Eine legendäre Kinofigur tritt ab: Harrison Ford reist zum fünften und letzten Mal als Archäologe Indiana Jones in der Zeit zurück. Ein Gespräch mit dem Hollywoodstar und Regisseur James Mangold über alternde Helden und neue Herausforderungen.
Die Erwartungen waren groß, die Bedenken fast noch größer: Seit über zehn Jahren war ein fünfter Indiana-Jones-Film geplant. Nachdem das letzte Abenteuer des Archäologen mit Hut und Peitsche von Publikum und Kritik jedoch eher verhalten aufgenommen wurde, beteuerte Harrison Ford in Interviews immer wieder, dass er das überaus erfolgreiche Franchise eigentlich für abgeschlossen halte. Schließlich schien auch Steven Spielberg irgendwann mehr Interesse an anderen Projekten zu haben und sprang als Regisseur ab. Dass der Schauspieler sich jetzt doch noch einmal den Fedora aufsetzt, ist also keine Selbstverständlichkeit. Mittlerweile hat der 1942 geborene Hollywoodstar immerhin die achtzig erreicht. Indiana Jones und das Rad des Schicksals (Indiana Jones and the Dial of Destiny) spielt (größtenteils) Ende der sechziger Jahre, zu einer Zeit, als „Indy“ selbst längst im Rentenalter ist – und davor schreckt auch der Film unter der Regie von James Mangold nicht zurück.
Schon zu Beginn steht es nicht gut um den ergrauten Archäologen: Nachdem der Sohn im Vietnam-Krieg gefallen ist und seine Frau Marion die Scheidung eingereicht hat, bleibt Dr. Jones lediglich seine Uni-Professur, an die er sich klammert. Doch nun droht ihm auch noch der Ruhestand, während die Welt draußen die Mondlandung feiert und von der Zukunft träumt. Lange her sind die Zeiten, in denen der Geschichtsexperte auf Schatzsuche ging und den Nazis bei halsbrecherischen Verfolgungsjagden kostbare Artefakte entriss. Von derartigen Heldentaten kann er heute nur noch träumen. Erst als seine Patentochter Helena (Phoebe Waller-Bridge) auftaucht, die sich ebenso leidenschaftlich wie der deutsche NASA-Wissenschaftler Jürgen Völler (Mads Mikkelsen) für das titelgebende Rad des Schicksals interessiert, ist die Vergangenheit plötzlich wieder ganz nah.
Mangolds Version des Abenteuer-Klassikers spielt gekonnt mit dem Hype um die Neuauflage ebenso wie mit der Realität. Sein bisher umsatzstärkster Film, Logan (2017), war ebenfalls ein Abgesang auf einen „Helden in der Dämmerung“, wie er selbst sagt. Aber Indiana Jones and the Dial of Destiny ist kein trauriger Film. Auch der letzte Teil des Franchise verneigt sich vor dem Spielberg’schen Vermächtnis. Die Parallelen zwischen dem fünften Ableger der Reihe und den Blockbustern aus den Achtzigern sind offensichtlich: Es geht heiß her auf Zugdächern, in Tuk Tuks oder zu Pferd im U-Bahn-Schacht. Finstere Höhlen und Grabstätten voller Spinnweben und historischer Kostbarkeiten gibt es auch. Ford lässt sich sein Alter kaum anmerken. Mit Charme und Witz schlägt er sich wie gewohnt durch die Geschichte. Ein Hauch von VFX-Magie hilft, den Schauspieler digital in die Ära der ursprünglichen Original-Trilogie zu versetzen und entsprechend zu verjüngen. Und die gewünschte Nostalgie kommt regelmäßig auf, sobald John Williams’ unverkennbare Filmmusik ertönt.
Harrison Ford und Regisseur James Mangold im Interview
Mr. Mangold, es heißt, dass Harrison Ford Ihnen diesen Job besorgt hat. Stimmt das?
James Mangold: Nicht ganz. Harrison kam auf mich zu, ebenso wie Produzentin Kathy Kennedy und Steven Spielberg. Es war eine Art Triumvirat der Überredungskunst. Denn, ob sie es glauben oder nicht, ich habe nicht gleich zugesagt.
Warum nicht?
JM: Das hatte mehrere Gründe: Zum einen gab es zu dem Zeitpunkt bereits einen Starttermin für das Projekt. Aber Harrison und ich, wir waren beide der Meinung, dass das Drehbuch noch nicht hundertprozentig saß. Zum anderen ist mit einen Film wie diesem eine enorme Verantwortung verbunden. Und nichts ist schlimmer, als wenn in Hollywood solche riesigen Produktionen, mit denen unglaublich viele Erwartungen verknüpft sind, aus Zeitdruck schon grünes Licht bekommen, obwohl sie noch gar nicht so weit sind. Das wollte ich unbedingt vermeiden.
Was hatten Sie am Drehbuch auszusetzen?
JM: In erster Linie wollte ich sicherstellen, dass das Drehbuch offen und realistisch mit dem Alter von Indiana Jones umgeht. Ich fand, dass sich die Sichtweise einer Figur in den späteren Lebensjahren einfach verändert. Die Perspektive auf das, was in der Vergangenheit geschehen ist, und das, was vor einem liegt, ist eine andere. Und obwohl es sich bei dem Franchise natürlich um Abenteuerfilme und Unterhaltung handelt, war es mir wichtig, bei der Charakterzeichnung mit diesem Aspekt so ehrlich wie möglich umzugehen.
Mr. Ford, wie haben Sie sich gefühlt, ein fünftes Mal in die Rolle von Indiana Jones zu schlüpfen?
Harrison Ford: Es ist nicht so, dass ich noch eine Rechnung mit Indiana Jones offen gehabt hätte. Aber ich hatte Lust darauf, seine Geschichte zu Ende zu erzählen. Wir haben über 40 Jahre mit diesem Mann verbracht, fast ein ganzes Leben. Ich wollte sehen, wie er sich der Herausforderung des Alterns stellt. Und mich hat interessiert, wie er damit umgeht, dass sich die Welt seit seinen großen Abenteuern in den 1930er Jahren enorm verändert hat. Ende der Sechziger ist schließlich nicht mehr viel davon übrig. Schwarz und Weiß, Gut und Böse, solche Kategorien wie damals im Hinblick auf die Nazi-Zeit greifen plötzlich nicht mehr. Stattdessen ist die Welt voller Grautöne. Sie ist kompliziert, sie ist modern. Rock’n’Roll, Raumfahrt und Atomkraft sind angesagt. Es gibt keinen moralischen Kompass. Und Helena, gespielt von Phoebe Waller-Bridge, ist die Verkörperung dieser Realität. Ihre Rolle wird entscheidend für die Stärke des Films. Und die Beziehung zwischen ihrer Figur und meiner ist – abgesehen von Karen Allen als Marion – eine der innigsten Beziehungen, die das Franchise jemals hervorgebracht hat.
Es scheint eine natürliche Dissonanz zwischen dem Idealismus des ursprünglichen Konzepts des Films und der Zeit zu geben, in der er spielt.
JM: Ja, ich wollte, dass dieser Konflikt Teil des Films ist. Ich hatte das Gefühl, dass das letzte Indiana-Jones-Abenteuer vor 15 Jahren vor allem mit der Schwierigkeit zu kämpfen hatte, den Dreißiger- und Vierziger-Jahre-Stil der früheren Filme in die dunkleren, komplexeren Fünfziger zu übertragen. Das wollte ich dieses Mal vermeiden.
Haben Sie sich darüber Gedanken gemacht, wie es Indy in den letzten 15 Jahren ergangen ist?
HF: Es ging mir weniger um die Vergangenheit. Ich wollte, dass die Figur der Realität ins Auge blickt. Denn das ist es, was mich momentan auch persönlich beschäftigt. Ich bin nicht mehr jung, mein Körper will nicht mehr wie früher, das bewegt mich. Und ich finde, das ist ein Aspekt, der im derzeitigen Unterhaltungskino immer noch zu wenig untersucht wird.
Welche Erwartungen hatten Sie damals, 1981, an Indiana Jones? Hätten Sie gedacht, dass Ihre Figur 40 Jahre überdauern würde?
HF: So etwas kann man nicht vorhersehen. Ich bin schon froh, wenn ich beim Drehen mit einem gewissen Maß an Selbstachtung durch den Tag komme. Das ist natürlich einfacher, wenn man einen guten Draht zum Regisseur hat. Und ich hatte das große Glück, mit einem Genie wie Steven Spielberg arbeiten zu dürfen – und jetzt mit James. Meine ganze Karriere ist ein ewiger Lernprozess und das ist der Grund, warum ich immer noch dabei bin: Es geht darum, sich immer wieder neu zu erfinden, die eigenen Ambitionen neu zu ordnen. Ich nehme an, als Regisseur ist das nicht viel anders, oder?
JM: Es war einer der Gründe, warum ich mich auf den Film gestürzt habe. Ich habe die Fallstricke gesehen. Ich wusste aus erster Hand, welche besonderen Herausforderungen mit einem Franchise verbunden sind. Ich konnte mit dem Druck und den Erwartungen der Fans umgehen. Aber was mich neben der Geschichte am meisten an dem Projekt gereizt hat, war die Zusammenarbeit. Wenn Harrison sagt, er hätte mit Legenden gearbeitet – dann habe ich das jetzt auch. Und damit meine ich nicht nur Harrison selbst und Steven Spielberg, sondern auch John Williams. Es war ja nicht so, dass ich ihm den Rohschnitt geschickt habe und er hat daraufhin die Musik komponiert. Wie haben über einzelne Szenen diskutiert, wir haben verhandelt. Es war ein munteres intellektuelles Tauziehen. Und auch wenn man mit einem Schauspieler von Harrisons Kaliber arbeitet, hat man es mit jemandem zu tun, der seinen Job zu hundert Prozent versteht. Und wenn man für einen Austausch offen ist, kann man auch etwas dazu lernen. Ganz ehrlich, es ist mir nicht immer leicht gefallen. Ich bin es gewohnt, meinem Instinkt zu vertrauen. Aber ich hatte die Chance meines Lebens und habe sie genutzt.
Welche Elemente mussten Ihrer Meinung nach unbedingt in die Geschichte einfließen, um der Idee der Indiana-Jones-Filme treu zu bleiben?
JM: Es wird bei einem Franchise immer problematisch, wenn man versucht, dem Publikum das gleiche Gericht wie beim letzten Mal zu servieren. Und das steht für mich auch im Widerspruch zu meinem Job, der darin besteht, eine neue, originelle Story zu erzählen. Bei Indiana Jones denke ich an einen Film über Idealismus und einen Helden vergangener Tage, der sowohl mutig als auch feige ist, der temperamentvoll und schwierig, aber auch lieb und voller Herz sein kann. Und diesen Helden mit seiner Peitsche und dem Hut, der Tasche und der Lederjacke in eine Zeit zu versetzen, in der all diese Dinge einen zweiten Blick hervorrufen könnten, war für mich eine Voraussetzung. Auch in Bezug auf den Ton: Diese wunderbare Mischung aus Humor und Action, Charme und Historie, ist es, was Indiana Jones für mich ausmacht. Das sind für mich die Grundpfeiler dessen, was diese Filme sein müssen. Aber so sehr ich hoffe, möglichst viele Fans mit meiner Version begeistern zu können, so sehr weiß, ich auch, dass man nie alle Zuschauer glücklich machen kann.
Obwohl der Film in der Vergangenheit spielt, behandelt er viele Themen, die heute wieder aktuell sind, wie Krieg oder den Druck von rechts. Wie wichtig war das für Sie?
HF: Das ist etwas, worüber James und ich vor Beginn der Dreharbeiten lange gesprochen haben. Es gibt in meinem Leben viele Dinge, die ich nicht erklären kann, Dinge, die wir in diesem Film sehen. Zum Beispiel weiß ich nicht, was das Böse ist oder ob es so etwas überhaupt gibt. Ich kann nicht begreifen, warum es toleriert wird. Ich verstehe nicht, warum wir hier sitzen, während nebenan ein unsinniger Krieg wütet, und wie wir das zulassen können, als ob nichts wäre. Es geht gar nicht so sehr darum, was die Leute glauben, sondern wie sehr sie es glauben. Es geht um Fanatismus. Denn wenn man etwas glaubt, ohne der Komplexität der Problematik auf den Grund zu gehen, ist das so, als würde man den Teufel zur Hochzeit einladen. Dann wird es gefährlich. Man muss Gespräche zulassen. Sonst entstehen Bitterkeit, Wut, Uneinigkeit und Hass in der Menschheit. Natürlich können wir die Welt nicht mit einem Film verändern. Aber was die Menschen in zwei Stunden zusammenschweißt, ist eine gemeinsame menschliche Erfahrung. Eine emotionale Erfahrung im Dunkeln. Allein deshalb ist es wichtig, dass wir wieder ins Kino gehen und versuchen, uns gegenseitig die Seele zu wärmen.
Welche Art von Gesprächen haben Sie im Vorfeld mit Steven Spielberg geführt? War es seltsam für Sie, dass er diesmal nicht selbst Regie geführt hat?
HF: Es war alles seltsam. Und damit meine ich, es war schon immer seltsam. Uns beide verbindet eine so lange, intensive Beziehung, das ändert sich nicht dadurch, dass er dieses Mal nicht aktiv involviert war. Regelmäßig ausgetauscht haben wir uns trotzdem. Indiana Jones ist und bleibt seine Schöpfung.
JM: Wir folgen der DNA der früheren Filme. Es gibt einen kontinuierlichen Dialog. Ich habe von Steven Spielberg gelernt, lange bevor ich ihn persönlich getroffen habe. Früher habe ich Super-8-Filme gedreht und seine Meisterwerke Bild für Bild studiert. Und ich weiß, dass Harrison aus Respekt vor mir sehr vorsichtig ist mit dem, was er sagt, aber natürlich sind Stevens Fingerabdrücke überall auf diesem Film. Er kam viele Male ans Set. Selbst an den Wochenenden, als er The Fabelmans drehte, haben wir uns ausgetauscht. Es ist fast unmöglich, die Zusammenarbeit zu beschreiben. An Ihrer Stelle wäre ich auch skeptisch zu hören, wie herzlich und unkompliziert alles ablief. Aber es ist absolut wahr.
Was macht Indiana Jones und Harrison Ford Ihrer Meinung nach zu einer so guten Mischung?
JM: Ich finde, sie passen deshalb so gut zusammen, weil sie sich so nahe sind, das ist das Erfolgsgeheimnis. Harrison ist ein Idealist und ein Entdecker, furchtlos, lernbegierig und stur, genau wie seine Rolle. Er ist ein unkonventioneller Eigenbrötler, und Indiana Jones ist das ebenfalls. Beide sind unglaublich witzig. Ich glaube, dass die Figur tief in ihm verwurzelt ist. Einer ohne den anderen wäre überhaupt nicht denkbar gewesen. Weder damals noch heute.
