Nach seinem Erfolg mit „The Father“ hat der französische Regisseur und Autor Florian Zeller erneut ein eigenes Theaterstück verfilmt. Das einfühlsame Familiendrama „The Son“ zeigt Hugh Jackman und Laura Dern als hilflose Eltern im Kampf gegen die Depression ihres Sohnes.
Florian Zeller kommt vom Theater, das merkt man ihm an. Im Gespräch, an seinem feinen Instinkt für die Pause im richtigen Moment. Und in den Dialogen, die er schreibt. Nicht umsonst nannte ihn die „Times“ den „aufregendsten Dramatiker unserer Zeit“. Seine Stücke sind nah und allgegenwärtig, schrecklich ehrlich und persönlich zugleich. Sie entstehen aus dem Bauch heraus, einem Gefühl folgend, das in ihm gärt. Das Vertraute, ungemein Menschliche, das aus seinen Kammerspielen spricht, hat sie zunächst auf den Bühnen von Paris, London und New York zu Sensationen gemacht. Dann legte Zeller 2020 mit The Father sein Regiedebüt vor. Es war der Film, der Anthony Hopkins im Alter von 83 Jahren überraschend zu seinem zweiten Oscar als Bester Hauptdarsteller verhalf. Wie ein einsamer Wolf bäumt er sich darin immer starrsinniger, immer verletzender, immer verzweifelter gegen den eigenen geistigen Niedergang auf, wehrt sich gegen seine Rolle als alter, an Alzheimer erkrankter Mann, der kaum mehr alleine zurechtkommt – bis es gar nicht mehr geht.
Zeller dagegen lief sich gerade erst warm: „Ich wusste schon vor The Father, dass ich The Son machen würde, und ich wusste es ganz genau“, sagt der gebürtige Franzose mit Nachdruck und nicht ohne Pathos in der Stimme. „Es ist eine Geschichte, die ich erzählen wollte – die ich erzählen musste. Wahrscheinlich, weil sie tief aus dem Innern kommt. Weil sie von Emotionen handelt, die ich teilen wollte.“ Auch The Son basiert auf einem Bühnenstück, das der Regisseur gemeinsam mit seinem britischen Kollegen Christopher Hampton für die Leinwand adaptiert hat. Während es in The Father um Demenz ging, ist das Thema hier Depression. Doch es ist genau dieses eine schwere, unfassbare und alles vernichtende Wort, das im Film erst lange nicht und dann viel zu spät fällt.
„Florian Zeller hat es, ohne uns bloßstellen zu wollen, darauf angelegt, unsere Verletzlichkeit als Eltern und die tiefe Beziehung zu unseren Kindern zum Vorschein kommen zu lassen“
The Son ist ein vielschichtiges Drama, klug dosiert wie ein sich langsam steigernder Schmerz. Im Mittelpunkt stehen Hugh Jackman und Laura Dern als geschiedenes Ehepaar Peter und Kate, die sich zusammenraufen müssen, als ihr 17-jähriger Sohn Nicholas (Zen McGrath) immer tiefer in eine emotionale Abwärtsspirale gerät. Dabei hat Peter, ein erfolgreicher New Yorker Anwalt, eigentlich genug im Job und mit seiner neuen Familie zu tun. Gerade ist er zum zweiten Mal Vater geworden, aber Nicholas schwänzt seit Wochen die Schule und seine Verschlossenheit macht Kate große Angst. Als Nicholas den Wunsch äußert, bei seinem Vater einzuziehen, ist die Situation für niemanden ideal – am wenigsten für Peters neue Lebensgefährtin Beth (Vanessa Kirby), doch auch sie lenkt schließlich ein, als sie merkt, wie wichtig ihrem Mann die Sache ist.
Peter ist die Schlüsselfigur in The Son und Jackman spielt seine Rolle souverän mit viel Würde und Integrität. Aber auch mit einer großen Hilflosigkeit, einer Schwere, jener Wut über die eigene Schwäche, die das Ausmaß der Tragödie früh erahnen lassen. Denn selbst Peter kommt nicht richtig an seinen Jungen heran, versucht es erst mit Vernunft, dann mit Charme, tut dessen Trübsinn und irrationales Handeln als die übliche Teenagerflaute ab. Überhaupt scheint Nicholas der Einzige zu sein, der überhaupt eine Vorstellung von seinem alarmierenden Gemütszustand hat. Und Zeller beharrt darauf, dass es so bleibt. Er weiht uns nicht ein in das Gefühlschaos, das den Sohn umtreibt. Auch uns geht es nicht anders als seinen Eltern, die einzig auf die Heilkraft der Liebe bauen und darauf hoffen, dass der Spuk irgendwann aufhört, sich die Dinge wieder einrenken, die Fehler machen und falsche Entscheidungen treffen, weil sie sich selbst nicht anders zu helfen wissen. Der bewusste Blick von außen steigert die Ungewissheit, macht Zellers Film jedoch auch zunehmend passiver und angreifbarer. Immer wieder schaut Peter seinem Sohn in die Augen, mal lächelnd, mal weinend, verärgert oder fassungslos. Aber so sehr er sich auch anstrengt, er kann nicht sehen, nicht nachempfinden, was sein Sohn denkt und fühlt. Und die Wahrheit bleibt, wo sie meistens zu finden ist: im Dunkeln. Im Interview sprechen Hugh Jackman und Laura Dern über ihre Gefühle beim Dreh, persönliche Erfahrungen und Sätze, die sie selbst bei der Erziehung ihrer Kinder unbedingt vermeiden wollten.
Interview
Hugh Jackman und Laura Dern über ihre Rollen in Florian Zellers Familiendrama „The Son“
Herr Jackman, wie emotional war es für Sie, diese Rolle zu spielen?
Hugh Jackman: Ich glaube, der Film arbeitet noch immer in mir. Je mehr ich darüber rede, um so mehr verstehe ich über mich selbst, aber auch in Bezug auf die Geschichte. Es war ein völlig neuer Prozess des Arbeitens für mich, denn Florian wollte überhaupt nicht proben, was mich überraschte, weil er vom Theater kommt. Stattdessen hat er versucht, einen sicheren, fast heiligen Raum zu schaffen, in dem wir jeden Tag spielen mussten. Er wollte, dass wir in der Szene leben und sehen, wohin das führt. Und von dort aus ging es dann weiter. Dadurch war ich sofort sehr eng mit Laura befreundet und mit allen anderen am Set. Wir kamen uns sehr schnell sehr nahe, ungewöhnlich nah.
Es klingt nach Klischee, aber haben Sie das Gefühl, dass diese Geschichte Sie härter trifft, weil Sie selbst Kinder haben?
Laura Dern: Wenn es um ein Thema wie die psychische Gesundheit von Menschen geht, ist das immer eine tiefe Erfahrung, egal wen es betrifft. Das kann auch ein Liebhaber sein, ein Vater oder eine gute Freundin. Ich war bisher immer sehr stolz auf mich, dass ich beim Spielen eine Verbindung zu den Emotionen meiner Figur herstellen konnte, ohne meine eigenen Erfahrungen einzubringen. Aber diesmal gelang es mir nicht. Ich hatte das Gefühl, dass wir mittendrin waren. Florian hat es, ohne uns bloßstellen zu wollen, darauf angelegt, unsere Verletzlichkeit als Eltern und die persönliche, tiefe Beziehung, die wir zu unseren Kindern haben, zum Vorschein kommen zu lassen. Es war schwer zu trennen, was es heißt, Eltern zu sein und Eltern zu spielen, denn auch wenn die Erfahrungen völlig unterschiedlich sind, die Machtlosigkeit, die man manchmal beim Erziehen oder in der Liebe spürt, ist die gleiche.
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LD: Ich hoffe sehr, dass der Film genau diese Art von Fragen anregt. Denn wenn wir uns mit einer Suchtkrise oder anderen psychischen Herausforderungen wie klinischen Depressionen oder Angstzuständen befassen, gibt es nun einmal keine richtigen Antworten, weil es nicht an uns liegt. Egal wie sehr man sein Kind liebt, man kann die Erfahrung in dem Moment nicht nachempfinden. Man kann wie Kate versuchen, seinem Kind maximale Liebe zu schenken, oder wie Peter Strukturen schaffen und hoffen, dass am Ende alles wieder gut wird. Aber wissen kann man es nicht.HJ: Als meine Frau und ich unser erstes Kind bekamen, merkten wir plötzlich, wie unterschiedlich unsere Vorstellungen von Erziehung waren. Wir hatten das vorher nie wirklich besprochen. Nicht zuletzt deshalb finde ich im Film die kurze Szene mit Anthony Hopkins, der im Film Peters Vater spielt, eine wirklich großartige Ergänzung. Denn erst in dem Moment wird einem bewusst, dass Peter den Schmerz, den er selbst in seiner Kindheit empfunden hat, noch nicht verarbeitet hat. Und dass er bestimmte Entscheidungen trifft, um sich bewusst von seinem Vater zu unterscheiden.
HJ: Ja. Ich möchte nie sagen: „Ich bin enttäuscht von dir, junger Mann.“ Mein Vater war sehr englisch, er hatte viele solcher Sprüche parat.
HJ: Auf jeden Fall. Es hat meine Einstellung zu mir selbst und zu anderen Menschen verändert. Ich habe dadurch viel mehr Einfühlungsvermögen bekommen und ich gehe offener mit meiner Verletzlichkeit gegenüber meinen Kindern um. Es hat mir auch geholfen, bestimmte Dinge zu verstehen, die sich in der Vergangenheit in meiner eigenen Familie abgespielt haben. Was Florian meiner Meinung nach so gut macht, ist, wie er uns in die Lage der Menschen versetzt, die diese Dinge durchmachen. Auf diese Weise erkennen wir, wie komplex und ungewiss die Situation ist, in der sie sich befinden, anstatt sie lediglich zu verurteilen.„The Son“ ist in gewisser Weise auch wieder ein Film über den Vater. Haben Sie das auch so gesehen?
HJ: Das Interessanteste an Peter war für mich, wie wichtig es ihm ist, sich als starker und fähiger Mann zu fühlen. Er hat Schuldgefühle. Er weiß nicht, was er tun soll, aber er ist unfähig, sich seine eigene Hilflosigkeit einzugestehen. All das macht ihn nur noch entschlossener, der Fels in der Brandung zu sein, derjenige, der die Dinge in Ordnung bringt, der seinen Sohn retten will, weil er unbedingt der Vater sein will, der sein Vater nicht war. Das ist seine Achillesferse. Und was ich letztendlich an dieser Geschichte liebe, ist, dass sie eine andere Perspektive eröffnet und uns zeigt: Es ist okay, nicht zu wissen, was man tun kann. Es ist okay, Fehler zu machen. Und es ist okay, wenn man als Elternteil eben nicht die beste Person ist, um seinem Kind zu helfen. Vielleicht ist es ein Lehrer, ein Freund, wer weiß? Aber es braucht Demut und Ehrlichkeit, damit ein Vater das erkennt. Und genau das ist der blinde Fleck.
HJ: Ich weiß es nicht. Ich erinnere mich, dass ich zu Florian gesagt habe, dass ich mir beim Ende nicht ganz sicher bin.LD: Und ich weiß von Freunden, die das Stück auf der Bühne gesehen haben, dass die Leute nach dem Stück noch 30 Minuten sitzen blieben und das Theater nicht verließen. Sie warteten und wollten mit Florian darüber sprechen und ihre eigenen Erfahrungen teilen.Was war der Auslöser für Sie, bei der Verfilmung des Stücks mitzuspielen?
LD: Hugh Jackman, keine Frage. (Lacht.) Aber es ist auch selten, dass man ein Drehbuch liest, bei dem man am Ende so sehr weinen muss. Es bricht einem das Herz.Was ist wichtiger, die Figur, die Sie spielen, oder die Menschen, mit denen Sie zusammenarbeiten?
HJ: Wenn man mir nur gesagt hätte, dass es sich um einen Film mit Laura Dern handelt, hätte ich wahrscheinlich auch sofort ja gesagt. Aber das Wichtigste für mich waren in dem Fall die Geschichte und der Regisseur, denn ich wusste nicht, wer mitspielen würde. Ich wusste nicht einmal, ob ich dabei sein würde. Ich musste Florian anrufen, um mein Interesse zu zeigen. Ich habe ihm eine E-Mail geschickt und mich für die Rolle beworben. Es hat mich gereizt, mich emotional an einen Ort zu begeben, der nicht festgelegt ist. Ich wusste nicht, wo es enden würde. Und so ein Schritt ins Ungewisse setzt ein großes Vertrauen voraus, das ich bei Florian sofort gespürt habe.
Herr Jackman, das letzte Mal haben wir uns im Vorfeld der Premiere von „The Greatest Showman“ getroffen. Damals hatten Sie Bedenken, wie der Film ankommen würde.
HJ: Im Nachhinein würde ich sagen, es lief ganz gut. (Lacht.) Aber ganz ehrlich, ich bin immer noch ein bisschen schockiert über den Erfolg. Und natürlich habe ich mir damals Sorgen gemacht. Wir alle haben uns Sorgen gemacht. Als der Film anlief, hatten wir, glaube ich, den zweitschlechtesten Start in der Geschichte Hollywoods. Es war ein neues Musical mit neuen Songs und wilden Tanzchoreografien, niemand wusste, worum es ging. Michael Gracey, der Regisseur, war der Einzige, der ahnte, was passieren würde. Es war sein erster Film, und ich habe immer zu ihm gesagt: „Wow, mach mal halblang. Du solltest deine Erwartungen runterschrauben.“ Aber er ließ sich nicht beirren. Er meinte nur: „Ich sage dir, das wird ein Film, den sich die Leute immer wieder ansehen.“ Und er hatte absolut Recht.
Sie liefern auch in „The Son“ eine gewagte Tanzeinlage. Wie haben Sie sich darauf vorbereitet?
HJ: Ich habe die Szene mit meiner Tochter durchgespielt, sie ist eine wirklich gute Tänzerin. Ich erzählte ihr, ich müsse zu Tom Jones tanzen und im Drehbuch stehe etwas von einem Hüftschwung. Daraufhin zeigte ich ihr ein paar Moves und sie sagte: „Dad, du musst dir keine Sorgen machen, lass einfach die Kamera laufen.“ Ich insistierte: „Lass uns das mal versuchen“, und fing von vorne an. Sie lächelte gequält und meinte nur: „Ehrlich, Dad, mach dir keine Sorgen. Du hast das drauf.“
