Von französischen Schulen lernen: In Alain Bergalas Kino als Kunst wird der Film selbst zum Inhalt, zur schöpferischen Betrachtung.
Seit mehreren Jahren ist in Frankreich der Geist der Cahiers du cinéma – von Rohmer, Rivette und Godard bis hin zu Daney, Douchet und Bergala – in die Philosophie der Filmlehre an den Schulen eingegangen. Und zwar keineswegs dogmatisch oder überintellektuell, sondern lehrreich: Ein Katalog der besten Filme seit den Brüdern Lumière wird hier sukzessive zugänglich gemacht (Bergalas Kollektion L’Eden cinéma), dazu wurde eine Methodik erarbeitet, Filmsequenzen untereinander ins Verhältnis zu setzen, an Vergleichen zu lernen und Einstellungen zu studieren, wofür die DVD-Technologie sich von großem Wert erwiesen hat. Wenn der Markt das Kino als eine schnell verbrauchte, kurzlebige Ware anbietet, sollte der Film als Kunst an den Schulen zugänglich sein, so die schlüssige Überlegung Bergalas. Zugänglich und nutzbar wie ein Schulbücherei.
Alain Bergala, früherer Chefredakteur der Cahiers du cinéma, ist selbst Spiel- und Dokumentarfilmregisseur, unter seinen zahlreichen Veröffentlichungen befinden sich Bücher über Roberto Rossellini, über das Kino in Magnum-Fotografien und Nul mieux que Godard (1999). Bergala lehrt heute an der Filmhochschule FEMIS und der Universität Paris III. Als Filmberater des französischen Bildungsministeriums leitete er das von Jacques Lang begründete nationale Schulfilmprogramm Le cinéma à l’école und entwickelte in diesem Zusammenhang eine DVD-Reihe für den Unterricht. Kino als Kunst ist auch gewonnen aus der komprimierten Erfahrung eines Unterrichtsmodells namens P.A.C. (Projet artistique et culturel), die Kunstprojekt-Klassen. Diese wurden neben dem Fachlehrer unter Hinzuziehung eines selbstständigen Künstlers bzw. Filmschaffenden unterrichtet, mit einem starken Anteil praktischer Filmarbeit.
Bergala lehnt die (nur allzu vertraute) Instrumentalisierung des Films an den Schulen als Sinn- oder Ideologieträger entschieden ab – Schluss damit, Film mit Beispielen der Literaturadaption oder Historien-Inszenierung als Vehikel einzusetzen und zum Anlass zur Diskussion zu degradieren. Statt Lehrmittel zu sein, wird der Film selbst Lerninhalt, sein „Schaffensprozess“ wird beobachtet und analysiert. Man geht in die eigene Praxis des Filmemachens über, wofür Bergala aus eigener Lehrerfahrung methodische Beispiele für Gestaltungsaufgaben nennt. Dabei ist jede falsche Didaktisierung, jede Anbiederung an die Welt der Jugendlichen zu vermeiden, wofür diese ein untrügliches Gespür besitzen (Mit entschiedener Abneigung zeigte mir meine Tochter kürzlich Unterrichtsmaterialien zu Schillers Räuber im Jargon der Kids!). Dies ist ein Gebot des Respekts gegenüber den Schülern ebenso wie den Werken.
Bergala betrachtet Film als „vertrauenswürdige Größe“, er vermittelt ein „gutes Objekt“, das man nicht mit dem Universalnenner „audiovisuelle Medien“ in einen Topf werfen darf. Wenn Geschmacksbildung und Urteilskriterien sich an ausdrücklich positiven Werken entwickeln, ist das für Bergala die adäquate Antwort auf die schlechten Filme und das miserable Fernsehen, deren Qualität sich im Vergleich mit jener Kunst selbst decouvriert. Die Schule soll der Ort sein, an dem die Zeit zu „schöpferischer Betrachtung“ des Films gegeben wird, statt vorderhand zu analysieren oder die Sinne interpretatorisch diskursiv abzuschotten. So mag man Aufmerksamkeit für die künstlerische Form erreichen, Sinn für das Werk aus der Perspektive des Schaffenden, indem die Schüler sich als potenzielle Regisseure betätigen. Zuzeiten, da eine Öffnung digitaler Archive mit breiter Zugänglichkeit von Filmbildern eine massive Desorientierung und Überwältigung nach sich ziehen wird, ist es höchste Zeit für diese Ausbildung.
Rücksicht und Respekt
Kino als Kunst ist der persönliche Erfahrungsbericht eines Cinéphilen und Pädagogen, das Zeugnis einer Filmpädagogik, die in Deutschland weitgehend unbekannt ist“, heißt es im Vorwort. Tatsächlich gibt es pädagogische Arbeit um das Kino seit den Anfängen: Sitte, Moral und kulturelle Werte als Schutzwall gegen die Verderbnis der Jugend. Die katholische Kirche und auch die Linke haben sich nach dem Zweiten Weltkrieg an der Filmclub-Basis engagiert, bis sich mit der Erforschung politischer Propaganda wie kommerzieller Werbung auch ein großes, sich im Lehrplan niedergeschlagenes Misstrauen gegen die Filmproduktion gewendet hat, um die Jugendlichen medienpädagogisch gegen manipulativen Gehalt der Bildindustrie zu immunisieren – eine Kritik also an der „Bewusstseinsindustrie“.
Kino hat sich die längste Zeit gegen bzw. neben dem tradierten Bildungskanon abgespielt und war fast subversiv dem Ernst des Lebens abzutrotzen. Phantasie schlägt Reglement. Die meisten Jugendlichen besitzen eine „imaginäre Autobiografie des eigenen Kinolebens“, assoziieren einen Teil ihres Lebens mit dem Kino, dem sie quasi eine Gegenerziehung verdanken (wie manche sagen: „My life was saved by Rock ’n’ Roll“), ob im Bahnhofskino oder im Museum. Jeder junge Zuschauer hat seine eigenen Vorstellungen davon, was wirklich großes Kino ist. Wer die richtigen Filme im richtigen Moment sehen konnte, ja überhaupt wusste, dass es sie gibt, hat Glück gehabt, befand Serge Daney.
Inzwischen haben sich die Verhältnisse soweit verkehrt, als Film als Kunst noch so etwas wie die Möglichkeit individuellen Geschmacks verspricht, einer gefestigten ästhetischen Haltung unabhängig von Moden und Werbung, entgegen Gedächtnisschwund und Konsumwahn. Bergala setzt voraus, dass Filmbildung eine Schule des Geschmacks und der Sensibilität sein kann, auch ein Akt der Resistenz („resistence“, im Wortsinn eine Negation, ist in Frankreich mit gutem Grund positiv besetzt) gegen den glatten Verbrauch von Freizeitware. Bergalas Idee vom „schöpferischen Betrachter“ war in der Schule bislang ein wenig vertrauter Gedanke. Kunst ist etwas, das sich widersetzt, der Zugang kostet Mühe, jedoch mit einem haltbaren, nachhaltigen Ergebnis.
Im pädagogischen Ansatz, von dem auszugehen, was den Kindern spontan einfällt, sieht Bergala eine Geringschätzung für sie: „Wir sind weiter denn je von einem Geschmack oder einer spontanen oder individuellen Lust entfernt, die tatsächlich Rücksicht und Respekt verdienten. Die Rolle der Schule bei der Einführung in die Kunst kann wohl kaum darin bestehen, den kulturellen ,Sessellift’ zu spielen, der die Schüler von diesem marketinggeprägten Pseudogeschmack ,erhebt’. (…) Nur der Schock und das Rätsel, die das Kunstwerk im Gegensatz zu den alltäglich gewordenen vorverdauten Bildern und Klängen des täglichen Konsums darstellt, ist wirklich bildend. Alles andere ist nichts als Missachtung der Kunst und des Kindes.“
