Formicula (Them!)
Formicula (Them!, 1954)

DVD/Blu-ray

Ameisen-Horror

| Jörg Buttgereit |
„Formicula“ aus der Reihe „Creature Feature“

Ameisen lieben mich. Das behauptet jedenfalls mein alter Grundschulkumpel Harry, mit dem ich noch heute regelmäßig zum See schwimmen gehe. Denn sobald ich mich da ans Ufer setzte, laufen Ameisen auf meinem Handtuch und mir herum und beißen oder pinkeln mich mit Ameisensäure an. Auch auf meiner Terrasse im Dachgeschoss sind von Frühling bis Herbst alle Pflanzentöpfe von Ameisenkolonien bevölkert. Im fünften Stockwerk mitten in der Stadt! Und wenn ich mal länger als eine Woche auf Reisen bin, bilden die Ameisen völlig ungeniert Straßen durch mein Wohnzimmer. Doch diese angeblichen Liebesbekundungen der Abertausenden von Ameisen empfinde ich nicht als Kompliment. Dazu habe ich schon zu viele Ameisen-Horrorfilme gesehen. 

Phase IV des einflussreichen Grafikdesigners und einmaligen Filmemachers Saul Bass aus dem Jahr 1974 hat mich als Kind bei der Erstsichtung im deutschen Fernsehen ungemein beunruhigt. Immerhin geht es in diesem dokumentarisch anmutenden Science-Fiction-Film um die Übernahme der Erde durch das Ameisenimperium. In der Gewalt der Riesenameisen (Empire of the Ants, 1977) von Genre-Routinier Bert I. Gordon hat nicht ganz so viel Eindruck bei mir hinterlassen. Auch wenn hier Joan Collins, die Schreckschraube aus dem Denver Clan, von Riesenameisen belästigt wird. Doch die Mutter aller Ameisen-Horror-Filme ist natürlich der schwarzweiße Formicula (Them!, 1954) von Gordon Douglas. Da haben sich vier Meter große, durch Atombombentests mutierte Ameisen in der Kanalisation von Los Angeles ein Nest gebaut und planen wohl, sich von hier aus die Welt untertan zu machen. Wenn nicht die Wissenschaft, das FBI und das Militär vor dem Ausbrüten der Eier mit Flammenwerfern anrücken, sind wir verloren! Als Kind hat mich besonders der Anfang von Formicula traumatisiert. Hier wird ein kleines blondes Mädchen mit Zöpfen, das mit weit aufgerissenen Augen durch die Wüste New Mexikos irrt, von zwei Polizisten aufgegriffen. Die Kleine hat einen Nervenschock und kann nicht mehr sprechen. Erst der Geruch von Ameisensäure lässt sie wieder schreiend zur Besinnung kommen. Das Brennen dieser Säure kenne ich nur zu gut vom See.

Ein besonderer Leckerbissen auf der Formicula-Blu-ray aus der Reihe „Creature Feature“ von Plaion Pictures sind die wenigen, aber bemerkenswerten Extras. Neben einer ausführlichen Bildergalerie mit internationalen Plakat- und Fotomotiven gibt es eine dreiminütige Filmrolle mit Outtakes zu sehen. Hier kann man einen seltenen Blick auf die animatronischen Riesenameisen werfen, die zwar damals in der Sektion „Special Effects“ für einen Oscar nominiert wurden, sich aber nicht unbedingt so verhielten wie die Regie es verlangte. Ich kann mich nicht erinnern, dass aus einem Fünfziger-Jahre-Monsterfilm nach all den Jahrzehnten je nicht verwendete Szenen aufgetaucht wären. Das ist schon eine kleine Sensation. Wenn jemand Tipps hat, wie man Ameisen verbindlich aus dem Wohnzimmer vertreiben kann, bitte in der Redaktion melden.