Nan Goldin at the Harvard Art Museums. Courtesy of Obama Foundation.
Nan Goldin at the Harvard Art Museums. Courtesy of Obama Foundation.

All the Beauty and the Bloodshed

Imperium des Leids

| Jörg Schiffauer |
In „All the Beauty and the Bloodshed“ widmet sich Laura Poitras der Fotografin Nan Goldin und deren Engagement für die Opfer der Opioidkrise. Doch schon davor war die Thematik um diese Abhängigkeit Gegenstand filmischer Aufarbeitung in unterschiedlicher Form.

Konzentriert und unaufgeregt laufen die letzten Vorbereitungen für eine unangemeldete Protestaktion ab, die im Metropolitan Museum of Art, das sich auf New Yorks nobler Fifth Avenue befindet, stattfinden soll. Leere Medikamentenröhrchen werden dazu unter den Teilnehmern verteilt. Nur wenig später geht dann auch alles wie geplant vonstatten, mitten in jenem Teil der ehrwürdigen Institution, der die Bezeichnung „Sackler-Flügel“ trägt, werden die Demonstranten hunderte der erwähnten Röhrchen in ein dekoratives Wasserbecken werfen und Banner enthüllen, die klar machen, gegen wen sich die ganze Aktion richtet: Gegen Mitglieder der Familie Sackler, die sich als Pharmaunternehmer ein Vermögen erwirtschaftet und sich als äußerst großzügige Kunstmäzene einen Namen gemacht haben. Dass der erworbene Reichtum eine sehr finstere Seite hat, wurde jedoch jahrelang gezielt verschleiert.

Kompromisslosigkeit

Mitten im Geschehen ist die Organisatorin des Protests, die bekannte Fotografin Nan Goldin. Seit einigen Jahren tritt sie als wortgewaltige Aktivistin unerschrocken gegen die Sacklers auf. Der Vorwurf: Das sich im Besitz der Familie befindliche Unternehmen Purdue Pharma habe das opioidhaltige Schmerzmittel Oxycontin auf den Markt gebracht und bewusst die starke Abhängigkeit, die mit der Verwendung des Medikaments einhergeht, heruntergespielt. Die Folge der aggressiven Marketingkampagne, mit der Oxycontin verkauft wurde, war, dass Millionen US-Bürger süchtig wurden, zahllose Menschen verloren als Folge dieser Abhängigkeit ihr Leben. Die Opioidkrise zog schließlich so weite Kreise, dass die Problematik nicht mehr ignoriert werden konnte.

Welche verhängnisvolle Wirkung die Einnahme von Oxycontin nach sich ziehen kann, hat Nan Goldin dabei selbst erlebt, als sie das Medikament nach einer Handgelenksoperation verschrieben bekam und ebenfalls abhängig wurde. Ihre diversen Aktivitäten – Goldin gründete 2017 unter dem Namen P.A.I.N. (Prescription Addiction Intervention Now) eine Organisation, die sich um die Belange der Opfer dieser Sucht kümmert – bezüglich der Opioid-Thematik bilden den immer wiederkehrenden roten Faden in Laura Poitras’ Porträt der faszinierende Persönlichkeit Nan Goldin.

Dabei entsteht ein vielschichtiges Bild der Protagonistin, das neben Betrachtungen ihrer künstlerischen Arbeit vor allem sehr persönliche Einblicke in ihr Leben gibt. Dazu zählt die nicht einfache Kindheit der 1953 in Washington D.C. geborenen und in Boston aufgewachsenen Nancy Goldin. Als besonders einschneidender Moment erweist sich der Suizid ihrer älteren Schwester Barbara, die jahrelang unter psychischen Problemen gelitten hatte. Ein traumatisches Erlebnis für Nan Goldin, die Unfähigkeit – oder Unwilligkeit – ihrer Eltern, sich innerhalb der Familie damit angemessen auseinanderzusetzen, verschlimmerte die Situation zusätzlich. Wohl mit einer der Gründe, warum Goldin schon in jungen Jahren Ende der Sechziger ihr Elternhaus hinter sich ließ und in der Beschäftigung mit der Fotografie eine Art von Zuflucht fand. In ihren Arbeiten gehe es, wie Nan Goldin erklärt, um Stigmatisierungen, gleich ob es sich dabei um psychische Erkrankungen oder Geschlecht handelt. Thema der ersten Ausstellung ihrer fotografischen Arbeit in Boston Anfang der siebziger Jahre war etwa die Subkultur von Drag Queens, die Goldin faszinierte. Gegen Ende des Jahrzehnts übersiedelte Goldin nach New York, wo sie sich als Chronistin der No-Wave-Szene sowie der schwulen Subkultur einen Namen machte. In „The Ballad of Sexual Dependency“ – ursprünglich als Diashow konzipiert, später auch in Buchform veröffentlicht – dokumentiert sie diese Szene mittels hunderter Bilder in all ihren Facetten: Leben, Liebe aber auch Drogen und der Tod, verursacht durch die AIDS-Epidemie, ziehen sich durch Goldins Arbeit. So wie Nan Goldin dabei nicht scheut, prekäre Themen anzusprechen, so offen agiert sie auch in All the Beauty and the Bloodshed. Mit erstaunlicher Freimütigkeit blickt sie auf nicht immer einfache Phasen zu Beginn ihrer Karriere zurück, wenn sie etwa über ihre Tätigkeit als Go-Go-Tänzerin oder jene in einem Bordell spricht. Eine Offenheit, die sich auch in ihrem Werk wiederfindet: Als sie von einem ihrer Lebensabschnittspartner geschlagen wurde, lichtete Nan Goldin sich selbst ab, mitsamt ihrem von den Misshandlungen schwer gezeichneten Gesicht. Eine Kompromisslosigkeit, die sich auch in jenen Aktivitäten Goldins niederschlägt, mit denen sie in Sachen Opioidkrise vehement einfordert, dass Verantwortung übernommen wird. Dazu gehört auch ihre wiederholte Forderung an Kultur- und Bildungseinrichtungen, keine Zuwendungen von der Familie Sackler – nicht nur laut Goldin die Hauptverantwortlichen in dieser Affäre – anzunehmen. Das schien am Anfang der Kampagne vor etwas mehr als fünf Jahren ein ambitioniertes Unterfangen. Denn zu jenen Institutionen, die von den Sacklers reichlich bedacht wurden, zählen etwa das Guggenheim Museum, die in London ansässigen The Tate und die National Portrait Gallery sowie der Louvre, aber auch Eliteuniversitäten wie Harvard oder Yale. Und selbst so renommierte Einrichtungen verzichten nicht so einfach auf ein derartiges Mäzenatentum. Dass Laura Poitras nun in All the Beauty and the Bloodshed dieses Engagement in den Fokus rückt, erscheint wiederum als Kontinuität in der Arbeit der prominenten Vertreterin des US-amerikanischen Dokumentarfilms. Brisante Themen standen schon immer im Zentrum von Poitras’ Regiearbeiten: In Flag Wars (2003) widmete sie sich den problematischen Aspekten der Gentrifizierung anhand zweier sich in Ohio befindlicher Gemeinden, My Country, My Country (2006) beleuchtet die schwierige Situation für die Bevölkerung des Irak nach dem Einmarsch der US-Truppen, der dem Schreckensregime des Diktators Saddam Hussein ein Ende setzte. Das brisanteste Sujet findet sich jedoch zweifellos in Citizenfour (2014). Darin dokumentiert Poitras die Enthüllungen des Whistleblowers Edward Snowden über die mittlerweile hinlänglich bekannten Machinationen des Auslandsgeheimdienstes NSA. Die Vorbereitung des Gesprächs mit Snowden in einem Hotelzimmer in Hongkong gerät zu einem eigenen Spannungselement, denn der ehemalige Mitarbeiter der NSA befand sich auf der Flucht, weil seine Veröffentlichungen als Geheimnisverrat gelten. Der verdiente Lohn für dieses Unterfangen, das auch für die in die Produktion von Citizenfour involvierten Personen nicht risikofrei war, folgte mit dem Gewinn des Oscars.

Krisensituation

Dass sich in Sachen Opioidkrise mittlerweile das Bewusstsein für die Existenz eines gesellschaftlichen Problems von weitreichendem Ausmaß entwickelt hat, zeigt sich auch an den Aufarbeitungen, die bereits vor All the Beauty and the Bloodshed in einem Dokumentarfilm und einer fiktionalen ­Serie, die jedoch sehr eng entlang der Fakten operiert, stattgefunden haben. Greift Laura Poitras die Thematik über das Porträt der Fotokünstlerin Nan Goldin auf, so unternimmt Alex Gibney mit The Crime of the Century (2021) einen investigativen Frontalangriff. Gleich zu Beginn der zweiteiligen, 231 Minuten langen HBO-Produktion macht Gibney die dramatischen Folgen des Gebrauchs opioidhaltiger Arzneien deutlich: Seit dem Jahr 2000 soll das an die 500.000 US-Bürgern das Leben gekostet haben. Und auch wenn die darauf folgenden Details um die Wurzeln der Opioidkrise manchmal unfassbar erscheinen, kann man sich im Fall von Alex Gibney auf exakte Arbeit verlassen. Gibney, gegenwärtig neben Joe Berlinger, Liz Garbus, Charles Ferguson und Poitras eine der prägenden Figuren dokumentarischen Filmschaffens in den Vereinigten Staaten, hat sich im Verlauf seiner illustren Karriere wiederholt mit Themenkomplexen auseinandergesetzt, die über das konkrete – oftmals höchst brisante – Sujet hinaus auf gesellschaftliche Defizite systemischer Natur verweisen. In Enron: The Smartest Guys in the Room (2005) beleuchtete Gibney einen der größten Wirtschaftsskandale in der US-Geschichte rund um den Zusammenbruch des titelgebenden Energiekonzerns. Dass in „Corporate America“ so manches im Argen liegt, deckte Gibney mit The Inventor: Out for Blood in Silicon Valley (2019) auf, in dem er den betrügerischen Praktiken von Elizabeth Holmes, der Gründerin des Biotech-Unternehmens Theranos, nachgeht.

Mit der für seine Arbeiten charakteristischen Präzision begibt sich Alex Gibney im ersten Teil von The Crime of the Century auf Spurensuche, um die Geschichte der Opioidkrise und die Involvierung der Familie Sackler nachzuzeichen. Dabei begann alles mit durchaus respektablen Absichten, wie Gibneys Dokumentarfilm nicht zu erwähnen vergisst. Knapp nach Ende des Zweiten Weltkriegs arbeiteten Arthur Sackler und seine Brüder Raymond und Mortimer als Ärzte an einem auf psychiatrische Erkrankungen spezialisierten Spital in New York. Wie damals üblich wurden Patienten oftmals mittels Elektroschocks zu therapieren versucht. Die Brüder Sackler betrachteten dies als Irrweg und glaubten, in medikamentöser Behandlung eine effektivere und für die Patienten schmerzfreiere Methode entwickeln zu können. Sie kauften eine kleine Pharmafirma, aus der später Purdue hervorgehen sollte, deren Aktivitäten von Anfang an von gezielten Marketingmaßnahmen begleitet wurden. Die Annahme, dass es für fast jedes medizinische Problem eine chemische Lösung geben würde, führte dazu, dass besagtes Pharma-Unternehmen zunächst mit dem Vertrieb von Valium und später mit dem des opioidhaltigen Schmerzmittels MS Contin höchst erfolgreich war. Nachdem das MS Contin-Patent abgelaufen war, suchte man in Reihen von Purdue Pharma und den Sacklers in den neunziger Jahren – Arthur Sackler war übrigens 1987 verstorben – nach einem neuen Präparat, mit dem man an den Verkaufserfolg anknüpfen konnte. Das vermeintliche Wundermittel trug den Namen Oxycontin und sollte – so die Ankündigung des Herstellers – die Schmerztherapie revolutionieren. Das Problem: Die effektive Schmerzlinderung von Opioiden war zwar – etwa in der Palliativmedizin – unumstritten, doch wegen der großen Gefahr, abhängig zu werden, zögerten Ärzte, ein Medikament mit hohem Opioidgehalt wie Oxycontin an „gewöhnliche“ Schmerzpatienten zu verschreiben. Hier kam die von Purdue betriebene Marketingmaschinerie so richtig ins Rollen. Durch die Retard-Funktion, eine verzögerte Aufnahme, die den Wirkstoff nicht schlagartig, sondern kontinuierlich über Stunden hinweg freisetzt, sollte die Gefahr der Abhängigkeit stark reduziert werden – nur knapp ein Prozent der mit dem Medikament behandelten Patienten würden eine Abhängigkeit entwickeln. Schritt für Schritt macht The Crime of the Century nicht nur deutlich, dass das schlichtweg gelogen war, sondern auch, mit welchen Mitteln Purdue Pharma die Zulassung von Oxycontin bei der dafür verantwortlichen Behörde, der FDA, durchzuboxen wusste. Der zuständige Amtsarzt wurde beim Verfassen des Gutachtens tatkräftig von Purdue-Mitarbeitern unterstützt, ein Jahr nachdem das Medikament 1996 genehmigt wurde, erhielt dieser Arzt einen gut dotierten Job bei – Purdue Pharma. Doch die amtliche Zulassung samt der offensiven Vermarktung führte dazu, dass Ärzte begannen, Oxycontin für fast jede Art von Schmerzen – etwa bei Rückenproblemen – zu verschreiben. Zwar erfolgte die Schmerzlinderung umgehend, doch die mittelbaren Auswirkungen erwiesen sich als katastrophal. Patienten entwickelten entgegen allen Versicherungen des Herstellers – der Begriff „Pseudoabhängigkeit“ erscheint als eine besonders dreiste der von Purdue eingebrachten Desinformationsmethoden – eine starke Abhängigkeit, Jugendliche kratzten den Wirkstoff aus den Tabletten, um sich einen Drogenrausch zu verschaffen, der effektiver als Heroin war. Gibney montiert Sequenzen von Einsätzen der Notfallambulanzen bei Opfern der Opioidkrise im Bundesstaat Virginia ein, die schonungslos verdeutlichen, welches tausendfache Leid mit diesem skrupellosen Geschäft verursacht worden ist. Der Journalist Patrick Redden Keefe, der als Experte in The Crime of the Century zu Wort kommt, gab einem von ihm verfassten Buch den viel sagenden Titel „Empire of Pain: The Secret History of the Sackler Dynasty“.

Die Journalistin Beth Macy wiederum verfasste das Buch „Dopesick: Dealers, Doctors, and the Drug Company that Addicted America“, auf dem eine achtteilige Fernsehserie beruht. In der Genauigkeit, mit der Dopesick (2021) die Ereignisse um die Opioidkrise aufrollt, erscheint die Serie streckenweise ungeachtet dramaturgisch notwendiger Verdichtungen wie eine fiktionale Komplementärarbeit zu The Crime of the Century. Viele der von Gibney aufgezeigten Praktiken bei der rücksichtslosen Vermarktung von Oxycontin werden dabei eindringlich veranschaulicht. Etwa wie sich die von Purdue geschulten Pharmavertreter an Mediziner gleichsam anpirschen, um ihnen das vermeintliche neue Wundermittel schmackhaft zu machen. In Dopesick verkörpert Will Poulter einen solchen Vertreter, der nichts unversucht lässt, um Dr. Samuel Finnix (Michael Keaton), der in der Appalachenregion Virginias seine Landarztpraxis betreibt, dazu zu bringen, Oxycontin großflächig zu verschreiben. Dass der Südwesten Virginias als eines der ersten Einsatzgebiete für den Vertrieb ausgewählt wurde, soll auch nicht zufällig geschehen sein. In der ländlichen Gegend mit ihren Kohleminen, wo schwere körperliche Arbeit vorherrscht und Verletzungen entsprechend gehäuft auftreten, sollte ein Medikament, dass schnelle Abhilfe verspricht, gut ankommen – auch weil sich viele Menschen aufgrund ihrer prekären finanziellen Situation keine langen krankheitsbedingten Ausfälle oder teure Behandlungen leisten können. Der von Michael Stuhlbarg gespielte Richard Sackler – Arthurs Sohn – wird in Dopesick als die treibende Kraft bei der Einführung von Oxycontin ausgemacht, der unermessliche Reichtum seiner Familie bildet in der Serie einen immer wiederkehrenden Kontrast zu den harten Lebensbedingungen jener Menschen, die zu den Opfern von Oxycontin zählen. Oder direkter gesagt: Ein Wohlstand, der zu einem guten Teil auf Kosten jener Amerikaner geht, die sich Tag für Tag den Buckel krumm schuften müssen, um überhaupt über die Runden zu kommen. Als sich die verheerenden Folgen der Opioidkrise nicht mehr weglügen ließen und Behörden schließlich doch aktiv wurden, einigte man sich 2007 – 2019 sollten allerdings weitere Klagen folgen – auf eine Strafzahlung von etwas mehr als 600 Millionen Dollar; keine drakonische Maßnahme, wenn man bedenkt, dass Purdue Pharma bis dahin mit Oxycontin neun Milliarden Gewinn gemacht hatte, wie The Crime of the Century verrät.

Der eingangs erwähnte Flügel im Metropolitan Museum trägt heute nicht zuletzt wegen des Engagements von Nan Goldin nicht mehr den Namen der Familie Sackler.