Offenherzige Ein-Mann-Performance des koreanischen Kino-Auteurs Kim Ki-duk
Er wirkt etwas verwahrlost in seiner Hütte auf einem Hügel, mit ungepflegtem langem Haar, schäbiger Kleidung und dem vom Alkohol aufgedunsenen Gesicht. Ein Unfall bei den Dreharbeiten zu seinem Film Dream (2008), als eine Schauspielerin fast erhängt wurde, löste beim Filmemacher Kim Ki-duk ein Trauma aus. Er verfiel in eine tiefe Depression, war unfähig, eine neues Drehbuch zu schreiben. Kim ging in die innere Emigration und zog sich aus dem Berufsleben ins einsame Exil auf dem Lande zurück, nur eine Katze leistete ihm Gesellschaft (die witzigerweise an die Tür klopft, wenn sie aus der Hütte nachts heraus oder wieder hinein will). Mit Arirang meldet sich der vielfach ausgezeichnete Filmemacher nach drei Jahren der Selbsttherapie und des Grübelns wieder in der Öffentlichkeit zurück – und erhielt prompt den Hauptpreis in der Sektion Un certain regard beim Filmfestival in Cannes 2011.
Beichte, Bekenntnis, Rechtfertigung, Abrechnung, Publikums- und Selbstbeschimpfung, Gesellschaftskritik, Refle-xion über die eigene Arbeit, Lebensgeschichte und Persönlichkeit, über Dasein und Tod: Mit Arirang hat Kim im Alleingang ein filmisches Unikum geschaffen („Arirang“ ist der Titel des berühmtesten koreanischen Volksliedes, einer jammervollen Ballade, die er mehrmals im Film unter Tränen anstimmt). Kim filmt seinen Alltag als Einsiedler und Zwiegespräche mit sich selber. Von Soju-Schnaps befeuert entblößt er sein Innerstes, jammert, räsoniert, grimassiert … und faselt im Suff.
Mit seiner negativen Weltsicht, seiner Misanthropie, seiner Verbitterung, seiner Sucht nach Anerkennung, seinem Hass auf Konkurrenten wirkt er wie ein koreanischer Schopenhauer; wie Kafkas Romanhelden fühlt er sich existenziell einsam, auf sich selbst gestellt als Fremdkörper in einer letztlich unbegreiflichen Welt. Sein mit einer Amateurkamera gedrehtes Video zeugt von der Verzweiflung am eigenen Leben und vom unvermeidlichen Sterben.
„Meine Filme wurden von meinen Minderwertigkeitskomplexen gemacht“, gestand Kim in einem offenen Brief. Von Geltungsdrang getrieben, hatte er wie ein Besessener in zwölf Jahren 15 Spielfilme gedreht, weitgehend in Personalunion als Autor und Regisseur. Sein Traum, sagt er in Arirang, sei ein internationaler Kino-Tophit oder der Hauptpreis in Cannes, Venedig oder Berlin. Diese mutige filmische Selbstdarstellung macht weitere persönliche Interviews mit Kim Ki-duk in Zukunft eigentlich überflüssig.
