Steve McQeeens „Small-Axe“-Anthologie gibt Aufschluss über das Leben, die Rhythmen und den ewigen Kampf der schwarzen Bevölkerung im Großbritannien der siebziger Jahre.
Es gibt Filme, die definieren sich ganz über die Handschrift ihres Regisseurs, andere über die mitwirkenden Stars. Small Axe, Steve McQueens hochgelobte Anthologie über das Leben und Wirken der britisch-afrokaribischen Community im Herzen von London zwischen den Jahren 1968 und 1982, definiert sich in erster Linie über die Musik, die darin zum Einsatz kommt. Sie ist der Motor, das Herz und auch das Blut, das durch die Adern der Figuren fließt, die hier mal rein fiktional, mal auf wahren Begebenheiten beruhend ihren Platz in der Gesellschaft zu behaupten versuchen. Mit Janet Kay, Al Green, Mighty Sparrow und den Abyssinians, die aus den Boxen des Soundsystems, dem Radio oder den Hälsen der Protagonisten schallen, beschreibt McQueen das Stimmungsbild einer Zeit, in der Blues Parties, Soul, Roots Reggae und Lover’s Rock ebenso zur Realität in Großbritannien gehörten wie Polizeigewalt, Razzien und ein offener Rassismus, der die schwarze Bevölkerung abhärtete, sie vereinte, auf die Straße drängte und jeweils auf ihre Weise zu Taten schreiten ließ.
Small Axe, betitelt nach einem Sprichwort, das Bob Marley in seinem gleichnamigen Song international bekannt machte (“If you are the big tree, we are the small axe”), ist eine lose zusammenhängende fünfteilige Miniserie, deren einzelne Episoden im Fernsehformat ebenso gut funktionieren wie auf der großen Leinwand. Vor allem der Pilot Mangrove schafft mit zwei Stunden Spielfilmlänge die beste Voraussetzung und ist von McQueen mit beinahe derselben Brillanz, Sensibilität und Intensität inszeniert wie sein Oscar-Hit 12 Years a Slave. Aber auch die anderen, kürzeren Folgen zeugen von einem inneren Feuer und einem Soul, der sich zwischen Schmerz und Enttäuschung, Wut und Hoffnung wie auf einem Drahtseil bewegt und gleichzeitig eine leichte Melancholie und Nostalgie mitschwingen lässt, die unter die Haut geht. Jede Folge steht für sich und hängt dennoch mit den anderen zusammen. Gemeinsam ergeben sie die Vorstellung eines Lebens im Aktivmodus, in der Opposition, im Aufbruch, weg von einer Gesellschaft, in der jedes Bild vom eigenen Ich an der permanenten Reduktion auf Herkunft und Hautfarbe zerbricht, und hin zu einem Selbstverständnis ohne Angst und Kompromisse, ohne wenn und ohne aber. Das Ergebnis ist jedoch nicht nur geschichtlich und dramatisch hochinteressant, sondern auch im Hinblick auf die Virtuosität des Regisseurs, der hier einmal mehr seine Fähigkeit unter Beweis stellt, künstlerische Freiheit auf famose, ja geradezu poetische Weise in einen politischen Kontext zu übertragen – und umgekehrt.
Das zeigt sich vor allem und insbesondere an den feinen Tönen, die Small Axe immer wieder anschlägt, um Stimmungen und Wirklichkeiten zu erzeugen. Wenn etwa der Restaurantbesitzer Frank Crichlow (Shaun Parkes) und seine Gäste im Mangrove, dem karibischen Lokal, das der Episode ihren Namen gibt, zunächst noch zuversichtlich zu „Jean & Dinah“ das Glas heben, bevor wenig später eine Razzia wie ein Gewitter über sie hereinbricht, oder John Boyegas Leroy Logan in Red, White and Blue zu „How Can You Mend a Broken Heart“ in die Polizeiakademie aufbricht, nachdem sein Vater kurz zuvor von ein paar unwirschen Ordnungshütern krankenhausreif geschlagen wurde. Für Crichlow wird es schließlich darum gehen, einem Kampf gegen Polizeigewalt und -willkür standzuhalten, der sich bis vors Gericht hochschaukelt, als er auf einer Demonstration gemeinsam mit Aktivisten der British Black Panther-Bewegung festgenommen und des Aufruhrs angeklagt wird, während sich Logan Jr. nach einer mit Bravour bestandenen Ausbildung eingestehen muss, dass er allein nicht dazu in der Lage ist, den herrschenden Rassismus im Polizeiapparat zu unterlaufen. Zwischen diesen beiden Episoden beschreibt McQueen in Lovers Rock, wie die sechzehnjährige Martha heimlich ihre allererste Hausparty im Taumel zwischen Romanik, Aggression, pumpenden Bässen und Janet Kays Klassiker „Silly Games“ erlebt. Allerdings scheint es fast so, dass McQueen selbst hier den eigentlichen Befreiungsschlag unternimmt: In elfminütiger Ekstase lässt der Regisseur seine Protagonisten den Song bis in die letzte noch so hohe Note ausleben. Er schafft den Raum, das Soundsystem den Beat und die bis in die Nebenrollen sorgfältig besetzten Darsteller eine Atmosphäre der Offenheit und Ausgelassenheit, die keine Eile kennt und keine harten Schnitte.
McQueen, dessen Eltern selbst aus Grenada und Trinidad stammen, nimmt sich jedoch nicht nur Zeit für seine Geschichten oder spielt den richtigen Soundtrack ein, um Authentizität und Glaubwürdigkeit herzustellen. Für ihn ist das Projekt, für das er sich mit dem öffentlich-rechtlichen Sender BBC zusammengeschlossen hat, eine Herzensangelegenheit, mit der er auch der eigenen Identität ein Stück näher zu rücken versucht. Nur sind allzu persönliche Filme fast immer Balanceakte, bei denen die Gefahr besteht, sich in der Vergangenheit, in den Eindrücken und Erinnerungen zu verzetteln, und so wurde auch ihm im Hinblick auf Echtheit und Wahrhaftigkeit einiges an Kritik entgegengebracht, beispielsweise was Akzente, Stereotypen und sogar die Art des Tanzens in Lovers Rock anbelangt. Doch ohne Risiko entsteht nur das Mittelmaß. Deshalb wagt der Regisseur gelegentlich den Absturz ins Klischee, denn entscheidender als der richtige Hüftschwung ist es für ihn, Momentum zu schaffen und eine Dynamik zu erzeugen, die auf Eigeninitiative und kollektive Selbsthilfe drängt, wenn das System versagt, und Zuversicht nährt, wo bisher Hass und Ausgrenzung dominierten.
Tatsächlich spiegeln die fünf Arbeiten, die sich nicht hinter dem Begriff Lehrfilme verstecken, in ihrer leisen Wucht den Geist ihrer Entstehungszeit besser wider als viele Werke, die unverblümt politisch sein wollen. So würde Crichlow in Mangrove am liebsten einfach nur sein westindisches Restaurant in Notting Hill betreiben, sieht sich jedoch irgendwann derart von der Polizei in die Ecke gedrängt, dass er bei den British Black Panthers Unterstützung sucht. Und auch der zwölfjährige Kingsley Smith (Kenyah Sandy) in Education hat trotz aller Euphorie fürs Lernen damit zu kämpfen, dass er vom britischen Bildungssystem erst vernachlässigt und schließlich ganz ausgeschlossen wird, während die Eltern zu sehr mit sich selbst beschäftigt sind, um zu bemerken, was da gerade mit ihrem Sohn passiert. Sie beide sind im Grunde so unmotiviert, sich gegen die Obrigkeiten aufzurichten, wie der junge Alex Wheatle, dem McQueen eine weitere Episode widmet, um darin vom Werdegang des späteren Erfolgsautors über seine harte Kindheit im Waisenheim bis hin zu seiner Verhaftung im Zuge der Brixton Riots im Jahre 1981 und darüber hinaus zu berichten. Doch wie für Wheatle oder auch Leroy Logan in seiner feinen Polizeiuniform kommt für alle Figuren, die in Small Axe ins Rampenlicht gerückt werden, irgendwann der Moment, in dem sie sich der Realität stellen müssen. Da mag selbst die Hausparty in Lovers Rock in erster Linie eine Hommage an einen Teil des Londoner Nachtlebens der siebziger Jahre sein, auf den zweiten Blick deutet auch sie zunehmend auf die Brüche und Missstände innerhalb der Gemeinschaft. Für Steve McQueen, das zeigt der Film, wenn Marthas duchgetanzte Nacht im Morgengrauen abrupt und ernüchtern endet, ist alles politisch – sogar ein einfacher Flirt, eine Melodie, und die Liebe sowieso.
