischen Filmemacher Abbas Kiarostami. Der aus dem Iran stammende österreichische Regisseur und Produzent Arash T. Riahi verfasste für „ray“ eine sehr persönliche kritische, aber liebevolle Würdigung.

Eines vorweg, ich bin kein Kiarostami-Experte. Ich habe ihn auch nur einmal persönlich in einem Krankenhaus in Wien getroffen, aber mehr dazu später. Ich war weder mit ihm befreundet noch habe ich mit ihm irgendeine Verbindung außer vielleicht, dass ich auch Iraner bin und Filme mache. Also muss ich vorab klarstellen, dass ich seit über 30 Jahren im österreichischen Exil lebe, seither nicht im Iran war und somit auch keinen aktuellen, einzigartigen Einblick in die iranische Gesellschaft habe. Noch dazu verurteile ich jede Art von nationalistischem Gehabe. Das mag so klingen, als wäre ich Kiarostamis Werk gegenüber indifferent eingestellt, aber das bin ich nicht. Er hat mich, wie wohl auch viele andere Filmemacherinnen und Filmemacher, geprägt und mir eine moderne Version eines neorealistischen Kinos näher gebracht, das mir einerseits Hoffnung aber auch Bilder aus dem Iran schenkte, die ich, im Exil lebend, wohl nie gesehen hätte. Dafür bin ich ihm zutiefst dankbar. Prinzipiell bin ich aber kein Freund von Heldenverehrungen, denn je genauer man die Details im Leben vermeintlicher „Helden“ studiert, um so mehr erfährt man von Dingen, über die man eigentlich nichts wissen wollte. Ein immer wieder kehrendes Motiv in Kiarostamis Filmen ist es, verschiedene Wahrheiten oder Sichtweisen von ein und derselben Realität zu betrachten. Diese verschiedenen Sichtweisen gibt es selbstverständlich auch über seine Person, je mehr man sich damit beschäftigt.

Ich kam mit seinem Kino erstmals Anfang der neunziger Jahre bei einer Iranischen Filmwoche in Wien in Berührung. Einer der Kuratoren der Reihe war der armenisch-iranische Filmkritiker Zaven Ghokassian, mit dem mich seit damals eine tiefe Freundschaft verband, die bis zu seinem Tod vor zwei Jahren anhielt. Er war es auch, der im Iran das erste Interviewbuch mit Kiarostami schrieb und mir immer wieder, wenn er jedes Jahr zur Viennale kam, die geheime Story des nächsten Kiarostami-Films verriet. Wir verbrachten viele Stunden gemeinsam im Kino. Während der Viennale waren es manchmal sogar bis zu sechs Filme an einem Tag. Ab und zu schliefen wir natürlich auch im Kino ein, und jeder hoffte, der andere würde nicht zur selben Zeit schlafen, damit zumindest einer den Film gesehen und dem anderen davon erzählen könne.

Mit Zaven sah ich auch Kiarostamis Schlüsselwerk Nema-ye nazdik (Close-Up, 1990), immer noch mein Lieblingsfilm von ihm. In dem halbdokumentarischen Hybridfilm geht es um einen armen Mann, der sich aus Liebe zum Kino und zu seinem Idol, dem Regisseur Mohsen Makhmalbaf, für eine Zeit lang als eben dieser ausgibt und einer reichen Familie vorgaukelt, er würde in ihrem Haus eventuell einen Film drehen. Als der Schwindel auffliegt, landet der Mann im Gefängnis, wo ihn Kiarostami, der von dem Fall in der Zeitung gelesen hat, besucht. Schließlich wird die Geschichte des Mannes mit den echten Beteiligten nachgestellt, doch jeder hat seine eigene, andere Sicht der Geschehnisse. Kiarostami sagte einmal: „Worum es in dem Film geht, ist der Unterschied zwischen dem ,idealen Ich’ und dem ,realen Ich’.“

Close-Up ist ein Film, der nicht vorher akribisch ausgedacht war, sondern den das Leben täglich aufs Neue schrieb. Kiarostami, der den Gerichtsprozess mitfilmen durfte, drehte tagsüber und schrieb nachts. Er ließ sich von der Realität treiben  – wie später auch bei Va zendegi edameh darad (Und das Leben geht weiter, 1992) oder ABC Africa (2001), und seine Neugier für den Protagonisten lässt diesen vor der Kamera aufblühen und unerwartete Dinge sagen, die aufzeigen, wie sehr die Kunst, und in diesem Fall das Kino, für Menschen aus ärmeren Verhältnissen ein Anker sein kann, wenn es sich ihren Sorgen und Problemen widmet. Close-Up ist auch ein unglaublich moderner Film: Er springt mehrmals zwischen den Zeitebenen, er wechselt immer wieder die Erzählperspektive, und er ist eine Meditation über die Macht des Kinos. Eine Anekdote am Rande zeigt Kiarostamis Offenheit in Bezug auf diesen Film: als Close-Up beim Festival in München gezeigt wurde, wurden durch einen Fehler des Vorführers zwei Filmrollen in der Mitte des Filmes vertauscht. Kiarostami wollte nicht mitten in der Vorstellung den Film stoppen und großes Aufsehen erregen. So sah er sich die Vorstellung an, und der Film gefiel ihm in der Version viel besser als in der ursprünglichen Chronologie. Zurück im Iran wechselte er selbst die Rollen, und die finale Fassung von Close up war geboren.

Vieles ist über Kiarostami gesagt und geschrieben worden. Auch ohne Oscar gilt er als der bedeutendste iranische Regisseur, und sein ehrliches, wahrhaftig erscheinendes Kino hat, befreit von technisches Spielereien, befreit von komplizierter Mise-en-scène, ja sogar befreit vom Regisseur, wie Kiarostami mehrmals betonte, traf einen universellen Nerv und wurde überall auf der Welt verstanden. Kiarostami verglich Filmemachen immer wieder mit Fußball. Auch bei einer guten Fußballmannschaft sei es so, dass der Trainer ein gutes Team zusammenstellt, mit ihnen übt, jedem seine Rolle klar macht und dann, wenn das Spiel losgeht, nicht viel mehr machen kann als am Rande des Spielfeldes auf- und abzugehen, sich zu ärgern oder zu freuen. Das heißt aber noch lange nicht, dass der Regisseur keine Autorenschaft und Haltung hat. Was war also die Haltung dieses Regisseurs, der es schaffte unter einem der regressivsten und brutalsten Regimes der Welt derartig zarte, friedliche Filme zu machen?

Zweifellos war er ein Humanist, der sich für die Feinheiten menschlicher Verhaltensweisen ehrlich interessierte, darin sind sich die Kritiker einig. Gleichzeitig war er aber auch kein großer Kämpfer gegen das iranische Regime. Womöglich war sein subversivster Akt, der das Regime der islamischen Republik der Lächerlichkeit preisgab, ein harmloser Wangenkuss den er Catherine Deneuve bei der Überreichung der Goldenen Palme in Cannes für sein düsteres Meisterwerk Ta-me guilass ( Der Geschmack der Kirsche, 1997) gab. In den iranischen Medien war die Empörung darüber vorerst lauter als die Freude über die Goldene Palme. Zweifellos war Kiarostami auch ein Realist, der im Iran nicht unbedingt anecken wollte, um weiter arbeiten zu können, und er tat auch das ein oder andere dafür – bewusst und manchmal sicherlich auch unbewusst. Darüber schreiben Kritiker weniger gern, zumal es in das Narrativ des unabhängigen, humanistischen Genies, dessen Filme immer wieder für eine Zeit an der Ausreise gehindert wurden oder kurzzeitig im Iran nicht gezeigt werden durften, nicht ganz hineinpasst. In einem Interview in der Zeitschrift „Salam-Honar va Adabiat“ wurde er erstaunlich deutlich: “Unser Anwesenheit im internationalen Kulturbetrieb ist sehr wichtig um die Vorstellung des Westens gegenüber einer Nation und einer Regierung, die als terroristisch dargestellt wird, zu verändern.“

Schließlich war er sich auch bewusst, dass seine Filme am stärksten sein würden, wenn er sie weiterhin im Iran drehen könnte. Für viele seiner Fans zählen tatsächlich seine letzten Filme, die im Ausland beispielsweise mit Juliette Binoche entstanden sind, zu seinen schwächeren Arbeiten. Er selbst meinte einmal in einem Interview, dass er bei den Filmen, die er im Iran gemacht hat, immer unter sehr vielen Einschränkungen litt. Bei den Filmen, die im Ausland entstanden, musste er bald feststellen, dass er zwar alle Freiheiten besaß, diese Freiheiten aber nicht nutzen konnte. Zu sehr war seine Denkweise bereits durch die Einschränkungen geformt worden. Kiarostami in einem Interview 2005: „Wenn man einen Baum, der in der Erde verwurzelt ist, von einem Ort an den anderen verpflanzt, trägt er keine Früchte mehr. Und wenn doch, dann sind die Früchte nicht mehr so gut wie an dem ursprünglichen Ort. Hätte ich mein Land verlassen, wäre ich genauso wie dieser Baum. Ich glaube wirklich, dass ich meine besten Arbeiten im Iran gemacht habe.“

Ein Schicksal wie das seines regimekritischen Regiekollegen Amir Naderi wollte er sich zeitlebens ersparen. Dieser wurde durch seine Filme Aab, baad, khaak (Wasser, Wind, Staub, 1989)  und Davande ( Der Läufer, 1990), die etwas später als Kiarostamis Khane-ye doust kojast (Wo ist das Haus meines Freundes, 1987) herauskamen, international bekannt. Naderi ging aber ins amerikanische Exil und brach komplett mit der iranischen Kultur und den iranischen Inhalten und versuchte, zunächst eher erfolglos, sich der westlichen Kultur zu nähern um andere Themen für seine Filme zu finden. Erst im Laufe der Jahre schaffte es Naderi, sich Schritt für Schritt einen neuen Platz in der Filmgeschichte zu sichern und sich ohne nostalgische Rückbesinnung auf seine verlorene Heimat neu zu erfinden. 2016 wurde er erfreulicherweise in Venedig für sein Lebenswerk ausgezeichnet.

Kiarostami wollte nie bewusst anecken und suchte sich Themen aus, die so unangreifbar und unschuldig waren, dass sie in vielfacher Weise interpretiert werden konnten. Darin lag auch ein Teil seiner Kunst. Um in einer Diktatur nicht anzuecken, muss man aber nach den Regeln spielen. Diese besagen, dass man, auch wenn man scheinbar unpolitisch agiert, dennoch als Teil des Systems zur Systemerhaltung beitragen muss. Manchmal geschieht dies auch ohne eigenes Zutun. So wurde Kiarostami sicher ungewollt immer wieder zum Spielball des islamischen Regimes, welches seine Erfolge immer dann für sich vereinnahmte, wenn es ihm gerade passte. Die iranische Regierung machte zum Beispiel zur selben Zeit, als sie Der Geschmack der Kirsche nicht in Cannes vorführen lassen wollte, international negative Schlagzeilen. Deutsche Ermittler hatten im sogenannten Mykonos-Prozess bewiesen, dass die iranische Regierung hinter den Morden in einem Berliner Restaurant steckte. Eine große Blamage, die zur Folge hatte, dass zahlreiche Länder ihre Botschafter aus dem Iran abzogen. Genau zu dieser Zeit beschlossen die iranischen Behörden – unter ihnen auch Politiker, die beim Mykonos-Prozess ausgesagt hatten – es sei von Vorteil, Kiarostamis Film in Cannes zu präsentieren, um mit positiven Nachrichten aus dem Iran Gegenpropaganda zu machen um die Balance wieder herzustellen. Ein Zitat aus der Wochenzeitschrift „Haftenameje Film“ (Nr. 260) bringt es auf den Punkt: „Der Erfolg von Kirarostamis Film ist ein Erfolg des islamischen Regimes. Iran hat es durch den richtigen Umgang mit seinen kulturellen/religiösen Akteuren geschafft, die Kritik der Gegner durch die Goldene Palme mit einem Schlag zu neutralisieren … Amir Nadri wird hoffentlich verstehen, was unsere Regierung für Vorteile bringt. Kiarostami hätte ohne die islamische Regierung nie die Möglichkeiten bekommen, die er bekommen hat.“ Ohne wirklich „Schuld“ dafür zu tragen, haben Kiarostami und seinesgleichen durch ihr Talent mitgeholfen, einem kulturfeindlichen, reaktionären System, das jedes Jahr Weltrekordhalter bei Hinrichtungen ist, eine Imagepolitur zu verschaffen. Sein japanischer Verleiher sagte einmal: „Man hat uns ein blutrünstiges Bild dieses Regimes vorgegaukelt, aber als ich diese Filme sah, war mir klar, dass der westliche Blick nicht richtig sein kann.“

Kiarostami tat dies natürlich über lange Strecken hindurch unbewusst. Er, der unermüdliche Künstler, der in vielen Disziplinen wie der Fotografie, Videokunst aber auch Lyrik, zu Hause war, wollte wohl einfach nur arbeiten und in Ruhe gelassen werden. Dazu war es scheinbar leider auch manchmal nötig, unnötige Kommentare von sich zu geben. Anders kann ich mir zum Beispiel nicht erklären, warum er 1994, als er um ein Kommentar zum verhafteten, regimekritischen Schriftsteller Ali-Akbar Sa’idi Sirjani befragt wurde, antwortete: „Ich mag keine Intellektuellen, die die Realität nicht akzeptieren wollen.“ Saidi Sirjani starb mehrere Monate später unter ungeklärten Umständen in einem iranischen Gefängnis. Er hatte das System kritisiert und dessen Realitäten tatsächlich nicht akzeptieren wollen.

Am unbegreiflichsten war wohl sein Verhalten bei den iranischen Präsidentschaftswahlen 2005 als er einen offenen, nahezu amourösen Brief an Mahmoud Ahmadinejad schrieb, in dem er betonte, wie sehr er ihn und seine Moralvorstellungen schätze und dass er ihm sein Herz widme, aber seine Stimme aus Gründen, die dem Land mehr nützen, seinem Gegenkandidaten Rafsanjani geben wird. Man kann in diesem Akt einen naiven Gefühlsausbruch sehen, oder auch, dass Ahmadinejad ihn, so wie Millionen anderer Iranerinnen und Iraner, erfolgreich getäuscht hatte. Man kann darin aber auch einen cleveren Schachzug erkennen, um nicht auf der falschen Seite zu landen, egal wer von den beiden die Wahl gewinnen würde. Leider hat Kiarostami mit diesem Brief einen Großteil seiner regimekritischen iranischen Fans im In- und Ausland verloren. Am Ende seines Lebens fragte ihn ein Kritiker worauf er stolz sei. Seine Antwort war bescheiden und doppeldeutig zugleich: „Ich glaube, das Wort Stolz ist für Menschen nicht geeignet. Ich bin auf nichts stolz.“ Kiarostamis Filme anzusehen heißt also, unfreiwillig auch wegzuschauen, und so verhält es sich wohl auch mit jeder filmischen Entscheidung für die eine Realität, die eine Kameraeinstellung, mit jedem Schnitt, der Material für immer verschwinden lässt, usw.

Ich denke dennoch, dass Kiarostami gerade wegen seiner diversen Abweichungen vom Ideal-Ich seine Menschlichkeit bewies. Wer von uns kann schon sagen, wie sie oder er sich selbst in einer Diktatur verhalten würde? Abbas Kiarostami war ein sehr feiner Mensch. Jemand, der wohl so zart besaitet war, dass er vielen Problemen um sich herum einfach aus dem Weg gegangen ist – mit der Ausnahme von Catherine Deneuve! Oft hat er einfach das gemacht, was seine Lieblingsbeschäftigung war: sich mit seinem Fotoapparat ins Auto zu setzen und loszufahren. Weg aus der Großstadt, weg von der Politik, weg von der Komplexität des iranischen Alltags hin zur Natur, zur Basis des Lebens, zur Kindheit, zur Liebe, zu den einfachen Details, für die andere keine Zeit und kein Auge mehr haben. Seine mögliche Schwäche wurde zu seiner Stärke und bereicherte uns und das Kino um ein unvergessliches, unverzichtbares Kapitel, das die Zeit überdauert. Die iranische Diktatur wird dagegen früher oder später Geschichte sein.

Das einzige Mal, als ich Kiarostami persönlich traf, war vor zwei Jahren im Wiener Allgemeinen Krankenhaus. Mein Freund Zaven Ghokassian lag im Sterben, als sich plötzlich die Zimmertür öffnete und Abbas Kiarostami im Raum stand. Er war zu einer Preisverleihung eingeladen worden und kam mit Said Manafi, einem anderen Kiarostami-Biografen und Filmemacher, um seinen alten Freund ein letztes Mal zu besuchen. Wieder einmal hatte sich der Meister vom Zentrum des Geschehens entfernt, um sich dem einfachen Leben zuzuwenden. Leider ist der Tod ein Teil davon.