Armut ist gut für’s Geschäft

| Günter Pscheider |

Jean-Marie Téno aus Kamerun, einer der profiliertesten afrikanischen Filmemacher, im Gespräch.

Von 28. Mai bis 2. Juni findet das 22. Internationale Filmfestival Innsbruck statt, das sich seither vor allem den Kinematografien Afrikas, Lateinamerikas und Asiens verschrieben hat, und das schon lange, bevor dies auch bei anderen Festivals chic wurde. Jean-Marie Téno, ein häufiger Gast in Innsbruck, ist einer der profiliertesten und wichtigsten afrikanischen Filmemacher, voriges Jahr gewann sein Film Lieux saints (Sacred Places) den Dokumentarfilmpreis beim IFFI. Dieses Jahr sitzt er selber in der Jury. Seine Karriere begann der heute 59-jährige, in Famleng in Kamerun geborene Regisseur mit einigen Kurzfilmen, bevor er zwischen 1992 und 2000 bahnbrechende Werke des afrikanischen Kinos wie Afrique, je te plumerai, La tête dans le nuages, Clando, seinen einzigen Spielfilm, oder seinen zumindest hierzulande bekanntesten Film Vacances au pays schuf, die sich mit den Folgen des Kolonialismus nicht nur in Kamerun auseinandersetzten. Im Fokus seiner oft insistierenden Kamera stehen die kleinen Leute. Ihre Wut und ihren Hass angesichts der herrschenden Verhältnisse, aber auch ihren Widerstandsgeist und ihre Lebenslust, fängt der Chronist des Alltags immer wieder präzise ein. Derzeit lebt und arbeitet Jean-Marie Téno in Frankreich, in den USA und in Afrika.

Wie hat Ihre Liebe zum Film begonnen? Gab es in ihrer Jugend auch solche Cinema-Clubs, wie Sie sie in Ihrem Film Lieux saints zeigen?
Als ich jung war, gab es noch Kinos, und ich bin mit indischen Filmen aufgewachsen, in denen es immer ein wenig märchenhaft um Liebe, aber auch den Kampf gegen Unterdrückung, Gut gegen Böse gegangen ist. Aber sicher noch wichtiger für meine Entwicklung waren die wunderbaren Geschichten, die mir meine Großeltern erzählt haben.

Wie haben Sie dann mit dem Filmemachen angefangen?
Eigentlich wollte ich Journalist werden, das schien mir ein guter Weg zu sein, gegen die zahlreichen Missstände in Kamerun zu kämpfen. Journalisten wurden unter dem damaligen Regime sehr stark verfolgt, und Bilder zu machen erschien mir als die effizientere Art, meine Botschaften auch wirklich unter die Leute zu bringen. Außerdem wurde mir bald klar, wie komplex und auch manipulativ, im guten wie im schlechten Sinn, bewegte Bilder sind, wie viel man damit bewegen kann. Ich habe dann auch eine Ausbildung in audiovisueller Kommunikation abgeschlossen und beim Fernsehen gearbeitet, aber ich wollte Filme machen, die etwas mit meiner eigenen Lebenswelt zu tun haben und habe mir eine eigene Kamera gekauft.

Wie haben Sie zu ihrem eigenen Stil als Filmemacher gefunden?
Als Leute wie Ousmane Sembène begonnen haben, Filme zu machen, die etwas von der afrikanischen Realität erzählen, wollten sie klarerweise nicht den Stil von Hollywood imitieren. Sie und auch ich, wir mussten unseren eigenen Weg finden, unsere eigenen Geschichten zu erzählen. Als ich anfing, dokumentarisch zu arbeiten, gab es nur Newsreels mit Voice-over-Kommentaren. Mir war es wichtig, dass die Filme direkt aus der Perspektive der Protagonisten erzählt werden, damit endlich eine direkte Identifikation auch für Außenstehende, z.B. Europäer, möglich wird und durch die Anteilnahme ein besseres Verständnis für die afrikanischen Probleme entsteht. Wenn wohlmeinende Europäer, oft NGOs, Filme über die Unterdrückung in Afrika machen, geschieht das immer notwendigerweise aus ihrer Sicht. Auch wenn sie sie verurteilen, können sie niemals zeigen, wie ein Afrikaner die Unterdrückung am eigenen Leib erlebt, und dadurch wird die Unterdrückung am Ende als etwas Normales hingestellt, auch wenn das gar nicht beabsichtigt war. Ich will von meiner eigenen Wut, meiner eigenen Frustration, aber auch Liebe und Begeisterung mit meinem eigenen Humor erzählen. Deswegen mache ich Filme.

Sie sind dann nach Frankreich ausgewandert.
Ich musste gehen, einfach um zu überleben, physisch und psychisch.Das Regime droht, auch durch ökonomischen Druck, dich und deine Familie zu zerstören, wenn du dich nicht anpasst. Das heißt, man konnte dort schon unbehelligt leben, wenn man sich von den Machthabern abhängig macht, also die Freiheit von Gedanken, Worten und Filmen aufgibt. Und diesen Preis wollte und konnte ich nicht zahlen, obwohl ich wusste, dass es nicht einfach wird in Europa. Man kann aber sein Land, seine Kultur auch repräsentieren, wenn man nicht dort lebt. Einem Engländer, der in Italien lebt, wird das auch nicht abgesprochen. Ich halte nichts davon, wenn gesagt wird, dass nur Afrikaner, die in Afrika leben, gute Afrikaner sind, in der Art der „edlen Wilden“. Aus solchen Aussagen spricht die Angst, Afrikaner, die die westlichen Codes lernen und beherrschen, auf Augenhöhe wahrnehmen zu müssen.

Sie zeigen in ihren Filme viele Missstände auf. Was würden Sie ändern, wenn Sie ein afrikanisches Land regieren würden, mit absoluter Macht ausgestattet?
Erstens ist das komplett utopisch. Zweitens möchte ich das nicht, da würde ich sofort erschossen werden (lacht). Ich glaube, meine Vorstellungen würden vielen Leuten in Europa nicht in den Kram passen. Aber selbst die absolute Macht in Kamerun z.B. würde mir nicht helfen, etwas zum Besseren zu wenden, wenn die Kräfte von außen stärker sind.

Ein einfaches Beispiel: Die westliche Welt ist so stolz auf ihre funktionierenden Demokratien, während oft hinter den Kulissen Konzerne oder Industrien Entscheidungen über Krieg und Frieden fällen, ob z.B. ein afrikanisches Land bombardiert wird, weil dort angeblich die Demokratie nicht funktioniert und sich die Menschen nicht genug anstrengen. Was wäre, wenn eine afrikanische Armee die USA bombardieren würde, weil sie der Meinung ist, dass bei den dortigen Präsidentschaftswahlen nicht alles mit rechten Dingen zugegangen ist? Das ist undenkbar, aber umgekehrt die „normalste“ Sache der Welt. Ich würde die Paradigmen des Spiels ändern. Etwas, was zum Beispiel auch Gaddafi, wie immer man zu ihm stehen mag, versucht hat. Er wurde dafür vernichtet. Er versuchte einen afrikanischen Nachrichtensatelliten zu finanzieren. Bisher musste Afrika einen von den Europäern mieten für die gesamte Kommunikation wie Mobilfunknetze etc., für 500 Millionen Euro pro Jahr. Einen eigenen afrikanischen zu errichten, würde nur 400 Millionen kosten, aber niemand hat sich getraut, bis auf Gadaffi, der den Löwenanteil dieser Summe beigesteuert hat. Der dadurch entstandene Verdienstentgang hat viele, die in Europa von der Vermietung profitierten, verärgert. Ebenso hat er mit anderen ölreichen Staaten einen neuen Fonds aufgebaut, der afrikanischen Ländern zu vernünftigen Zinsen Geld leiht und nicht zu den Bedingungen, die bis jetzt einzig und allein vom IWF diktiert worden sind. Als die Europäer sich beteiligen wollten, sind sie nicht zugelassen worden.

Behindern also letztendlich europäische Interessen die Entwicklung in Afrika?
Das ganze funktioniert oft nach folgendem Schema. Zuerst wird eine Splittergruppe mit Waffen ausgerüstet, die dann einen Krieg beginnt, woraufhin ausländische Mächte von den Regierung zu Hilfe gerufen werden und eingreifen während die NGOs humanitäre Hilfe leisten. Je mehr dieser kleinen bewaffneten Einheiten es gibt, umso besser für die europäischen Interessen, die dadurch immer mehr Territorien wieder kontrollieren können. Das Geld fließt immer nur innerhalb dieses Zirkels von Militärs und NGOs und kommt nicht der lokalen Bevölkerung zugute. So bringt sogar die steigende Armut in Afrika noch irgendjemandem in Europa Profit. Diesen Kreislauf würde ich als absoluter Herrscher auf jeden Fall durchbrechen wollen, indem ich Informationen darüber verbreiten würde. Man muss den Afrikanern nicht helfen, weil sie ja ach so arm sind. Es würde schon reichen, wenn  man sie in Ruhe lässt und nicht dauernd als Al-Kaida-Angehörige oder Kommunisten brandmarkt. Wer braucht schon 20-jährige Freiwillige, die beim Brunnen graben helfen. Haben die schon jemals einen Brunnen in ihrer Heimat gegraben? Die wissen nicht einmal, wie ein Brunnen ausschaut.

Sie unterrichten in Filmschulen in Europa, aber nicht in Afrika?
In Europa gibt es eine funktionierende Struktur, das ist ein Vorteil hier. Diese Struktur soll in Afrika verhindert werden, man will, dass die Afrikaner ignorant bleiben. Was die reicheren NGOs machen, ist folgendes: Sie schicken junge österreichische, deutsche oder französische Filmemacher, die von der afrikanischen Kultur oder Politik keine Ahnung haben, dorthin, um jungen afrikanischen Regisseuren beizubringen, wie man globale Filme macht. Mich rufen sie nicht an, weil sie meine Ideen für gefährlich halten.Ich würde ihnen beibringen, erst einmal für einen Dokumentarfilm fundamentale Fragen zu stellen: Aus welcher Position erzähle ich? Was ist mein ureigenes Thema? Man muss den Leuten auch beibringen, Zusammenhänge zu erkennen und seine Position zu hinterfragen, was hier in Europa an den Filmschulen sehr wohl passiert, aber in Afrika sollen sie hauptsächlich lernen, wie man den Weltmarkt bedient. Oder die NGOs geben die Themen vor, wie Aids. Aber ich werde in Afrika unterrichten, auch wenn ich kein oder sehr wenig Geld dafür bekomme.