Der Schauspieler Pierre Arditi im Gespräch über 27 Jahre Zusammenarbeit mit Alain Resnais.
Ihre Partnerin Sabine Azéma erzählte mir nach dem Ende der Dreharbeiten von Cœurs, sie habe keine Ahnung, was für eine Art von Film das werden würde. Nur eines sei gewiss: Er würde sich sehr von Smoking/No Smoking unterscheiden. Ging es Ihnen ähnlich?
Absolut. Als Alain Resnais uns das Stück von Alan Ayckbourn gab, waren Sabine, André Dussollier und ich überzeugt, der Film würde eine Komödie. Wir haben beim Drehen gar nicht mitbekommen, dass er den Stoff durch ein viel schwärzeres, düsteres Prisma betrachtete. Er hat die Einsamkeit der Figuren stärker herausgearbeitet. Als er uns den fertigen Film zum ersten Mal vorführte, war das ein wirklicher Schock für mich.
Sie gehören seit 27 Jahren, seit Mon oncle d‘Amérique, zum festen Ensemble von Resnais. Weiht er Sie tatsächlich so wenig in seine Konzeption ein?
Der Regisseur ist König, er kennt das Ganze und die Details. Und er legt sich schlafen, wann er es will. Einerseits scheint alles festzustehen. Resnais probt mit uns, auch bei Filmen, die nicht auf Theatervorlagen beruhen. Man nähert sich dem Universum, mit dem man konfrontiert wird, den Figuren und ihren Beziehungen in kleinen Schritten. Man hat Anhaltspunkte. Es bleibt aber eine Skizze, die man später verbessern, vertiefen oder aber verwerfen kann. Denn bei Dreharbeiten bekommen die Dinge ihr Eigenleben. Die Gegenwart der Kamera verändert noch einmal alles. Resnais legt Wert darauf, dass jeder Darsteller den entstehenden Film nur aus seiner eigenen Perspektive kennt. Es bleiben immer Geheimnisse. Ich weiß Dinge über die Figur von Sabine Azéma, die sie nicht weiß. Und umgekehrt. Meine Szenen in Cœurs mussten beispielsweise in den sieben ersten Wochen abgedreht werden, weil ich danach ein Theaterengagement hatte. Die Szenen der anderen kannte ich nicht, wollte ich auch gar nicht kennen. Im Gegensatz zu vielen meiner Kollegen glaube ich, das sind ohnehin nur vermeintlich nützliche Informationen. Bei Resnais findet man sich als Schauspieler immer auf einem Brett wieder, unter dem sich eine große Leere auftut. Man kann nicht in dieser Leere anfangen, man würde abstürzen. Aber er schafft eine Plattform, die stabil ist, von der aus er sagen kann: „Spring!“ Es gibt zwei Schulen von Schauspielern. Die einen, die Angst haben zu fallen. Und die anderen, die dem Regisseur vertrauen, dass sie fliegen können. Ich springe immer. Und bislang bin ich stets geflogen.
Das Dreieck gilt als die stabilste geometrische Form. Besitzen Sie diese Sicherheit nicht auch, weil sie seit Jahrzehnten im Trio mit Sabine Azéma und André Dussollier arbeiten?
Gewiss. Sie dürfen allerdings nicht glauben, Resnais würde uns aus Gewohnheit oder Bequemlichkeit verpflichten. Jedes Mal denkt er lange drüber nach, wen er besetzen soll. Das müssen anfangs keineswegs wir drei sein. Aber irgendwann bekommt er dann wieder Lust, uns in den Rollen zu sehen. Der Moment, in dem ich den berühmten Anruf von Resnais bekomme, erinnert mich an meine Kindheit. Ich hatte einen Freund, mit dem ich mich an jedem Donnerstag traf, und diese Aussicht war das große Glück meiner Schulzeit. Der Anruf von Resnais ist für mich das Gleiche: „Können wir nächsten Donnerstag wieder zusammen spielen?“ Die Zusammenarbeit ist mit den Jahren freilich nicht einfacher geworden. Wir kennen uns natürlich besser, wir können uns Höflichkeitsfloskeln ebenso wie Zweifel sparen. Aber die Rollen werden immer diffiziler, unterscheiden sich stärker voneinander.
Gibt es nicht dennoch Verbindungen, Echos, ein Wiedererkennen? Cœurs erinnert mich beispielsweise an L’amour à mort: Beide sind in CinemaScope gedreht, es gibt einen ähnlichen Blick auf die Gesichter.
Sie haben Recht. Es gibt bei Resnais oft dieses Anknüpfen an frühere Filme. Es gibt Motive, Themen, die wie eine Obsession wiederkehren. Im ersten Film ist es der Tod, oder vielmehr die Liebe, die stärker ist als der Tod. Und hier ist es die Einsamkeit, sind es die Herzen, die wie Staub zerfallen. Atmosphärisch und auch thematisch stehen sich diese beiden Filme viel näher als etwa Smoking/No Smoking.
Ich finde, auch Ihre Figuren in Cœurs und On connaît la chanson ähneln sich sehr: Beides sind introvertierte Charaktere, die sich vom Leben haben übervorteilen lassen.
Ja, sie scheinen in einer rätselhaften Abwesenheit zu existieren, als hätten sie sich gleichsam aus der Wirklichkeit ausradiert. Lionel besitzt in Cœurs jedoch eine zweifache Kontur. Er führt zwei Leben. Als Barkeeper ist er zuvorkommend und verbindlich; auf eine mechanische, emotionslose Weise. Erst bei ihm zu Hause spürt man die erdrückende Last seiner Existenz. Sie ist von Verlusten geprägt, er hat den Tod seiner Mutter und seines Liebhabers nicht verwunden, muss sich nun um seinen unausstehlichen Vater kümmern. In dieser Umgebung entdeckt man erst, was für ein Mensch er ist.
Es gibt aber etwas, das beide Lebenssphären verbindet: Lionel ist ein Mensch, der es gelernt hat, höflich zu sein.
Richtig. Er ist keine zerrissene Figur. Die Höflichkeit ist eine Strategie, Gefühle und schmerzhafte Erinnerungen aus seinem Leben zu tilgen. Aber irgendwann kann er sich nicht mehr hinter dem Panzer der Höflichkeit verbergen.
Sie haben schon 1978 am Theater Ayckbourn gespielt, in der französischen Uraufführung von Schlafzimmergäste. Worin unterscheiden sich die Anforderungen, die er auf der Bühne an einen Schauspieler stellt, von denen vor der Kamera?
Das ist eine interessante Frage. Aber der Unterschied liegt nicht in den beiden Kunstformen, sondern in der jeweiligen Perspektive des Regisseurs. Interessanterweise hat Ayckbourn in Frankreich auf der Bühne nie richtig funktioniert. Die meis-ten unserer Regisseure sind Krämerseelen, sie wollen nicht, dass man zwei Gefühle gleichzeitig spielt. Sie konzentrieren sich auf die boulevardeske Seite seiner Stücke, lassen die andere, verstörende brach liegen. Aber er ist kein Boulevardautor. Wie viele englische Bühnenautoren ist Ayckbourn frech und respektlos, hinter dem Humor verbergen sich traurige existenzielle Erfahrungen. Nur wenn man dem Publikum beide Ebenen erschließt, wird man ihm gerecht. Erst Resnais hat den Reichtum, das Hintergründige an Ayckbourn verstanden. Dazu braucht man vielleicht sein Alter, seine Reife.
