Ihre jeweilige Epoche spiegelnde Kunstfertigkeit und wunderbare Unterhaltung unter einen Hut zu bringen, ist eine schwierige Aufgabe. Alle Arbeit, die hinter den beiden heurigen Specials „Rausch“ und „Come and Shoot in Thaliwood“ steckt, wird sich dahingehend bezahlt gemacht haben.
Wie lange und wie intensiv sie anhalten, hängt mitunter natürlich davon ab, von welchen Substanzen sie ausgelöst wurden: Räusche. Dabei muss die verursachende Substanz noch nicht mal etwas Materielles – oft moralisch wie gesetzlich Verpöntes – sein, manchmal wird die Zündschnur zum Loslassen und Durchdrehen von Phänomenen entfacht, die sich physikalischer Bestimmung entziehen. Der österreichische Film pflegt ein produktives Verhältnis zum Rauschhaften, nicht nur, indem er sich an ihm erfreut, sondern auch, indem er es genau untersucht. So in etwa die These,
deren Wahrheitsgehalt die heurige Diagonale anhand einer Vielzahl von handfesten Beweismitteln im Zuge des Festivals als unumstößlich etablieren wird: Das große historische Special „Rausch“ versammelt Positionen der und zur Bewusstseinserweiterung aus über 110 Jahren Filmgeschichte des Landes.
KONTROLLVERLUSTE
Als Herzstück der mal heiteren, mal nachdenklichen, mal gar tragischen Vivisektionen – in Form von Lang-, Kurz- und Kürzestfilmen, die auf der Leinwand wieder- und neuentdeckt werden können –, kann man Michael Glawoggers „Sex, Drugs and Rock ’n’ Roll“-Trilogie aus Nacktschnecken (2003), Contact High (2009) und dem posthumen Hotel Rock ’n’ Roll (2016) bezeichnen. Darin ist es möglicherweise gerade eine Nebenfigur, die die Licht- und Schattenseiten der Berauschung am besten einfängt – entgleisender, dabei witziger und gleichzeitig zerbrochener als „Schorsch“ Georg Friedrich kann eine Figur nicht geschrieben oder gespielt werden. Wie auch ein Herz als vermeintliches Zentrum eines Körpers nie viel ohne das Drumherum ist, mit Ausnahme vielleicht der psychedelischen Reisetasche in Contact High, die wahrscheinlich ungeachtet aller Biochemie vor sich hin wabert. Besagtes begehrtes Gepäckstück leitet aufgrund der VFX-Mitarbeit Mara Mattuschkas am Drogen-Mittelteil der Trilogie gut zu Plasma (2004) über, indem die Künstlerin im Wiener Prater allmählich die Kontrolle über ihre Körper-veränderungen verliert. Voll und ganz „in charge“ hingegen ist die famose Austro-Amerikanerin Hedy Lamarr in Gustav Machatýs letzthin breit wiederentdecktem Dreißiger-Jahre-Prunkstück Ekstase (1933), das vollkommen zu Unrecht oft auf seine explizite Fokussierung von weiblicher statt männlicher Lust reduziert wird: Die von der späteren (und noch viel später dafür gewürdigten) Erfinderin des für den Mobilfunk grundlegenden Frequenzsprungverfahrens dargestellte Protagonistin zeichnet allem voran ihr eigener, selbstbewusster Willen zum nicht einfachen, aber richtigen Lebensweg aus, mit dem sie auch ihrem Vater widerspricht: „Du hast doch das ganze Leben vor dir!“ – „Eben deshalb!“
DIE JUNGEN
Wenn man so überhaupt nicht weiß, was man denn eigentlich will, verkompliziert das die Dinge natürlich erheblich. Erdbeerland (2012) nimmt sich ungeschönt des einzigen Ausnahmezustands Pubertät an; und wie das alles stimmt, und wie das alles wehtut. Wesentlich gediegener als auf der Homeparty, auf der Florian Pochlatkos hervorragend inszenierter Hormontrip gipfelt, geht es natürlich scheinbar beim Faschings-/Maturaball 1982 in Horn zu – Der Ball. Selbstverständlich ist Ulrich Seidl (nach dieser Arbeit bald nicht mehr Filmakademie-Student) am Spielgerät, wer sonst könnte diese gnadenlos verstockte Kleinbürgerlichkeit und ihr Traditionskorsett gewitzter in Szene setzen. Der niederösterreichische Rausch ist strengstens politisch codiert, und alle (vorwiegend Männer) scheinen dem Zerplatzen millimeternah. Und der Schularzt heißt allen Ernstes Dr. Sommer. Zu welcher Jahreszeit sich Dreh & Trink (2013) abspielt, ist unerheblich, jedenfalls selbenorts im Waldviertel, genau gesagt sogar – (k)ein Scherz – in Seidls eigenem Keller. Diese Porträt-Shot-Runde war für Veronika Franz und Severin Fiala natürlich ein weniger konsequenzenreicher Zeitvertreib als ihr folgender Hit Ich seh Ich seh, doch schon hier entfalten die beiden das Prinzip „simple Idee, maximale Wirkung“ kompromisslos. Ein anderer Dreher, nämlich Anton, kaufte 1796 folgenreich das Schwechater Brauhaus. Etwas später, 1957, erwarten sich die Markenverantwortlichen ein nüchternes Ergebnis, als sie den jungen Peter Kubelka bitten, einen Werbespot zu machen: Nichts da, Schwechater ist ein hinreißendes Kleinod, das aus allen Möglichkeiten der audiovisuellen Verdichtung schöpft, wurde aber abgelehnt.
IM JETZT
Weil radikale Verschiebungen aber auch im Größten passieren, kommt man kaum umhin, zwei andere Filmtitel des Programms tagesaktuell als verknüpft zu wünschen: Odessa (Catrin Bolt eignet sich als Frau mit Filmkamera die Potemkinsche Treppe an; 2011) und Happy-End (Peter Tscherkassky; das Ritual des Anstoßens, die Auflösung des besonderen Anlasses; 1996). Heute ist 2022, und es ist eine ereignisreichere Zeit, als beinahe allen lieb ist. Doch als Mittel zur Verdrängung zeigt der Rausch am deutlichsten seine letztlich zerstörerische Fratze. So auch bis in dunkle Details aufgeführt in Sabine Derflingers Vollgas (2001), einer Punktlandung in das psychosoziale Interieur winterlicher Party-Gastronomie. Die tatsächlich teils in Ischgl gedrehte und somit auch eklatant neu-relevante Arbeit stellt eine deutsche Saisonkellnerin und deren Sucht ins Zentrum und somit quasi eine auf den Kopf gestellte Piefke-Saga dar, die im besten Sinne einiges abverlangt – nicht nur mit Gregor Bloébs Titelsong. Die perfekt entgegengesetzte Perspektive nimmt in der Rausch-Schau mit Hände zum Himmel (2013) die nach einem erfolgreichen Hansi-Hinterseer-Stück benannte Kurzdoku von Ulrike Putzer und Matthias van Baaren ein, die die Gefolgschaft eben dieses heimischen Wedler-Wunderwuzzis beobachtet, und wie: Mit der Gondel zum „Konzert“ nahe den Wolken, eine Performance im See, eine Bergmesse, so fantastisch, dass es wahr sein muss. Sich näher an das Adjektiv „österreichisch“ heranzupirschen, ist unmöglich.
STEIRISCHE TRAUMFABRIK
Also muss ein Kameraschwenk her. Die Überblendung ist schnell gefunden, es sind die halbtransparenten, morphenden Menschenkörper, die sich Siegfried Breuer als strauchelnder Versicherungsvertreter im Whiskey-Suff imaginiert. Die Rede ist nun von einem Film, der zwar genauso gut in „Rausch“ gespielt werden könnte, aber einen Teil des zweiten Spezialprogramms ausmacht. Die Grenzen sind eben fließend wie die Wasserspiegelungen auf den Innenwänden – Prämien auf den Tod (1949). In der ersten Regiearbeit von Curd Jürgens verdreht eine wohlhabende Frau dem Mann so dermaßen den Kopf, dass er mit fatalen Folgen zu illegalen Mitteln greift. Fotografiert ist das kontrastreiche Melodram in Genua und Graz.
„Come and Shoot in Thaliwood“ heißt die zweite Historienschiene, die die Ergänzung der Diagonale zu der Ausstellung „Film und Kino in der Steiermark“, welche noch bis 8. Jänner 2023 im Museum für Geschichte läuft, darstellt. Der Produktionsort eint die Filme: Thalerhof, ein Studio am gleichnamigen Flughafen, initiiert von der Alpenfilm-Austria-Gesellschaft und von 1947 bis 1953 unter genauer Beobachtung der Psychological Warfare Branch der britischen Allierten höchst aktiv. Darunter Die Vier im Jeep, 1951 mit dem Goldenen Bären prämiert, die im wienerischen Nachkrieg gleich ablesen lassen, wohin die Reise geht: Die eisigen Vorboten des Kalten Krieges wehen in Gestalt des gegenseitigen Misstrauens der Großmächte USA und UdSSR entgegen. Lotte Schreiber dreht mit tracing THALERHOF den kritischen Blick noch ein bisschen weiter zurück: Der Flughafen des Jahres 2014 war im Ersten Weltkrieg ein Internierungslager, in dem einige Tausend ukrainische und russische Gefangene aus teils nicht ausreichend aufgearbeiteten Ursachen zu Tode kamen …
Die beiden diesjährigen Geschichtsprogramme bieten so viel, dass sich manche in der privaten Festivalplanung wahrscheinlich die Haare raufen werden. Sagen können sie es trotzdem mit Gunther Philipp, der in Schuss durchs Fenster (1949) – in der die Thaliwood-Auswahl komplettierenden Crime-Comedy tauschen Siegfried Breuer und Curd Jürgens Regiestuhl – als „Kriminalanwärter“ allen patschert, aber smart die Show stiehlt und Gespräche mit einer Running-Gag-Phrase beendet: „Nichtsdestotrotz, meinen allerverbindlichsten Dank!“
