Filmkritik

Abteil Nr. 6

| Pamela Jahn |
Eine Zugreise durch Russland macht eine Annäherung der Gegensätze möglich.

Mark Twain hat es einmal so formuliert: Es gibt kein sichereres Mittel festzustellen, ob man einen Menschen mag oder hasst, als mit ihm auf Reisen zu gehen. Die finnische Archäologiestudentin Laura (Seidi Haarla) tritt ihre Fahrt nach Murmansk zunächst etwas unfreiwillig gemeinsam mit dem russischen Minenarbeiter Ljoha (Yuriy Borisov) an, mit dem sie sich ein Zugabteil auf dem Weg in den kalten Norden seines Landes teilt. Eigentlich hätte sie die Professorin Irina begleiten sollen, mit der Laura in Moskau eine Beziehung führt, aber daraus wurde nichts, weil Irina beruflich verhindert ist. Also macht sich die junge Forscherin allein auf den Weg, um einige Petroglyphen zu betrachten, mysteriöse Felsbilder aus prähistorischer Zeit. Ljoha dagegen ist auf der Suche nach Arbeit. Er ist ein roher Typ, der viel Wodka trinkt und auch sonst jedem Klischee entspricht, dass man von einem jungen Russen seines Standes erwartet: Ohne Anstand und Manieren, aber dafür mit jeder Menge Beleidigungen und frauenfeindlichen Kommentaren strengt er sich zunächst wenig an, um mit Laura Freundschaft zu schließen. Aber die Reise ist lang und mit jedem Kilometer taut das Verhältnis zwischen dem unfreiwilligen Paar immer weiter auf.

Die Prämisse – zwei Menschen, eine Zug-reise – ist im Kino natürlich nicht neu und Richard Linklaters Before Sunrise hat bereits 1995 mit Julie Delpy und Ethan Hawke in den Hauptrollen die Messlatte ziemlich hochgelegt. Doch auch der finnische Regisseur Juho Kuosmanen, der erstmals vor fünf Jahren mit seinem sympathischen Langfilmdebüt Der Glücklichste Tag im Leben des Olli Mäki über einen Boxprofi in den Sechzigern international von sich reden machte, versteht es in Abteil Nr. 6 mit einem kalkulierten Charme zu operieren, der den Film leicht zu einem Publikumsliebling macht. Und auch ohne dass sich Laura und Ljoha Hals über Kopf ineinander verlieben, stellt sich angesichts der zunehmenden Annäherung zwischen den Figuren ein versöhnendes Gefühl der Wärme und Verbundenheit ein. Bei den Filmfestspielen in Cannes hat es im vergangenen Jahr sogar für den großer Preis der Jury gereicht. Dabei bleiben einige grobe Mängel, die Figuren und Handlung aufweisen, jedoch keinesfalls unsichtbar. Vor allem die Glaubhaftigkeit der Geschichte insgesamt sowie Ljohas antifeministisches Auftreten sind Hürden, über die man erst einmal springen muss, um die Reise nicht vorzeitig abzubrechen.