Ring frei zur zweiten Staffel: Nach dem großen Erfolg der ersten queeren Serie im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, folgt nun der nächste Streich von „All You Need“.
Das Männerquartett leckt diesmal vor allem seine frischen und alten Wunden aus Liebeskummer und Fremdgehen. Neue Flirts gehen freilich immer. „Bin ich ein Psycho?“, fragt sich Medizinstudent Vince Sommer (Benito Bause) gleich zum Auftakt. Und jammert schuldbewusst dem Ende seiner sechswöchigen Beziehung mit Fitnesscoach Robbie nach. Der Sündenbock findet nur noch Trost bei seiner Nachbarin. Alsbald auch bei deren Bruder Simon, der spontan bei dem verzweifelten Studenten einzieht. Fielen im ersten Streich die Figuren naturgemäß noch ein bisschen holprig aus, haben die Queeren Vier nun das Laufen gelernt. Die schwarzweißen Skizzen sind in der zweiten Runde hübsch bunt drapiert und mit Leben gefüllt. Head-Autor und Regisseur Benjamin Gutsche agiert spürbar entspannter nach der bestandenen Bewährungsprobe und dem überraschenden Erfolg seines Seriendebüts samt Grimme-Preis-Nominierung.
Politische Korrektheiten werden von den Figuren nicht mehr wie eine Monstranz vor sich hergetragen, sondern kommen mit der notwendigen Lässigkeiten daher. Ganz nebenbei beklagt sich Vince etwa über die Erwartungen vieler Lover, die von einem Farbigen einen „big black cock“ erwarten. Umgekehrt kommen verstärkt Figuren jenseits von Tunten-Klischee und Model-Schönlingen ins Bild. Bestes Beispiel der sympathische Rugby-Trainer Andreas, der ganz selbstverständlich stolz auf sein Bären-Status ist. Unverkrampft gerät die Selbstironie: „Wie sind deine Pronomen?“ wird der neue Rugby-Spieler gefragt, der sichtlich überfordert mit der Frage scheint. Die Autoren-Trio (neben Benjamin Gutsche schreiben Ceylan Yildrim und River Matzke) gibt sich gleichfalls augenzwinkernd: „Die Story ist ja besser als jede Soap“ schwärmt Simon, als Vince ihm seine amourösen Abenteuern ausbreitet. Nach dem Quantensprung der zweiten Staffel kann man sich auf den dritten Streich mit ziemlicher Sicherheit freuen.
