Anlässlich des Kinostarts von „Actrices“ : Ein Porträt der Schauspielerin und Regisseurin Valéria Bruni Tedeschi.
Sie gehört zu den Frauen, deren Charme man nicht auf den ersten Blick erliegt. Doch blitzt auf Valéria Bruni Tedeschis ausdrucksstarkem Gesicht ihr Kleinmädchenlächeln auf, und senkt sie dabei den Kopf ganz leicht verschämt nach unten, ist das geeignet, den Beschützerinstinkt im Mann zu wecken. Dabei hat die 43-Jährige ihr Leben bislang auch ohne Ehemann an der Seite ganz gut in den Griff bekommen. Nach ihrer Ausbildung an der Schauspielschule von Nanterre, wo sie unter anderem bei Regisseur Patrice Chéreau lernte, hat sie sich als eine der interessantesten Schauspielerinnen im französischen und italienischen Kino etabliert. So arbeitete sie nicht nur mit Regiegrößen wie Nanni Moretti, Claude Chabrol und François Ozon zusammen, sondern war auch in internationalen Filmen wie Steven Spielbergs Munich (2005) oder neben Russell Crowe in A Good Year (2006) zu sehen. Doch die Schauspielerin mit der kindlichen Stimme und dem schmalen Gesicht, die aus einer reichen italienischen Industriellenfamilie stammt, kann noch mehr: Regie führen. Ein Talent, das sie mit ihrem zweiten Film Actrices (2007) erneut unter Beweis stellt.
Wie bei ihrem Erstling Il est plus facile pour un chameau… (Eher geht ein Kamel durch‘s Nadelöhr..., 2003) hat Bruni Tedeschi nicht nur zusammen mit der Regisseurin Noémie Lvovsky das Drehbuch zu Actrices geschrieben, sondern auch selbst die Hauptrolle übernommen. Kein Wunder, ist doch Actrices ebenso wie ihr erster Film sehr autobiografisch gehalten und die Handlung in weiten Teilen dem Leben der Schauspielerin nachempfunden. Stellte sie in Il est plus facile pour un chameau… vor allem ihre bourgeoise Familie in den Mittelpunkt des Geschehens, so widmet sich Bruni Tedeschi in Actrices nun ganz sich selbst und ihrem Beruf als Schauspielerin, der für sie – das wird im Verlauf des Films sehr deutlich – Traumberuf und zugleich auch blanker Albtraum ist. Marcelline, die Protagonistin von Actrices, ist eine bekannte Schauspielerin, die mitten in den Proben zu einem neuen Stück in eine Sinnkrise stürzt, weil sie nach und nach realisiert, dass sie ihr wahres Leben zu Gunsten ihres Lebens auf der Bühne vernachlässigt hat und nun, mit vierzig, ganz alleine dasteht. Ein Gefühl, das die Regisseurin, wie sie kürzlich in einem Interview gestand, nur allzu gut kennt: „Im Film habe ich alles gehabt: etliche Berufe, Ehemänner und Kinder. Doch im wirklichen Leben keinen einzigen Mann und auch noch kein Kind. Man spielt ständig die Liebe – und plötzlich findet man sich mit vierzig zu Hause wieder, ganz allein, und hat nicht gemerkt, wie die Zeit verstrichen ist.“
Doch Marcelline ist mehr als ein bloßes Spiegelbild der Regisseurin, sie steht als Platzhalter für alle Menschen, die in ihrer Lebensmitte vom Gefühl übermannt werden, den falschen Weg eingeschlagen zu haben und nun, aus Angst, das wahre Glück nicht mehr zu erleben, versuchen, ihrem Leben eine neue Richtung zu geben. Durch ein Kind hofft Marcelline, ihrem Leben, das ihr plötzlich nur noch wie eine Scheinwelt erscheint, einen Sinn fernab des Theaters geben zu können. Es mag eine ähnliche Krise wie jene Marcellines gewesen sein, die Bruni Tedeschi dazu bewogen hat, sich hinter die Kamera zu stellen und Regie zu führen.
Filmische Autobiografie
Actrices ist natürlich nicht nur ein weiteres Selbstporträt der Regisseurin, sondern zugleich auch ein Schlüssel zu ihrem Leben, ihren Themen und ihren Wurzeln. Durch die Rolle, welche die katholische Kirche in den Filmen von Bruni Tedeschi einnimmt, wird sehr deutlich, wie geprägt die Regisseurin von ihrer italienischen Herkunft ist. Nicht nur, dass der Titel ihres ersten Filmes einem Zitat aus dem Matthäus-Evangelium entnommen ist, auch ihre Figuren haben einen starken Hang zum Religiösen. So ist die verwöhnte Federica in Il est plus facile pour un chameau… davon besessen, die Beichte abzulegen, obwohl ihr eigentlich gar keine begangenen Sünden einfallen. Auch die verstörte Marcelline wendet sich in ihrem Wunsch nach einem Kind flehentlich an die Jungfrau Maria, anstatt ein ausführliches Gespräch mit einer Gynäkologin zu führen, was wohl Erfolg versprechender wäre.
Auch die Familie spielt bei Bruni Tedeschi, ganz dem Klischee der italienischen Großfamilie entsprechend, eine zentrale Rolle. Sie mischt sich in alles ein – egal, ob es sich um Liebeswirren oder den passenden Lippenstift dreht. Vater, Mutter, Schwes-ter sind durch ihre Ratschläge, ihren Reichtum und ihren Erfolg omnipräsent und hindern Bruni Tedeschis Hauptfiguren – Marcelline ebenso wie Federica – daran, ein eigenes, selbstbestimmtes Leben zu führen. Ein Luxusproblem, könnte man einwenden, aber eben ein Szenario, das der Regisseurin nicht fremd sein dürfte, standen doch schon ihre beiden Eltern, der Großindustrielle und Opernkomponist Alberto Bruni Tedeschi und die Konzertpianistin Marysa Borini, im Licht der Öffentlichkeit. Und auch ihre Schwester, die in letzter Zeit vor allem wegen ihrer Ehe mit dem mächtigsten Mann Frankreichs in aller Munde war, hat Valéria trotz ihrer Erfolge immer in den Schatten gedrängt. Dennoch hat Valéria Bruni Tedeschi ihre Mutter für ihre beiden Filme engagiert, oder vielleicht auch gerade deshalb, wenn sie dadurch in der Beziehung zur Mutter wenigstens für einige Zeit die Zügel in die Hand nehmen konnte.
Die Liebe zur Kunst als Bindeglied
Auch wenn die beiden Schwestern Bruni auf den ersten Blick sehr gegensätzlich erscheinen und ein völlig unterschiedliches Bild von sich in der Öffentlichkeit präsentieren, gibt es Dinge, welche die beiden verbinden, wie die Liebe zur Kunst und die Ängste der Kindheit. Mit neun Jahren musste Valéria Bruni Tedeschi aus Angst vor einer drohenden Entführung durch die Roten Brigaden mit ihrer Familie Italien verlassen und nach Frankreich übersiedeln – und somit von einem Tag auf den anderen nicht nur ihre Heimat, sondern auch ihre behütete Kindheit hinter sich lassen. Eine Emigration aus Reichtum, nicht aus Armut, wie Bruni Tedeschi einmal feststellte. Ihr Überfluss an Wohlstand ist es aber auch, der sie anscheinend am meisten beschämt. Dies wird insbesondere durch eine Aussage ihres Alter ego Federica gegenüber dem Pfarrer deutlich, dem sie während der Beichte gesteht, dass ihr Wohlstand der Grund ist, weshalb sie sich immer schuldig fühlt. Gerade aufgrund ihres Vermögens fühlt sich Federica verpflichtet, mit ihrem Leben etwas Besonderes anzufangen, ihr Leben mit Sinn zu füllen. Ein Druck, den vielleicht auch die Regisseurin selbst verspürt, der sie jedoch nicht daran hinderte, mit ihrem Beruf als Schauspielerin einen geradlinigen künstlerischen Weg einzuschlagen. Leider war sie meist in der Rolle der neurotischen Frau zu sehen, die immer unbeholfen und schutzlos im Vergleich zu ihrem Umfeld wirkt. Starke, selbstbewusste Frauen durfte sie nur selten geben, Frauen wie Marion in François Ozons Ehedrama 5×2 (2004). In einem Interview gab Bruni Tedeschi zu Protokoll, diese Rolle habe sie erst zur Frau gemacht, weil sie endlich einmal schön sein durfte. Das wiederum mag gar nicht glauben, wer sie in Actrices bei der Arbeit sieht. Denn trotz der flatterhaften, leicht hysterischen Art, die auch dieser Rolle anhaftet, schimmert Glanz und Geheimnisvolles durch. Etwas Besonderes, Einzigartiges, eben das, was eine eigenwillige Persönlichkeit wie Valéria Bruni Tedeschi ausmacht und was man nur bei wenigen Schauspielerinnen findet.
