Animationsfilm – Die Quadratur des Kreises

Die Quadratur des Kreises

| Alexandra Seitz |

Unwahrscheinliches Abenteuer stiftet unwahrscheinliche Freundschaft: Up von Pete Docter und Bob Peterson.

Carl Fredricksen ist vorwiegend eckig und Russell ist vorwiegend rund. Kein Wunder also, dass es eine Weile dauert, bis die beiden miteinander klar kommen. Zumal der Altersunterschied zwischen eckig und rund beträchtlich ist: Der ehemalige Luftballonverkäufer Fredricksen blickt auf stattliche 78 Jahre zurück, während der begeisterte Jungpfadfinder Russell gerade mal acht Lenze zählt. Und außerdem ist da noch der Umstand, dass der eine eher maulfaul und mürrisch ist (genau, der Alte), während der andere redet wie ein Wasserfall und sich für jeden Unsinn begeistert (klar, der Junge).

Apropos Wasserfall: Die Paradise Falls im Amazonas-Gebiet sind das Ziel jener Reise, die Mr. Fredricksen (freiwillig) und Russell (unfreiwillig) zusammen unternehmen. Eine Reise, deren Ursprung an sich bereits abenteuerlich genug wäre, die in ihrem Verlauf jedoch an Abenteuerlichkeit immer noch zunimmt. So lange, bis noch mehr Abenteuer schlicht nicht möglich ist und mitten im Wirbelsturm etwas Neues, sehr Ruhiges entsteht: Freundschaft. Und das sichere Gefühl, dass Am-Straßenrand-Sitzen, Eis-Essen und Autos-Zählen sehr befriedigende Beschäftigungen sein können.

Paradise Falls war der Sehnsuchtsort von Fredricksens kürzlich verstorbener Ehefrau Ellie; ein Ort, der für den Alten zum einzigen Ausweg wird, als ihn übel meinende, Anzug tragende Immobilienhaie in ein Seniorenheim zwangsverfrachten lassen wollen. Nicht mit Carl Fredricksen! Mit Hilfe einer größeren Menge von heliumgefüllten und an sein Haus geknüpften Ballons macht der Alte sich aus dem Staube. Und Russell? Nun ja, der hängt irgendwie mit drin.

What a joke!

Dies ist der passende Moment, um inne zu halten und die Ausgangsidee von Up, dem zehnten Film des Pixar-Studios, zu würdigen: Das an einer riesigen Traube von Luftballons – 20.622 in der Abhebe- und 10.297 in den übrigen Gleitflug-Sequenzen, um genau zu sein – davonschwebende Haus, das als Anker der Handlung dient, ist ein würdiger Neuzugang in einem Ideen-Universum, das bereits verliebten Müllpressen, kochenden Ratten, ängstlichen Monstern und eifersüchtigen Spielzeugen Heimat ist. Es ist also schon wieder passiert! Die Pixar-Leute haben schon wieder eine jener Geschichten erfunden, die vor abstrusen, absonderlichen, absurden und aberwitzigen Einfällen nur so strotzt, und die dabei gleichzeitig einen Reichtum an realistischen Details, an differenzierten Emotionen und komplexen Verhaltensweisen bietet, die die phantastische Erzählung tief und fest in der wirklichen Welt verwurzelt – was in einer staunenswerten Wirkmächtigkeit resultiert. Verantwortlich für den neuerlichen Genie-Streich sind Pete Docter und Drehbuchautor und Ko-Regisseur Bob Peterson. Docter inszenierte zuvor Monsters Inc. und ist Ko-Autor von Toy Story, Peterson schrieb das Drehbuch zu Finding Nemo.

Und nun also ein fliegendes Haus, eine wild zusammengewürfelte Truppe und ein Abenteuer, das sich gewaschen hat.

Angekommen auf dem Hochplateau, von dem aus Paradise Falls in die Tiefe stürzt – nein, Wahrscheinlichkeit hat nichts damit zu tun –, treffen Carl Fredricksen und Russell den alten Abenteurer Charles Muntz, dem eine stattliche Hundemeute zu Diensten steht. Charles Muntz ist der Kindheits-Held von Carl und Ellie und recht eigentlich schuld an deren lebenslang unverbrüchlicher Liebe. Denn beim Munt’zsche-Abenteuer-Nachspielen hatten die beiden sich seinerzeit kennengelernt. – Und die Anfangssequenz von Up, die das gemeinsame Leben von Carl und Ellie in eine das Herz bewegende, meisterhaft rhythmisierte Montage fasst, gehört zum Schönsten, was Pixar je inszeniert hat. Von dieser Miniatur geht die Motivation der Hauptfigur aus, sie ist die Quelle der Gefühle, die alles Weitere bedingen.

Jedenfalls und leider stellt sich Muntz als der Bösewicht des Films heraus, ein Umstand, den Carl trocken kommentiert: „This is crazy. I finally meet my childhood hero and he’s trying to kill us. What a joke.”

Muntz, muss man wissen, ist hinter einem sehr seltenen, sehr bunten, flugunfähigen, vier Meter hohen Riesenvogel namens Kevin her, den mittlerweile – fragen Sie nicht wieso, es hat sich eben so ergeben – Carl und Russell im Schlepptau haben. Nicht zu vergessen Dug, den etwas übergewichtigen, nicht allzu hellen, aber unternehmungslustigen und unbedingt gutmütigen, sandfarbenen Schlappohr-Hund, der nicht so recht zur Muntz’schen Meute passt, und der sich daher bald Fredricksen und Russell und ihrem Luftballon-getriebenen Haus anschließt. Außerdem findet er Kevin toll.

Alte Liebe oder neue Freundschaft

Für den Stil der Animation von Up hat Produktionsdesigner Ricky Nierva den Begriff „Simplexität“ geprägt: Simplexität beschreibt die Balance zwischen Einfachheit der Form – eben dem Viereck, das Carl, und dem Kreis, der Russell zugrunde liegt – und dem Realismus, der mit der Gestaltung vielschichtiger Details erreicht wird. Ein Beispiel: Carl hat zwar keine Löcher in Ohren und Nase, aber achten Sie einmal auf die unterschiedlichen Texturen der Krawatten, die ihm Ellie umbindet. Oder Russell, der keine Knie und keinen Hals hat, dafür aber „aussieht wie ein Outdoor-Shop-Kunde nach einem Kaufrausch“ (Steve May, Animator).

Auf der Ebene der Figuren-Charakterisierung bedeutet Simplexität die Verbindung von karikaturhaftem Äußeren mit einem komplexen Innenleben und allen sich daraus ergebenden diffizilen Entscheidungsfindungen, die wiederum die Ereignisse komplizieren. Die Figuren mögen zwar aussehen, als seien sie allesamt einem Zeitungscartoon entsprungen, die Probleme aber, die Carl und Russell zu bewältigen haben, sind keineswegs allein gegenständlicher oder auch nur grob skizzierter Natur.

Aufgrund des Interessenskonfliktes zwischen Muntz (will den Vogel), Russell (will den Vogel retten), Kevin (will zurück zu ihrer Brut), Fredricksen (will mit dem Ellie-Haus zum Wasserfall) und Dug (will nur spielen) muss Carl Fredricksen sich zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Erinnerung und Erlebnis, zwischen einer alten Liebe und einer neuen Freundschaft entscheiden.

Die Gefühle, die in dieser Situation wirken, sind vielschichtig und widersprüchlich, sie beinhalten Verlassensein, Enttäuschung, Reue, Sehnsucht, Misstrauen, Resignation, Hoffnung, Mitgefühl und Sturheit. Das Haus in den Wolken ist in diesem Zusammenhang auch ein Symbol für die Weltflucht, die Carl nach dem Verlust Ellies angetreten hat. Und einmal schleppt Carl das Ellie-Haus durch die graue Morgendämmerung und sieht dabei aus wie Sisyphos, der sich mit seinem Felsen abmüht. Up erzählt auch von der Zartheit und Gefährdetheit menschlicher Bindungen.

Deswegen wünscht man sich mitunter, Docter und Peterson hätten es mit der Action nicht gar so wild getrieben. Ein paar Nummern kleiner ausgeführt hätten die aufwändigen und aufregenden Verfolgungsjagd- und Kampf-Sequenzen vor allem des letzten Filmdrittels ihr Ziel auch erreicht. Ein paar weniger hätten es vermutlich auch getan – so lustig es auch sein mag, quasi im Vorüberfliegen, beim Blick durch ein Fenster in eine Zeppelin-Gondel eine Hommage an die berühmten Hunde-spielen-Poker-Gemälde des amerikanischen Malers Cassius Coolidge zu erblicken.

Wunschherrchen mit Widerborsten

Überhaupt ist diese Muntz’sche Meute ein hervorragendes Beispiel für die Quadratur des Kreises, die in Up gelingt. Diese Hundehorde ist zugleich abstrakt und realistisch. Das bedeutet nicht nur, dass stilisierte Körper mit artspezifischen Bewegungsmustern und Ausdrucksformen kombiniert werden, sondern dass sich die Rottweiler, Dobermänner, Bulldoggen und sonstigen eher kämpferisch gesonnenen Vierbeiner zwar unverkennbar wie Hunde benehmen, dass sie außerdem aber anthropomorphisierte Trickfilm-Charaktere sind und als solche Anknüpfungspunkte für allerlei das mutmaßliche Wesen des Hundes betreffende Scherze.

Da ist es dann kein Widerspruch, dass die Hunde bei Tisch bedienen und in unbeobachteten Momenten das servierte Hot Dog vom Teller zu stehlen versuchen. Es ist gleichermaßen völlig in Ordnung, dass sie sich mit Eifer einer Bewachungs-Aufgabe widmen und sich mit dem gleichen Eifer von einem Tennisball von dieser wieder ablenken lassen. Und erst recht ist es ihnen möglich, ein High-Tech-Halsband zu tragen, das ihre Hunde-Gedanken in Sprache übersetzt.

Und einer dieser Gedanken lautet: „My name is Dug. I have just met you, and I love you.“ Der gute Dug richtet diesen schlichten, simplen, großartigen Gedanken-Satz an den unbegeistert dreinblickenden Carl, der sich als Wunschherrchen mit Widerborsten erweist. Es ist ein Satz, der sich auch über diesen Film sagen lässt: Man liebt UP auf den ersten Blick; und dass er es mit der Action ein wenig übertreibt, fällt bei all den übrigen Turbulenzen kaum ins Gewicht. Es kann ja nicht immer alles perfekt sein. Das wäre ja langweilig. Nicht wahr?