ALPHA-Film

Filmstart

Alpha

| Pamela Jahn |
Radikales Körperkino mit zärtlichem Kern

Alpha (Mélissa Boros) weiß nicht recht, wie ihr geschieht, als sie auf einer Party mit einem Tattoo am Arm aufwacht. Die Dreizehnjährige war bewusstlos und hat die Stiche nicht gespürt. Ihre Mutter (Golshifteh Farahani), eine Ärztin, gerät darüber in Panik, weil sie die unmittelbare Gefahr erkennt: Seit einiger Zeit ist eine unbekannte Pandemie im Umlauf, die durch Blut und Nadeln übertragen wird. Hat man sich einmal mit dem tödlichen Virus infiziert, verhärtet sich die Haut am ganzen Körper und verwandelt sich langsam in eine dicke Marmorschicht. Mit dem letzten Atemzug erstarren die Opfer wie Statuen oder zerfallen im Wind zu Staub.

Bald zeigt auch Alpha Symptome. Sie hat Panikattacken und blutet immer wieder, was sie in ihrer Klasse zur Außenseiterin macht. Unterdessen taucht zuhause ihr Onkel Amin (Tahar Rahim) wieder auf. Er und seine Schwester haben sich lange nicht gesehen; Alpha erinnert sich kaum an ihn. Jetzt ist der Drogenabhängige zurückgekehrt, um bei seiner Familie Zuflucht und Hilfe beim Entzug zu finden. Ein Blick in die Vergangenheit verrät, dass auch Amin längst an dem Virus leidet.

Ducournaus dritter Spielfilm wechselt zwischen zwei Zeitebenen in den 1980er- und 1990er-Jahren, deren Verbindung erst nach und nach deutlich wird. Die Verunsicherung, die sich zu Beginn einstellt, entspricht Alphas verwirrter Sicht auf die Ereignisse und suggeriert, dass Erinnerungen stets einen stark fiktiven Anteil besitzen. In ihrer Fantasie versucht die sensible Teenagerin, die groben Lücken zwischen dem zu schließen, was sie weiß, und dem, was ihr von ihrem Umfeld über die Vergangenheit vermittelt wird.

Doch der eigentliche Reiz von Alpha liegt in der Art und Weise, wie die französische Regisseurin Körperlichkeit und Gewalt im Film einsetzt. Ob in ihrem Kannibalen-Horror-Debütfilm Raw (2016) oder dem spektakulären Cannes-Gewinner Titane (2021), Ducournau hat es sich zur Aufgabe gemacht, Menschen und ihre physische Präsenz ausnahmslos in ihrer ganzen Rohheit und Wahrheit darzustellen. „Ich filme Körper immer mit viel Liebe“, sagt sie selbst, „weil ich glaube, dass die Auseinandersetzung damit für die meisten Leute bis heute ein großes Tabu darstellt.“

Mit ihrer Anspielung auf griechische Mythen und die Skulpturen der klassischen Bildhauerei wirken jene von der Krankheit befallene Gestalten oftmals wie gefallene Engel oder verwundete Edelritter – die wegen ihrer Leiden von der Gesellschaft ausgestoßen wurden, etwa während der Aids-Pandemie oder zu Zeiten von COVID-19. Gleichzeitig spiegeln sie die Verletzlichkeit der Protagonisten wider, die sich hier unentwegt zwischen Gefahr und Zärtlichkeit bewegen.