Alte und neue Visionäre

| Pamela Jahn |

Halbzeit beim Filmfestival in Venedig

Bereits im Vorfeld stand eines fest: Venedig setzt in diesem Jahr nicht nur auf große Stars, sondern auch auf große Dramen. In der ersten Festivalwoche gab es davon bereits einige zu sehen, auch wenn diese von den Journalisten zum Teil mit ziemlich gemischten Gefühlen aufgenommen wurden. Genauer gesagt, gab es nach Damien Chazelles äußerst charmanter Musical-Romanze La La Land, mit der das Festival am Mittwoch offiziell eröffnet wurde, gleich einmal einen ziemlich heftigen Schlag in die Magengrube. Denn auch wenn es während den Dreharbeiten zwischen Michael Fassbender und Alicia Vikander gefunkt haben mag, konnte die junge Romanze zwischen den Hauptdarstellern Derek Cianfrances Wettbewerbsbeitrag The Light Between Oceans leider nicht davor bewahren, in einer ziemlich zähen Mischung aus Kitsch und Historiendrama aufzugehen. In der emotional überladenen Literaturverfilmung nach dem gleichnamigen Roman von M.L. Stedman geht es um den traumatisierten Kriegsveteranen Tom Sherbourne, der als Leuchtturmwärter auf einer einsamen australischen Insel neu Fuß zu fassen versucht und sich dabei Hals über Kopf in die im nächstgelegenen Dorf aufgewachsene Isabel verliebt. Verzweifelt versucht das junge Paar, ein Kind zu bekommen. Als jedoch kurz nach der zweiten Fehlgeburt ein Boot mit einem Säugling zu ihnen treibt, geben sie schließlich das fremde Kind gegen den Willen Toms als ihr eigenes aus. Doch auch er schließt das kleine Mädchen bald ins Herz, bis eines Tages die leibliche Mutter auf der Bildfläche erscheint und seine moralischen Prinzipien damit in ihren Grundfesten erschüttert. Das alles ist nicht nur mit schrecklich viel Pathos und Gefühl inszeniert, sondern ergießt sich angesichts der schwülstigen Musik des sonst so brillanten Alexandre Desplat letztendlich in einem düsteren Meer von Tränen und Enttäuschungen.

Als gelungener erwiesen sich die neuesten Arbeiten von Denis Villeneuve und Tom Ford, die beide jeweils auf eine gelungene Kombination aus Drama und Genre setzten. Im Fall des Franko-Kanadiers Villeneuve, der im vergangen Jahr mit dem spannenden Drogendrama Sicario in Cannes begeistert hatte, handelt es sich dabei um eine mutige Kreuzung aus Sci-Fi-Thriller, Trauerbewältigungsdrama und Parabel über Aufgeschlossenheit und Vereinigung. Als plötzlich zeitgleich mehrere Ufos auf der Erde landen, wird die Sprachwissenschaftlerin Dr. Louise Banks (hervorragend gespielt von Amy Adams) in die Headquarters des amerikanischen Einsatzkommandos berufen, um Licht ins Dunkel der Kommunikationsprobleme mit den Außerirdischen zu bringen. Zur Seite steht ihr dabei Jeremy Renner als Mathematiker Ian Donnelly, mit dem Louise, wie sich bald herausstellt, mehr verbindet als lediglich der Wunsch, die Sprachbarriere zwischen Gegenwart und Zukunft zu brechen. Villeneuve inszeniert seine eigene, zeitgemäße Version von Robert Zemeckis‘ Contact als ein sich behutsam vor den Augen und in den Köpfen der Zuschauer entwickelndes Mosaik, das immer dann am spannendsten ist, wenn das Drehbuch nach den größeren Fragen des Lebens fragt, um am Ende dort anzukommen, wo der Film tatsächlich zu Hause ist – bei Louise und ihrem ganz persönlichen Dilemma, die Welt zu verstehen.

Adams meisterte nicht nur ihre Rolle in Arrival mit Bravour, sondern durfte am drauffolgenden Tag gleich noch einmal über den Roten Teppich spazieren, diesmal anlässlich der Premiere von Tom Ford‘s Nocturnal Animals, in dem sie ebenfalls die weibliche Hauptrolle spielt. Wie schon sein Debüt A Singe Man basiert auch die zweite Regiearbeit des gefragten Modedesigners auf einer literarischen Vorlage, in dem Fall Austin Wrights Roman Tony and Susan aus dem Jahre 1993. Adams spielt in dem Film die überaus erfolgreiche, aber emotional alleingelassene Künstlerin Susan, die mit ihrem zweiten Ehemann (Armie Hammer) so unglücklich verheiratet ist, dass es ihr nachts den Schlaf raubt. Als plötzlich ein Manuskript ihres ersten Mannes Edward (Jake Gyllenhaal) ins Haus flattert, scheint ihr die Lektüre, die Edward expliziert Susan gewidmet hat, zunächst als eine willkommene Abwechslung, bis sich herausstellt, dass es sich bei dem Buch um einen schaurigen Revenge-Thriller über Männlichkeit und Macht handelt, den Ford im Laufe des Films auf meisterliche Weise mit Susans Gegenwart verwebt.

Nicht unerwähnt bleiben soll an dieser Stelle auch der neue Film des großen Kinovirtuosen Wim Wenders, der mit seiner unkonventionellen 3D-Adaption des Theaterstücks Les beaux jours d’Aranjuez von Peter Handke im Wettbewerb vertreten ist. Wie bereits in seinen ersten beiden Ausflügen in die unendlichen Weiten der 3D-Technik (Pina, Every Thing Will Be Fine) wählt Wenders auch diesmal wieder bewusst einen anderen, eigenwilligen Weg, sich mit dem Phänomen der Tiefendarstellung zu beschäftigen. Wenders selbst beschrieb das Anliegen, sein Beziehungsdrama über die Unterschiede von Mann und Frau auf diese Weise zu inszenieren, als den Versuch, Charaktere und ihre Geschichten in einen Raum zu stellen, der absolut hyper-realistisch ist, um dadurch die Zuschauer so in die Situation hinein zu versetzen, wie es das zweidimensionale Medium nie könnte. Ob und inwiefern ihm das am Ende tatsächlich gelungen ist, darüber mögen sich die Kritiker streiten. Fest steht jedoch, dass Wenders auch nach so vielen Jahren im Geschäft nicht müde wird, sich stets neuen Herausforderungen zu stellen, die ungezwungen zum Nachdenken und Kontemplieren  anregen, ganz ähnlich wie es auch das Paar im Film tut. Untermalt ist das wie immer von einem vorrangig melancholischen Soundtrack, zu dem auch Nick Cave (diesmal ohne seine Bad Seeds) erneut eine willkommene Live-Einlage beisteuert.

Aber alles Drama und alle technischen und narrativen Tüfteleien konnten bisher zumindest in Sachen Wucht und Pathos einem Film nicht das Wasser reichen: Mel Gibsons Weltkriegsdrama Hacksaw Ridge (außer Konkurrenz), mit dem sich der aufgrund seiner antisemitischen Hasstiraden einst aus Hollywood Vertriebene nach zehn Jahren Pause auch als Regisseur zurückmeldet. Und das muss man ihm lassen, Gibsons Comeback kommt einem gewaltigen Paukenschlag gleich. Erzählt wird die wahre Geschichte des amerikanischen Soldaten Desmond Doss (Andrew Garfied), der im Zweiten Weltkrieg als Sanitäter an der Front diente und überlebte, ohne jemals selbst eine Waffe in die Hand genommen zu haben. Bei seinen Vorgesetzten und Kammeraden stößt Doss mit seinen verqueren Prinzipien und offenen Glaubensbekundungen zwar zunächst auf jede Menge schmerzliches Unverständnis und Spott, erweist sich jedoch als derart hartnäckig und standhaft, dass es ihm schließlich gelingt, den nötigen Respekt zu erlangen, um nicht nur seinen Platz in der Armee zu sichern, sondern sich kurze Zeit später auch im Kampf gegen die Japaner auf dem Schlachtfeld zu behaupten. Garfield, der diesmal anstelle von gekünstelten Marvel-Superkräften allein auf den Willen Gottes vertrauen kann, um seine außerordentlichen pazifistischen Heldentaten zu verbringen, steht in der Rolle des naiv-bescheidenen Doss durchaus seinen Mann, während Gibson alles daran setzt, den religiösen Hintergrund seiner bemerkenswerten Geschichte in jeder nur möglichen Einstellung sichtbar zu machen. Aber auch die Freunde heroischer Kriegsfilmkost kommen voll auf ihre Kosten, denn auch wenn Doss sich vehement gegen Gewalt und Waffen wehrt, geben seine Kammeraden in den schier endlos scheinenden Kampfszenen alles, um Okinawa schließlich für die Amerikaner einzunehmen. Und auch wenn der Film in keinem Moment so offen und ehrlich ist wie sein Anti-Held, muss man Gibson zumindest zugutehalten, dass er sein Handwerk nicht verlernt hat. Hacksaw Ridge ist gewaltiges, einnehmendes Kriegskino à la Hollywood, in dem letztendlich genau das glorifiziert wird, wogegen Doss sich sein Leben lang vehement gewehrt hat.