Ai Weiwei: Never Sorry

Filmkritik

Ai Weiwei: Never Sorry

| Ralph Umard |

Sehr persönliches, facettenreiches Portrait des prominenten Künstlers und Bürgerrechtlers

Als rund 70.000 Chinesen in der südlichen Provinz Sichuan bei einem Erdbeben ums Leben kamen, reagierte der politisch engagierte, regimekritische Künstler Ai Weiwei auf die Katastrophe mit einer gewaltigen Internetkampagne zum Gedenken an abertausende Schulkinder, die in den Trümmern schlampig gebauter Schulen starben. Mit dieser Blog-Aktion beginnt das umfassende  Porträt eines unbeugsamen Mannes, der seine privilegierte Stellung als weltbekannter Künstler dazu nutzt, immer wieder Missstände in seiner Heimat sowie Unrechts- und Willkür-aktionen im staatskapitalistischen System Chinas per Twitter oder Performance-Auftritt anzuprangern.

Etwa als Shanghaier Behörden Ai die Baugenehmigung für eine Kunsthalle erteilten und das Gebäude nach Fertigstellung sofort abreißen ließen. 2009 bekam der Freiheitskämpfer erstmals die Staatsgewalt am eigenen Leib zu spüren, als er von einem Polizeibeamten niedergeschlagen wurde und eine lebensgefährliche Gehirnblutung erlitt. Eine der spannendsten Szenen des Films zeigt, wie Ai den Schläger auf offener Straße stellt, um ihn zur Rechenschaft zu ziehen. Wenn Ai und seine Mitarbeiter auf der einen Seite und die Polizei auf der anderen Seite sich hier und auch noch bei anderer Gelegenheit gegenseitig filmen, entbehrt das nicht einer gewissen absurden Komik.

Vorgestellt wird Ai Weiwei nicht nur als Politaktivist, Architekt, Fotograf und vielseitiger Künstler, der von Marcel Duchamp und Fluxus inspiriert wurde. Wie Andy Warhol läßt Ai Kunstwerke von Mitarbeitern nach seinen Konzepten fertigen. Ai gewinnt auch als Mensch Kontur, wenn er sich erstaunlich offenherzig über seine Gedanken, Gefühle oder Familienbeziehungen äußert, im Dialog mit seiner Mutter oder im Gespräch über eine außereheliche Beziehung, die ihm einen Sohn bescherte. Persönlich prägend war das Verhältnis zum Vater, einem berühmten Dichter und Maler, sowie ein zehnjähriger Aufenthalt in New York.

Bisher haben Repressionen Ai nicht mundtot, sondern populärer gemacht. Der Versuch, ihn mittels eines fingierten Steuerschuldbescheides in Millionenhöhe materiell zu ruinieren, schlug fehl, da 30.000 Chinesen einen Großteil der Summe spontan über Spenden aufbrachten. Unlängst ließ das Justizministerium verlauten, dass Anwälte bei Erhalt oder Erneuerung ihrer Lizenz einen Eid auf die Kommunistische Partei schwören müssen, was die Arbeit von Ais Verteidigern im Steuerstreit erschweren dürfte.