Gestern, heute, morgen: Freundschaft, Romantik und Neorealismus aus Italien
Totgesagte Leben länger. So auch das italienische Kino. Nach Pietro Marcellos kongenialer Jack-London-Adaption Martin Eden mit Luca Marinelli in der Titelrolle sorgt nun ein weiterer Film aus dem Land der Azzurri für Furore. In seiner Heimat war Auf alles, was uns glücklich macht (Originaltitel Gli anni più belli) trotz der Covid-19-Pandemie mit rund 900.000 Kino-Zuschauern vor und nach dem ersten Lockdown ein großer Publikumserfolg. Regisseur Gabriele Muccino, der zuvor sowohl Soap-Opera- (Un posto al sole), als auch Hollywood-Erfahrungen (Das Streben nach Glück, Sieben Leben, Kiss the Coach, Väter und Söhne – Ein ganzes Leben) gemacht hat, ist mit der Tragikomödie ein berührendes Epos über die Freundschaft und zugleich eine Hommage an die Glanzzeit des italienischen Films mit Werken wie Ettore Scolas Wir waren so verliebt aus dem Jahr 1974 gelungen. Und sein Cast (u.a. Pierfrancesco Favino, Claudio Santamaria, Kim Rossi Stuart und Micaela Ramazzotti) steht dem von einst mit Nino Manfredi, Vittorio Gassmann, Stefano Satta Flores und Stefania Sandrelli in nichts nach.
Über einen Zeitraum von vierzig Jahren hinweg begleitet Muccino, der zusammen mit Paolo Costella auch das Drehbuch verfasst hat, seine Figuren, die manchmal wie einst bei Jean-Luc Godard in die Kamera sprechen, von ihrer Jugend in einer italienischen Kleinstadt in den achtziger Jahren bis ins Erwachsenenalter unserer heutigen Ära. Unterschiedlicher materieller Wohlstand, persönliche Schicksalsschläge und Paolos und Giulios romantische Gefühle für Gemma führen dazu, dass sich die Lebenswege der Freunde immer wieder trennen – bis das Schicksal sie auf magische Art und Weise ein letztes Mal (?) zusammenführt.
Bei aller gefühlvollen Inszenierung ist das exzellent fotografierte Hohelied auf die Kameradschaft nicht frei von harten Szenen, was es dann auch so realistisch macht: Als ihre Mutter stirbt, muss Gemma im Teenager-Alter mit der Tante in den Süden ziehen. Der ihr in heißer Leidenschaft zugeneigte Paolo verliert in gleicher Stunde nicht nur sie für Jahre aus den Augen, sondern auch seinen geliebten Kanarienvogel, der erst dem abfahrenden Auto hinterher flattert und dann bei seiner Rückkehr gegen ein festgeklemmtes Fenster fliegt. Und Riccardo kämpft verzweifelt um seinen Sohn, der ihm nach der Trennung von seiner Frau komplett entzogen wird. Beim italienischen Filmpreis Nastro d’Argento erhielt die Hommage an Regie-Genie Federico Fellini, Drehbuchautor Cesare Zavattini und Co. gleich neun Nominierungen. Vollkommen zu Recht wurde Darsteller Claudio Santamaria mit dem Sonderpreis Premio Nino Manfredi ausgezeichnet.
