Selbstfindung am Lido
Man könnte meinen, Pia Hierzegger geht es gerade nicht so gut. Im vergangenen Jahr spielte die gebürtige Grazerin in Eva Trobischs Ivo über den Alltag einer ambulanten Palliativpflegerin deren an ALS erkrankte Freundin, die sich nichts sehnlicher als zu sterben wünscht. Jetzt hat Hierzegger zum ersten Mal selbst Regie geführt und die Prämisse ist ähnlich trüb: Elli, eine an Brustkrebs erkrankte Frau um die 50 fährt kurz nach der Chemotherapie mit zwei alten Freundinnen auf einen Camping-Trip in die Steiermark. Der Himmel ist grau, die Heizung im angemieteten Wohnwagen kaputt. Und als nachts ein benachbarter Dauercamper von einem herunterfallenden Ast erschlagen wird, killt sein überraschender Tod auch noch den letzten Funken Hoffnung auf einen erholsamen Urlaub zu dritt.
Astrid (Ursula Strauss) würde trotzdem noch bleiben, Isabella (Diana Amft) träumt stattdessen von der Adria. Und Elli (Pia Hierzegger) will einfach nur nach Hause. Sie hat Dinge zu regeln und eine unverhofft schwangere Tochter am Telefon. Doch dann kommt alles anders: Kurze Zeit später checkt das Trio in einem Luxushotel am Lido ein. Neuer Anlauf, jetzt aber! Besser wird es nicht mehr.
Was die Frauen zusammenschweißen soll, treibt sie jedoch nur weiter auseinander. Kaum am Meer angekommen, geht jede von ihnen bald ihren eigenen Weg. Das ist ein bisschen schade und von Hierzegger in ihrem Drehbuch nicht immer glücklich konstruiert. Denn am stärksten sind die Szenen miteinander, wenn es ans Eingemachte geht, Wahrheiten und Geheimnisse auf den Tisch kommen, auch die Selbstlügen, die damit einhergehen.
Dafür hat die Regisseurin, Autorin und Schauspielerin eine große Sensibilität. Auch für Ellis innere Unsicherheit, ihre Angst und Verletzlichkeit. Sie will kein Mitleid, will nicht umsorgt werden oder dass andere ihr sagen, was in ihrer Situation gut für sie ist. Aber sie hadert so sehr mit sich, mit dem Krebs und ihrer ungewissen Zukunft, dass sie in ihrer leisen Verzweiflung gleichzeitig alle nötige Zuneigung und Liebe von außen an ihrer verhärteten Aura abprallen lässt.
Ursula Strauss und Diana Amft haben weniger Spielraum, ihre Figuren stolpern von einem Klischee ins nächste. Isabella kommt mit den Männern auf keinen grünen Zweig; Astrid erstickt jeden Keim von echtem Leben in einem rigorosen Pragmatismus, der sie und ihr Umfeld auf eine harte Probe stellt. Manche Dialoge bleiben trotzdem hängen. Auch Floskeln können verdammt wehtun, wenn sie gut platziert sind. Andere Sätze wirken unfreiwillig komisch oder so himmlisch lakonisch wie aus einem Hader’schen Kabarett. Letzterer hat hier sogar selbst eine kleine Gastrolle in dem hervorragend besetzten Film übernommen.
