Großartig gespieltes, raues Beziehungsdrama
Immer wieder ist die junge Angèle (Clothilde Hesme) mit dem Fahrrad unterwegs. Die Kamera erfasst frontal ihr Gesicht. Verbissen und zornig tritt sie zunächst in die Pedale, radelt stur weiter, obwohl sie einen Platten hat. Von Fahrt zu Fahrt wirkt sie aber lockerer, geht es flüssiger und leichter dahin, kämpfen muss sie gleichwohl immer noch. Die sich wiederholende Szene kann man zwar durchaus als reale Aktion sehen, doch mehr noch ist sie Metapher für Angèles Lebenskampf, für ihr Anrennen gegen die Umstände und ihren unermüdlichen Kampf für ein glücklicheres Leben und um ihren Sohn, der bei ihren Schwiegereltern lebt.
Nichts erfährt man über die Vergangenheit dieser jungen Frau. Ganz im Hier und Jetzt spielt Angèle et Tony. Nicht gerade als Sympathieträgerin wird sie dem Zuschauer vorgestellt, wenn sie irgendwo am Straßenrand mit einem jungen Mann Sex hat und dafür als Belohnung oder Bezahlung die Spielzeugfigur Action-Man erhält.
Ruppig, rau und wortkarg wie Angèle ist auch dieser Film. Mehr wird hier durch die Ellipsen im Dunkeln gelassen als in den Bildern erzählt. Erst langsam deckt Delaporte die tiefen inneren Verwundungen im Leben von Angèle und Tony (Grégory Gardebois) auf, den sie nach dem Gelegenheitssex per Kleinanzeige kennen lernt. Kühl geht sie zunächst mit dem zurückhaltenden Fischer um, dennoch kommen die beiden sich langsam näher. Ganz auf die Beziehungsgeschichte fokussiert Delaporte, bewusst diffus gehalten ist das Umfeld von sozialen und persönlichen Problemen. Nichts wird dramatisiert, still beobachtet die französische Regisseurin, lädt andere Szenen aber wieder durch unorthodoxen, aber wirkungsvollen Musikeinsatz emotional auf, und überlässt den Schauspielern den Raum. Ihre Blicke, Gesten und Mimik sind hier wichtiger als die äußere Handlung, in diesen Details entwickelt sich die Beziehung. Die raue französische Atlantikküste mit tristem Fischerstädtchen, grauem Meer und stets bedecktem Himmel wird hier zum Spiegelbild der verletzten Seelen.
Faszinierend ist es, Clotilde Hesme zuzusehen, die Angèle et Tony dominiert und dem Film den Stempel aufdrückt: Großartig spielt sie diese letztlich undurchschaubare, zerrissene Frau, die nicht danach schielt sympathisch zu sein, für die man aber doch das Beste hofft. Und am Ende weitet sich dann doch endlich der Blick, wenn Angèle, Tony und ihr Sohn Yohan am schlammigen Meeresstrand Hand in Hand dahin stapfen. Kein Happy-End ist das, aber ein Neubeginn: Nichts ist gewonnen, aber etwas scheint möglich.
