Guillermo del Toro und André Øvredal

Scary Stories to Tell in the Dark | Interview

André Øvredal im Gespräch

| Manuel Simbürger |

Guillermo del Toro beschrieb „Scary Stories“ als familientauglichen Horrorfilm, trotz einiger heftigen Gruselszenen. Mit einem jungen Publikum als Zielgruppe – wo zieht man da bei solch einem Film die Horror-Grenze?
André Øvredal:
Es war tatsächlich von Beginn an geplant, dass sich unser Film an die gesamte Familie richtet. Gleichzeitig wollten wir aber auch erwachsene Themen behandeln, denn viele Eltern sind ja mit den Büchern von Schwartz aufgewachsen. Wir haben uns nicht nach Altersfreigaben gerichtet, als wir Scary Stories gemacht haben. Auch Filme, die sich an ein junges Publikum richten, können sehr gruselig sein. Horror besteht nicht nur aus Splatterszenen, viel Gewalt, möglichst viel Blut oder Kraftausdrücken. Poltergeist bekam in den Achtzigern bloß ein PG-Rating, A Quiet Place oder The Ring in den USA ein PG-13-Rating – und das sind alles durchaus sehr gruselige Filme, die einem Angst machen können!

Schon Alvin Schwartz’ Horror-Buchserie, auf dem der Film basiert, ist ja für Kinder gedacht …
André Øvredal: Die Bücher waren immer schon berühmt-berüchtigt dafür, Grenzen zu überschreiten. In den USA wurden sie früher sogar aus Schulbibliotheken verbannt, viele Eltern forderten ein Verkaufsverbot. Es handelt sich also um sehr kontroverse Geschichten und Illustrationen. Wir jedoch wollten mit unserem Film nie kontrovers sein, aber durchaus gruselig. Wenn eine Mutter meint, Scary Stories wäre für ihr 13-jähriges Kind zu unheimlich, dann macht mich das sehr, sehr glücklich! (Lacht.)

Das Horrorgenre, speziell Filme mit jungen Protoganisten, ist beliebt wie nie zuvor. Was könnte der Grund dafür sein?
André Øvredal: Eine gute Frage! Ich weiß es ehrlich gesagt nicht, aber es freut mich, dass es so ist. It hat wieder einen neuen großen Hype ausgelöst. Ohne It wäre Scary Stories niemals finanziert worden. Solche Geschichten zeigen, wie viele Möglichkeiten im Filmemachen stecken, was es immer noch Spannendes zu entdecken gibt. Die oftmals oberflächliche Meinung über Horrorfilme hat sich in den letzten Jahren gewandelt, das Genre wird nun ernster genommen. Im metaphorischen Horrorgenre lassen sich wahnsinnig viele Themen behandeln, eine Verbindung mit Coming-of-Age-Film ist hier natürlich besonders spannend und zieht das Publikum in seinen Bann. Ich selbst bin mit all den Horror-Klassikern aufgewachsen, sie begeistern mich bis heute. Ich war aber auch ein großer Fan von Back to the Future!

Was ist Ihr persönlicher Lieblings-Horrorfilm?
André Øvredal: Da gibt es viele! Poltergeist ist definitiv einer meiner Lieblinge: Die Atmosphäre, der Humor, der Horror ist einzigartig! Die Story selbst ist tiefgreifend, pointiert erzählt, hier stimmt jeder Takt. Und dann natürlich all die Klassiker: The Omen, The Exorcist, The Shining, The Sixth Sense, etc. – ich liebe sie alle!

Abgesehen von Schwartz’ Büchern: Gibt es einen spezifischen Horrorfilm, der „Scary Stories“ inspiriert hat?
André Øvredal: Wieder muss ich mit Poltergeist antworten. Der Stil und der Humor dieses Films haben uns sehr beeinflusst. Der Horror, das Mini-Universum in einer Kleinstadt enthält natürlich reichlich DNA von Stephen King, aber auch von Steven Spielberg.

Zur Zeit sind Anthologie-TV-Serien groß in Mode. Auch Schwartz’ Kurzgeschichten hätten sich dafür angeboten, daraus eine Anthologie zu machen. Wieso haben Sie sich stattdessen dazu entschlossen, alle Storys zu einer einzigen großen Erzählung zu verbinden?
André Øvredal: Die Entscheidung wurde schon getroffen, bevor ich an Bord kam. Ich denke, es war richtig, da wir so die Möglichkeit hatten, eine große, runde Geschichte zu erzählen. Ich bin kein großer Fan von Anthologie-Erzählungen, weil sie es mir schwer machen, so richtig in die präsentierte Welt einzutauchen. Eine der Geschichten ist großartig, die andere gut, die nächste wieder nur mittelmäßig. Zudem lernt man die Figuren nie wirklich kennen, sie sind im Grunde nur dafür da, um die Story voranzutreiben, bleiben oberflächliche Vorkommnisse. Ich bin Spielfilm-Regisseur, ich möchte abendfüllende Filme machen. Ich möchte Geschichten erzählen, die mehr bieten als bloß zehnminütiges Reinschnuppern.

Für mich ist „Scary Stories“ eine Meta-Erzählung über das Horrorgenre selbst …
André Øvredal: Ja, das ergibt durchaus Sinn. Wir arbeiten ja sehr viel mit klassischen Motiven wie der gruseligen Vogelscheuche oder dem verdorrten Maisfeld, aber stets auf spielerische Art und Weise. Wir wollten all die Horrorelemente, die wir seit so langer Zeit kennen und lieben, kombinieren. Jeder muss für sich selbst herausfinden, ob er diese Verknüpfungen mag – aber genau das macht den Reiz des Films aus. Nicht immer funktionieren Horrormotive, wenn man sie in einen anderen Kontext stellt oder sie kombiniert. Ich hoffe, bei uns tun sie das! Wir haben jedenfalls das Gefühl, dass wir ihnen gerecht geworden sind.

Der Film zeigt sehr gut die Macht des Geschichtenerzählens. Haben Geschichten Ihrer Meinung nach tatsächlich das Zeug dazu, die Welt zu verändern?
André Øvredal: Ich denke, es geht eher darum, wer diese Geschichten erzählt, wie sie erzählt werden und was man mit ihnen bezwecken möchte. In Geschichten liegt sehr viel Wahrheit, im Erzählen liegt Kraft und Macht. Egal ob Präsidenten, Social Media oder Schulkameraden, die über dich Geschichten verbreiten: Das Erzählte, egal ob positiv oder negativ, hat eine große Auswirkung auf einen selbst, auf die Welt. Im Grunde ist „Geschichte“ bloß ein anderes Wort dafür, über Dinge zu sprechen. Verbunden mit Bildern wird die Macht noch größer.

Apropos Bilder: Die Illustrationen in Schwartz’ Büchern werden in Ihrem Film beinahe 1:1 umgesetzt, jedoch zum Großteil ohne CGI-Effekte …
André Øvredal: 90 Prozent der gruseligen Kreaturen waren „echt“, wurden also entweder von echten Menschen gespielt oder waren Puppen beziehungsweise Skulpturen. So war es für mich als Regisseur natürlich leichter, sie genau so einzusetzen, wie ich es mir vorstellte, gleichzeitig konnten die anderen Schauspieler besser auf die Monster eingehen, mit ihnen auf natürliche Weise interagieren. Es stimmt. Beinahe vollständig auf CGI zu verzichten, ist heutzutage ungewöhnlich, aber wir wollten es bewusst anders machen, um eine unverwechselbare Atmosphäre zu schaffen. Wir arbeiteten mit den besten Experten der Welt zusammen.

Letzte Frage: Wie war es, mit Guillermo del Toro zu arbeiten?
André Øvredal: Eine großartige Erfahrung. Er ist nicht nur wahnsinnig kreativ, sondern auch sehr großzügig. Eigentlich sollte er ja Regie führen, aber sobald fix war, dass ich diesen Job übernehmen würde, ließ er mir komplett freie Hand und betonte immer wieder, ich solle und könne meine Visionen umsetzen. Das ist nicht selbstverständlich. Bei Fragen konnte ich mich aber jederzeit an ihn wenden, er war sehr präsent und brachte auch eigene Ideen ein, vor allem beim Drehbuch, beim Schnitt und bei den Special Effects. Er ist ein Meister der Special Effects!