American Honey

Filmkritik

American Honey

| Roman Scheiber |
Ein Film wie ein sensorisches Energiefeld

Es hat gleich einen ganz eigenen schnippisch-faulen Zauber, wie der junge Mann hier das Mädchen trifft: Im Supermarkt taucht er irgendwo in der Tiefe der Kassenreihe auf, ihre Blicke treffen sich, er lugt hervor, versteckt sich wieder, schaut schelmisch und beginnt zu den pochenden Elektro-Beats von Rihannas und Calvin Harris’ Hit „We Found Love“ (in a hopeless place) einen hippen Balztanz aufzuführen. Das Mädchen ist skeptisch, lässt sich aber beeindrucken, so wie man sich als Zuseher von diesem emphatischen Auftakt beeindrucken lässt.

Vieles von der Leichtigkeit des Anfangs ist verloren, wenn wir zwei Stunden später den Song noch einmal hören. Doch die Ambivalenz des Treibens, erzählt in einer schleifenförmigen, losen Bewegung bar jeder dramaturgischen Konvention, ist in diesen ersten Szenen schon angelegt. Star (eine sagenhafte Entdeckung: Sasha Lane) und der Trickster Jake (Shia La Beouf, als wäre er nie ein Transformer gewesen) geraten unausweichlich in eine Amour fou, um sie herum ein Haufen junger Menschen, und alle haben etwas gemeinsam: Sie sind aus einem „troubled home“ abgehauen, sie wollen irgendwie über die Runden kommen, und sie wollen trotz allem das Leben genießen. Unter der Führung der lässig dominanten Krystal (Riley Keough) touren sie wie ein motorisierter Nomadenstamm durch den amerikanischen Mittelwesten und verdingen sich damit, biederen Bürgern von Tür zu Tür Zeitschriften-Abos anzudrehen und vielleicht noch nebenbei was abzustauben. Nachts wird gefeiert, dass die Fetzen fliegen.

Die Britin Andrea Arnold hat sich u.a. mit sozialbewussten schönen Arbeiten wie dem Kurzfilm Wasp (Oscar 2005) oder dem Coming-of-Age-Drama Fish Tank (BAFTA-Gewinner 2010) hervorgetan. In ihrem ersten transatlantischen Film gelingt ihr eine eigentümliche Mischung aus Road Movie, Popmusical, Charakterstudie und Americana – mit gewissermaßen semidokumentarischer Note und einem Gestus der sozioökonomischen Durchforschung. Die sich einstellende Routine aus Fahren, Verkaufen, Geld abdrücken, Streiten, Sex und ausgelassenen Partys inszeniert Arnold wie ein rituelles Mäandern durch Raum und Zeit, als wäre es unverbrüchlich, sein Leben jeden Tag aufs Neue im Nirgendwo bei null zu beginnen. American Honey evoziert ein Gefühl, das im Zuseher haften bleibt, vor allem mittels Robbie Ryans immersiver Kamera. Unablässig driftet sie mit und funktioniert fast wie ein Befindlichkeitssensor der Darsteller (großteils Laien). Ja, und dann gibt es leuchtend explosive Momente, wo das enge Normalbildformat förmlich ausgehebelt wird.