Sing Sing

Sing Sing

Alles nur Theater

| Pamela Jahn |
Von wegen: Greg Kwedars „Sing Sing“ erzählt eindrücklich von der transformativen Kraft der Kunst, wo man sie am wenigsten erwartet.

Es beginnt mit William Shakespeare. Und mit einer Flucht nach vorn. Neun Männer, Häftlinge der Justizvollzugsanstalt Sing Sing in Ossining, New York, stehen auf einer hell erleuchteten Bühne, verbeugen sich. Sie werden nicht verfolgt, nicht gesucht, sondern bejubelt. Gerade haben sie „Ein Sommernachtstraum“ vor einem voll besetzten Saal aufgeführt. Kein leichter Stoff für die Mörder, Dealer, Gangster. Aber ein Refugium. Es war den Schweiß, die Arbeit, das Hadern mit den inneren Widerständen wert. Kaum ist der Beifall erloschen, der Vorhang gefallen, stehen sie abgeschminkt in der Garderobe, bereit zur Rückführung in ihre Zellen. Das Glück ist von kurzer Dauer für die Insassen des Hochsicherheitstrakts. Ein Rausch von Licht und Applaus. Von Freiheit. 

Die persönliche Transformation durch Kunst und Gemeinschaft ist das zentrale Motiv in Greg Kwedars Gefängnisfilm, der vor Ort in der Einrichtung gedreht wurde, in der 1996 ein Programm namens „Rehabilitation Through the Arts“ (R.T.A.) entstand. Der Regisseur mischt in Sing Sing professionelle Schauspieler wie seinen prominenten Frontmann Colman Domingo mit ehemaligen Insassen, die während ihrer Haftzeit Teil des Projekts waren. Sie alle tragen Doppelnamen, die auf ihr Leben vor und hinter den Gefängnismauern repräsentieren, von Sean „Dino“ Johnson über Jon-Adrian „JJ“ Velazquez bis hin zu Clarence „Divine Eye“ Maclin. Und sie alle verkörpern Versionen ihrer selbst, die so überzeugend wirken, wie sie nur die eigene Erfahrung, das wahre Leben hervorbringen kann.

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Zufluchtsort Theater

In diesem so hartgesottenen wie zerbrechlichen Ensemble muss sich Domingo als Darsteller behaupten. Er spielt John „Divine G“ Whitfield, einen ebenfalls real existierenden Charakter, dem Kwedar erstmals vor 20 Jahren in einem „Esquire“-Artikel von John H. Richardson begegnete. Jetzt hat er mit Domingo einen Ausnahmeschauspieler gefunden, der seiner Figur mit einem unerschütterlichen Mitgefühl, aber auch der unterdrückten Frustration eines Mannes begegnet, der für ein Verbrechen verurteilt wurde, das er nach eigenen Angaben nicht begangen hat. In seinem Wesen ist Divine G ein sanfter, belesener Mann, der während seines jahrzehntelangen Aufenthalts hinter Gittern durch RTA einen Sinn gefunden hat. Und eine Berufung: Als ausgebildeter Tänzer, Romanautor, Dramatiker und leidenschaftlicher Schauspieler leitet er die Theatergruppe zusammen mit seinem Freund und Zellennachbarn Mike Mike (Sean San José) sowie dem Regisseur und Autor Brent Buell (Paul Raci), dem einzigen nicht inhaftierten Mitglied der Truppe. Dessen Rolle als externe Bezugsperson scheint zunächst marginal, doch seine Präsenz und Perspektive sind maßgeblich für den kreativen und spirituellen Prozess der Inhaftierten insgesamt.

Die entscheidende Figur ist jedoch eine andere: Maclin, der über 15 Jahre im Gefängnis erlebt hat und mit jedem Atemzug so viel Autorität, Gefahr und Härte ausstrahlt wie kein anderer in diesem Cast. Er ist das Yin zu Whitfields Yang: ein psychologischer Faustkämpfer, verschlossen, bedrohlich, immer gerade heraus. Einer der sich nichts sagen, sich nicht verbiegen lässt, auch nicht für die Kunst. Dass er Shakespeare rezitieren kann, ändert nichts an der Tatsache, wie skeptisch er den Möglichkeiten und letztlich dem Nutzen von Theater in einer derart brutalen, entmenschlichenden Umgebung gegenübersteht. Gleichzeitig ist er neugierig genug, um die Proben der R.T.A. Gruppe zu besuchen und deren Ambitionen und Arbeitsweisen konstruktiv in Frage zu stellen. Viele der Insassen von Sing Sing neigen dazu, ihre Menschlichkeit zu verleugnen, begründete er im Nachhinein sein Auftreten hinter Gittern. „Denn es kann sich durchaus nachteilig auswirken, wenn man in einer derart kompromisslosen und unberechenbaren Umgebung auch nur einen Hauch von Mitgefühl oder irgendeine Art von Schwäche zeigt.“

Man muss sich diesen Film über seine Figuren nähern. Sie sind das Herz der Geschichte, die treibende Kraft. Dafür braucht Kwedar eigentlich nicht viel mehr zu tun, als sich auf die eruptive Energie ihres Zusammenspiels einzulassen, der Verzweiflung über ihre hilflose Situation Raum zu geben ebenso wie der Euphorie über die Katharsis, das Bühnenspiel. Dankbarerweise hält sich das Drehbuch nicht mit plumpen Rückblenden oder Herkunftsschilderungen auf, wie sie in Hollywood üblich sind. Ein paar Sätze hier und da genügen, um das ganze Ausmaß einer gebrochenen Persönlichkeit zu erfassen. Die Schuld. Den Schmerz. Die Scham. 

Verschiedene Schicksale und komplexe thematische Handlungsstränge werden durch eine präzise Beobachtung der Gegebenheiten miteinander verbunden. Richtungsweisend bleibt dabei das Dilemma, mit dem sich Divine G konfrontiert sieht, als Maclin schließlich beschließt, der Gruppe beizutreten. Sein Ego ist mindestens so groß wie das von G, aber seine Schultern sind breiter und sein Hamlet intensiver, durchdringender. Von Anfang an stellt er sich bewusst gegen G als Anführer und Ideenkopf. Maclin ist der Prinz des harten Blicks. Er findet die Aufwärmübungen albern. Wenn ein Schauspielkollege beim Proben einer Szene hinter ihm vorbeigeht, sieht er darin eine Kampfansage. In Windeseile fährt er seinen Schutzpanzer hoch. Doch gerade als es so aussieht, als würde der Film über die riskante Beziehung zwischen G und Maclin in übliches Genremilieu abdriften, reißt er sich wieder zusammen. Statt Blut und Fäusten bieten Domingo und Maclin ein kraftvolles Menuett aus Vorsicht und Vertrauen. Gleichzeitig zieht sich eine elektrifizierende Gruppendynamik durch die Handlung, während die Männer eine durchgeknallte Komödie mit dem Titel „Breakin‘ the Mummy‘s Code“ einstudieren – eine wilde Zeitreise von der Antike bis in die Gegenwart inklusive Figuren von Captain Hook bis Freddy Krueger –, deren Handlung ihrer eigenen lebhaften Fantasie entsprungen ist. 

Gefängnisalltag

Natürlich ignoriert Sing Sing die Tatsache nicht, dass den Insassen durch das Theaterprojekt die spätere Wiedereingliederung in die Gesellschaft erleichtert werden soll. „Rehabilitation Through the Arts“ ist heute in acht Justizvollzugsanstalten im gesamten Bundesstaat New York tätig. Es ist eine von mehreren Initiativen, die sich allesamt zum Ziel gesetzt haben, Gefängnisse und Häftlinge von innen heraus zu verändern. Die Mission des Projekts besteht darin, inhaftierten Menschen dabei zu helfen, Lebenskompetenzen zu entwickeln, Selbstwertgefühl aufzubauen und ihre Emotionen auszudrücken. Doch man ahnt auch in Sing Sing schnell, dass die Proben für die Mitglieder in erster Linie eine willkommene Abwechslung in ihrem tristen Gefängnisalltag sind. Die Einsicht, dass die Schauspielerei diesen Männern im besten Fall mehr zu bieten hat, als lediglich die Gelegenheit, auf der Bühne zu stehen, Spaß zu haben, ein paar glitzernde Kostüme zu tragen oder sich für zwei Stunden auf den schwindelerregenden Höhen von Shakespeares Versen treiben zu lassen, kommt später. Bewusst oder unbewusst. Der Film bringt sie zwischen den Zeilen zum Ausdruck. Tatsächlich bedeutet jede neue Rolle für Divine G und seine Mitspieler einen Rettungsanker – eine Möglichkeit, wieder menschlich zu werden. Auch – oder gerade dann – wenn ihnen sonst nicht viel mehr bleibt im Leben.  

So viel Engagement und Feingefühl für die Protagonisten mag den Eindruck vermitteln, dass Sing Sing die brutale Wirklichkeit des Gefängnislebens mit all der Gewalt, Bedrohung und Aggression, nur oberflächlich behandelt. Aber der Film vermittelt auch seine Botschaften insgesamt, mit weniger Melodram als üblich, aber mit viel Pathos: Etwa wenn G zu Beginn beim Ausgang auf dem Hof ein paar Vögel füttert, nur um sich in dem Moment, in dem die Sirene der Anstalt aufheult, in den Dreck zu werfen und so flach auf dem Boden zu kauern, dass ihm kaum Luft zum Atmen bleibt. Es ist ein alarmierender Hinweis darauf, wie die Insassen hinter Gittern konditioniert wurden. Man will sich nicht ausmalen, was passiert, wenn sich einer der Männer in dem Moment bewegt. In einer anderen Szene sieht man sie auf den Hudson River blicken oder auf die vorbeirauschenden Züge, die an Orte fahren, die sie nie sehen werden. Es gibt zahlreiche Bilder, die von einer resignierten Hoffnungslosigkeit erzählen. Und von der Schwierigkeit, dennoch die Würde zu wahren, so gebrochen sie auch sein mag.

Die Kamera – Pat Scola filmt dabei häufig aus der Hand – leistet ihren eigenen Beitrag in diesem Ensemble, indem sie den Bildern mit viel Licht und Wärme einen subtilen Glanz verleiht und doch gleichzeitig nie die raue Intimität der Realität aus dem Blick verliert. Der Kontrast von Kunst und Kriminalität, von Gewalt und Feingeistigkeit, der sich dadurch manifestiert, führt auch in der Beobachtung dazu, dass man die üblichen Klischees über Gefängnisfilme und stereotype Gangsterfiguren mit anderen Augen sieht und letztlich hinter sich lässt. Neben der schauspielerischen Herausforderung liegt darin vielleicht der größte Coup von Greg Kwedars Film, dass es hier eben nicht um Vergeltung, Rache oder Erlösung geht, sondern um das Vertrauen in den kreativen Prozess und die Chance auf Heilung durch die Auseinandersetzung mit der eigenen Zerrissenheit.