Lars von Trier über Psychoanalyse, Horrorfilme, Kraftlosigkeit und den „furchtbaren Idioten“ Hans Christian Andersen.
Ihr neuer Film ist nach eigenen Angaben das Ergebnis einer Depression, unter der Sie seit geraumer Zeit gelitten hatten. Wissen Sie, was diese Depression auslöste? Hatte es mit der Inszenierung von „Der Ring des Nibelungen“ in Bayreuth zu tun, die Sie 2004 nach Jahren der Vorbereitung mittendrin abbrachen?
Nein, das hatte damit nichts zu tun, das war viel früher. Damals hatte mich der technische Aufwand schlicht überfordert, der notwendig gewesen wäre, um die Oper so zu inszenieren, wie ich mir das vorstellte. Es wäre so kompliziert geworden, dass ich mich nicht imstande sah, es zu stemmen. Ich habe danach alles, was ich an Recherche und Konzept erarbeitet hatte, auf unserer Website allgemein zugänglich gemacht.
Warum haben Sie die Depression auf die weibliche Figur übertragen?
Ich denke, ich war in allen meinen Filmen immer die weibliche Figur. Die Männer sind meistens ziemlich blöde und zerstören alles. Und ich habe weniger Angst, mich über meine eigenen Geschlechtsgenossen lustig zu machen. Für mich war es eigentlich ganz natürlich, dass ich mich mit der Frau identifiziere. Ich habe mich schon immer recht weiblich gefühlt, vielleicht weil ich so sensibel bin … ich weiß nicht. Vielleicht liegt es auch an Carl Theodor Dreyer, dessen Filme meist von Frauen handelten. Für mich funktioniert es jedenfalls. Und die Art der Therapie, die ihr Mann praktiziert, ist genau die, der ich mich selbst jahrelang unterzogen habe. Meine Therapeutin war nicht sehr erfreut darüber und befürchtet wohl ein wenig, dass ihr Einkommen in Zukunft schwinden könnte.
Was war der Grund dafür? Waren Sie nicht zufrieden mit ihrer Arbeit?
Wissen Sie, es ist sehr schwer, etwas für mich zu tun. Ich bin in Psychotherapien, seit ich sechs Jahre alt bin. Sie hatte einen harten Job, aber ich erkenne an, was sie geleistet hat.
Sie erwähnten Ihren dänischen Landsmann, den Regisseur Carl Theodor Dreyer. Er hat ebenfalls einen Film über Hexen gedreht, Vredens dag (Tag der Rache,1943).
Stimmt, aber ich habe vorher in meiner Depression vor allem Horrorfilme gesehen, meistens japanische. Und natürlich Dreyers Vampyr.
Warum ausgerechnet Horrorfilme?
Ehrlich gesagt, fing ich an zu schreiben, bevor ich stark depressiv wurde. Und währenddessen schaue ich mir normalerweise keine Filme an, weil ich es wichtig finde, fokussiert zu sein und nicht abgelenkt zu werden. Was mich an Horrorfilmen fasziniert, ist die Möglichkeit, ganz unterschiedlichen Bildern Raum zu geben. Mich haben Genres immer interessiert, aber Dancer in the Dark war kein echtes Musical. Aber ich liebe Musicals und ich fühlte mich von ihnen dazu inspiriert. Ich kann nicht behaupten, dass ich Horrorfilme liebe, aber es interessiert mich, mit den Genrekonventionen zu spielen und zu sehen, wohin es einen führt. Antichrist ist sicher kein Horrorfilm, aber er hat Elemente davon.
Wenn man den Titel hört, erwartet man eine Verhandlung religiöser Themen.
Um Religion geht es überhaupt nicht! Ich fing mit dem Titel an, er war vor allem anderen da. Vielleicht war das keine gute Idee. Aber ich habe einige schamanische Reisen unternommen und bin dabei den Tieren begegnet. Es ist eine Praxis, ein Ritual primitiver Völker, bei denen der Schamane des Dorfs auf Reisen in eine Art Paralleluniversum geht, um dort die Lösung für Probleme zu finden. Dabei wird der Schamane durch einen Trommelrhythmus in Trance versetzt. Und das habe ich einige Male praktiziert und es hat mir sehr gut getan. Es ist wie ein LSD-Trip, ohne LSD zu nehmen. Es ist wirklich sehr eigenartig. Aber völlig legal. Ich trinke und esse nichts für 24 Stunden.
Welche Hemmschwellen mussten Sie denn konkret überwinden?
Ich fühlte mich einfach so kraftlos, als ich diesen Film machte. Es fiel mir schon unendlich schwer, beim Dreh einfach nur physisch anwesend zu sein. Unter normalen Umständen hätte ich mir sehr viel mehr Mühe mit dem theoretischen Unterbau des Films gegeben, aber ich konnte nicht. Es war mir noch nicht einmal möglich, die Kamera zu halten, weil ich so zitterte. Es war wirklich erniedrigend. Die Depression machte mich auch physisch krank: Vieles von dem, was ich damals mit der Hand geschrieben habe, meine Tagebücher etwa, kann ich heute nicht mehr entziffern.
Hatten Sie nie Bedenken, Ihre persönlichen Phobien derart öffentlich zu machen?
Nein, nie. Ich bin mit solchen Dingen schon immer sehr offen umgegangen. Natürlich kommt es vor, dass dann über meine psychischen Erkrankungen falsch oder sensationalistisch berichtet wird, aber ich kann nur auf diese Art damit umgehen. Mein Leid würde sich ja nicht ändern, wenn ich es verheimlichen würde, im Gegenteil.
Sie sagten, Männer sind die Zerstörer in Ihren Filmen. Aber in Antichrist ist doch gerade die Frau das aggressive Element.
Ich mag sie eben. Sie hat sich dem Kind böse gegenüber verhalten, das ist offensichtlich. Viele Frauen haben solche Reflexe. Sie ziehen ihrem Kind vielleicht nicht gleich die Schuhe verkehrt herum an, aber ich denke, Schuldgefühle sind ein großes Thema beim Muttersein. Andere entwickeln eine so starke Bindung zu ihrem Baby, dass sie keinen Sex mehr mit ihren Männern haben wollen. Muttersein, Sex und Tod sind eng miteinander verknüpft … Es fällt mir schwer, das zu erklären, aber ich verstehe diese Frau.
Charlotte Gainsbourg sagt, Sie hätten sie dazu gebracht, vor der Kamera jede Hemmung fallen zu lassen. Wie bauen Sie ein solches Vertrauensverhältnis auf?
Das habe ich sie auch gefragt. Sie ist eine sehr schüchterne Person, und dann masturbiert sie hier für mich im Wald! Wie macht sie das? „Das wüsstest du wohl gern!“, hat sie gesagt. Ich denke, ich unterstütze sie einfach. Und das Gute an Schauspielerinnen, eigentlich Frauen allgemein, ist: Wenn sie sich einmal für etwas entschieden haben, ziehen sie es durch. Das muss etwas Biologisches sein. Charlotte sagte mir zu Beginn, dass sie den Ansatz richtig findet, sie glaubte an das Projekt und an mich und zog es durch. Mit männlichen Darstellern ist es sehr viel schwieriger, weil es schneller zu Machtkämpfen kommt. Vielleicht irre ich mich, aber ich habe mit vielen meiner Schauspielerinnen den Eindruck, dass sie an mich glauben.
Was sind Ihre visuellen Inspirationen für Antichrist?
Ganz sicher keine Märchen, wenn Sie darauf anspielen. Ich hasse Märchen. Wenn man aus Dänemark kommt wie ich, ist man Zeit seines Lebens mit Hans Christian Andersen genervt worden. Er war ein furchtbarer Idiot und wahnsinnig eitel, hatte nie eine Frau und mas-turbierte sein ganzes Leben lang. Tut mir leid, er steht mir wirklich bis hier! Aber sonst werde ich von vielem beeinflusst, aber ich kann nicht genau sagen, wo ich was gestohlen habe. Edvard Munchs „Der Schrei“ sicherlich, Munch ist Teil meiner kulturellen Erziehung, sicher auch die Bilder von Brueghel und Bosch. Man kann sicher nichts mehr erfinden, das nicht schon einmal da war. Das ist Kultur, es baut auf etwas auf, reagiert und verändert es ein bisschen.
Bei der Premiere in Cannes wurde der Film teilweise heftig von der Presse angegriffen. Wie reagieren Sie auf solche Kritik?
Es geht mir nahe. Einen Film zu zeigen, ist, wie jemanden zu sich nach Hause einzuladen. Man gibt sich ein Stück weit preis. Früher hat mir das weniger ausgemacht. Als ich Element of Crime präsentierte, hatten bis zum Ende drei Viertel des Publikums den Saal verlassen, und mir war das nur recht. Toll, wenn Leute buhen.
Warum setzt es Ihnen heute mehr zu? Oder hat es konkret mit diesem Film zu tun?
Generell finde ich es sehr gut, wenn ein Film die Leute spaltet. Aber trotzdem habe ich dieses menschliche Bedürfnis, verstanden zu werden und einen harmonischen Umgang mit anderen zu haben. Ich will auch gemocht werden, und das ist eine Schwäche. Aber ich lasse sie zu, und das beeinflusst den Film.
Sie haben die Premiere vorzeitig verlassen, und es wurde über eine Panikattacke spekuliert.
Nein, das war es nicht. Ich war einfach angepisst. Ich habe die feindselige Stimmung im Saal natürlich auch gespürt, und als dann das Licht nicht anging und alle sieben Minuten Abspann absitzen mussten, nur um danach applaudieren zu können, das nervte mich einfach. Draußen sagte dann ein PR-Agent: „Wenn Sie zum Applaus nicht wieder reingehen, ist das eine Beleidigung.“ Da platzte mir der Kragen, und ich meinte nur: „Ich hau ab.“ Ich habe also gegen die Cannes-Etikette verstoßen und bin dort jetzt wahrscheinlich ein Krimineller. Fühlte sich aber ziemlich gut an.
Sie widersprechen also Kritiken, die behauptet haben, Sie wollten nur schocken?
Man verschwendet nicht drei Jahre seines Lebens, nur um zu schocken. Das ist doch ein Witz! Wie sehr etwas schockiert, liegt doch im Auge des Betrachters.
Wie würden Sie das Naturbild in Ihrem Film beschreiben?
Ich war in der freien Natur immer sehr glücklich. Ich fische und jage und all das. Aber dieses Kitschbild eines Rehs auf einer Lichtung, das in vielen Wohnzimmern hängt, hat ja mit der biologischen Realität nichts zu tun. Der Wald ist Schauplatz von Massakern ganz unterschiedlicher Tiere und Pflanzen. Das Leid ist enorm, aber interessanterweise hängt man sich eine fantastische Idylle übers Sofa, das in Wirklichkeit ein Schlachthaus ist. Wo das Chaos regiert, wie der Fuchs sagt.
Während der Dreharbeiten zu Dogville sind Sie mit Nicole Kidman in den Wald spazieren gegangen, um sie beruhigen. Entstand damals die Idee, sie in den Wald von Antichrist zu locken? Sie hatten sie ja ursprünglich für die Rolle vorgesehen.
Ich werde mich hüten, Ihnen etwas über meine Intentionen, Nicole Kidman betreffend, zu verraten.
