Al Pacino

The Mighty Midget

| Oliver Stangl |

Schauspiellegende Al Pacino wurde am 25. April siebzig. Anlass für einen Rückblick in Bildern auf eine beeindruckende, aber auch wechselvolle Karriere.

Sei es als Drogensüchtiger in Jerry Schatzbergs The Panic in Needle Park (1971), als neu erkorener Anführer eines Mafiaclans in Francis Ford Coppolas The Godfather (1972) und The Godfather: Part II (1974), als unbestechlicher Cop in Serpico (1973), als bisexueller Bankräuber in Dog Day Afternoon (1975; beide von Sidney Lumet): Die Siebziger Jahre waren ein künstlerisch eindrucksvolles Jahrzehnt für den in der Lee Strasberg School of Acting ausgebildeten Method Actor Alfredo James Pacino. Der in East Harlem geborene Sohn eines italo-amerikanischen Ehepaares verstand es wie kaum ein anderer, seine Figuren mit Tiefgründigkeit und naturalistischem Charisma zu versehen. Man sah den komplexen, vom Leben gebeutelten Charakteren, die er darstellte, gern zu, bei ihren Triumphen ebenso wie bei ihrem viel häufigeren Scheitern. Dabei wäre es zum großen Durchbruch beinahe gar nicht gekommen: Von den Godfather-Produzenten ungeliebt und nur als „the midget“ bezeichnet (Pacino misst 1,68 Meter) erwog er, das Handtuch zu werfen. „Al doesn´t like to stay in places where he is not wanted“, wie es Coppola im Regiekommentar zu The Godfather ausdrückt. Doch der „Wicht“ blieb, wurde durch intensives Schauspiel, ein gutes Gespür für spannende und sozialkritische Themen sowie fünf Oscar-Nominierungen in nur sieben Jahren rasch larger than life und avancierte neben seinem Godfather-Kollegen Robert De Niro zum Role Model für junge Schauspieler.

Mit dem Ende der kreativen Ära New Hollywoods Anfang der Achtziger Jahre erlebte Pacinos Karriere jedoch einen Durchhänger: Zwar hatte er in Brian de Palmas Scarface (1983)  einen kultigen Auftritt als gern koksender und herumballernder Gangster Tony Montana, doch der künstlerische wie kommerzielle Flop des Bürgerkriegsschinkens Revolution (1985) bewog ihn dazu, dem Kino gleich für mehrere Jahre den Rücken zu kehren. Erst 1989 feierte er mit dem Erotikthriller Sea of Love (1989) an der Seite von Ellen Barkin ein Comeback als ausgebrannter Cop. Müde Männer, die ihrer Sache überdrüssig sind, sollte Pacino in den nächsten Jahren noch oft spielen – auch sein Aussehen passte sich dem immer mehr an. Die so markanten Augenhöhlen schienen sich in der Leinwandpause noch stärker vertieft zu haben. Nach einer fulminanten, hochkomischen Leistung als cartoonartiger Gangster in Warren Beattys wunderbar künstlicher Comicverfilmung Dick Tracy (1990) und einem letzten Auftritt als Michael Corleone in The Godfather: Part III – wie beeindruckend er die Wandlung Michaels vom sanften Jüngling zum eiskalten Gefühlszombie und schließlich mit sich selbst hadernden Alten darstellte, ist unerreicht – , holte er sich für die Verkörperung eines rabiaten, blinden Kriegsveteranen in Martin Brests Scent of a Woman (1992) schließlich den Oscar. Auch als Regisseur machte Pacino gute Figur: Sein dokumentarisches Regiedebüt Looking for Richard (1996) ist eine vielschichtige Annäherung an den Shakespeare’schen Bösewicht Richard III. In Brian De Palmas Carlito´s Way (1993) kehrte er als alternder, aussteigewilliger Gangster ins Mafiagenre zurück; Michael Mann bescherte ihm Auftritte in den Meisterwerken Heat (1995) und The Insider (1999).

Dass er in den Nullerjahren eher durch hemmungsloses Textbrüllen und Auftritte in mittleren Filmkatastrophen (der 2003 gedrehte Gigli gilt als einer der schlechtesten Filme aller Zeiten und brachte ihm eine Razzie-Nominierung als schlechtester Nebendarsteller ein) von sich reden machte, sei ihm verziehen. Denn wer ein über weite Strecken so beeindruckendes Werk vorlegte, wie Pacino, darf sich auch mal ein paar schlechte Jahre leisten – geht De Niro ja genauso.

I´m an actor, not a star. Stars are people who live in Hollywood and have heart-shaped swimmingpools.

My first language was shy. It´s only by having been thrust into the limelight that I have learned to cope with my shyness.