Dichtung und Unklarheit
Martin Suter, Jahrgang 1948, ist der gegenwärtig erfolgreichste Schweizer Schriftsteller. Romane wie „Small World“ oder „Die dunkle Seite des Mondes“ standen nicht nur auf den Bestsellerlisten, sondern wurden auch verfilmt. Suter gelang es dabei, in gut lesbare, teils am Schema des Krimis orientierte Texte tiefgründige Themen einzubauen: Kritik an Wirtschaft und Gesellschaft trafen auf ein Gefühl von Verlorenheit, der sich seine Protagonisten ausgesetzt sehen. Die Kritik behandelte den Autor wohlwollend, aber auch etwas distanziert; zu wenig komplex, zu zugänglich erschien manchen die Sprache. Weniger zugänglich ist die Person Suter selbst, die sich, mit Anzug und gegeltem Haar, zur (unaufdringlichen) Kunstfigur stilisiert hat. Fans könnten sich von einem Dokumentarfilm also einen genaueren Blick hinter die Fassade erwarten.
Alles über Martin Suter. Ausser die Wahrheit tut dies allerdings nur zum Teil; Suter-Lesern kann man den Film zwar durchaus empfehlen, allerdings gibt es neben Licht auch Schatten: Positiv hervorzuheben zunächst, dass Regisseur Schäfer sich gängigen Künstlerporträtmustern verweigert. So werden Szenen aus Suters Büchern mit Schauspielern nachgestellt (ohne Dialoge; die Texte liest sehr schön der legendäre „Drei Fragezeichen“-Sprecher Andreas Fröhlich), während Suter immer wieder selbst durch seine Romanwelten läuft. So bekommt man zwar Einblick in die Themen des Autors, gleichzeitig unterbrechen diese Passagen aber auch den Fluss von Suters trocken-ironischen Lebenserzählungen. Dass der Film teils auf eine Optik mit verschwommenen Rändern und scharfen Bildzentren setzt, wirkt ästhetisch etwas billig. Inhaltlich erfährt man etwa, dass Suter als Kind heimlich Karl May las oder als junger Werbetexter so viele gute Ideen ablieferte, dass die Agentur Schwierigkeiten hatte, ihn zu bezahlen (was davon wahr ist, bleibt gemäß Filmtitel natürlich offen). Man begleitet ihn beim Besuch von Kindheitsorten, sieht ihn bei Bühnenauftritten mit befreundeten Musikern, im Kollegengespräch oder beim Entspannen im Traumdomizil in Marrakesch. Am persönlichsten gerät das Thema Familie; wirklich rührend eine Szene, in der Suters jung verstorbenem Adoptivsohn gedacht wird.
Über den Schreibprozess erfährt man wenig Bahnbrechendes, aber nette Details: Da die Menschen immer weniger Bücher lesen würden, schreibe er auch Texte, die man am Smartphone konsumieren könne. Oder: Man solle nicht eigene Erlebnisse verarbeiten, sondern neue, bewusst unterhaltsame Geschichten erfinden. Und überhaupt müsse er bereits zu Beginn das Ende kennen, um einen guten Roman schreiben zu können. Durch den Mix aus Spielszenen und Monologen ist ein kurzweiliger Film mit einem interessanten Protagonisten entstanden, allerdings reicht die Erkenntnis am Ende nur unwesentlich über das Zitat eines Literaturkritikers hinaus: „Er schreibt Trivialliteratur – aber er macht das verdammt gut.“
