Viggo Mortensen, dem bei der Viennale ein Tribute gewidmet ist, über Kindheit, Träume und seine Zusammenarbeit mit Lisandro Alonso für „Jauja“.
Viggo Mortensen ist das, was man gemeinhin einen Tausendsassa nennt. Und zwar im besten Sinn des Wortes. „Alleskönner“ hört der umtriebige US-Schauspieler mit dänischen Wurzeln dagegen nicht so gern – obwohl er sich, wenn er nicht gerade kühne Ritter (Lord of the Rings), coole Mafiosi-Chauffeure (Eastern Promises), schillernde Hochstapler (The Two Faces of January) oder Sigmund Freud (A Dangerous Method) verkörpert, auch noch als Fotograf, Maler, Dichter und Musiker engagiert. Anlässlich der Premiere von Lisandro Alonsos Jauja, in dem Mortensen nicht nur die Hauptrolle, sondern auch das Zepter als Ko-Produzent übernommen hat, widmet ihm die Viennale nun ein längst überfälliges Tribute. Im Film spielt er den dänischen Kolonialoffizier Gunnar Dinesen, der sich im Patagonien des späten 19. Jahrhunderts auf die Suche nach seiner durchgebrannten Tochter begibt, um sich schließlich selbst in einer Welt jenseits von Raum und Zeit wiederzufinden. Ein Gespräch über Kindheitserinnerungen, Träume und die Crux mit der Logik.
Sie spielen in Jauja nicht nur die Hauptrolle, sondern haben den Film auch koproduziert und am Soundtrack mitgewirkt. Was hat Sie an dem Projekt so begeistert?
Einerseits hat es mich aus ganz persönlicher Sicht interessiert, weil es mir die Möglichkeit gab, endlich einen Film in Dänisch zu drehen. Zudem spreche ich Spanisch, allerdings mit einem Akzent, wie mein Vater. Und auch mein Dänisch ist nicht so, wie ich normalerweise sprechen würde, sondern das klingt eher nach meinem Großvater, ziemlich altmodisch also, was mir großen Spaß gemacht hat. Außerdem hat mich die Landschaft, in der der Film spielt, sehr an meine Kindheit in Argentinien erinnert. Dort habe ich damals unter anderem auch reiten gelernt, und die Gegend, der Geruch, das Wetter – das hat sich alles sehr vertraut angefühlt, aber irgendwie auch merkwürdig. Die eigentliche Herausforderung bestand allerdings darin, einen Mann zu spielen, der sich an einem Ort befindet, den er nicht kennt, der ihm fremd ist und den er aus diversen Gründen nicht besonders mag. Er freut sich darauf, bald wieder nach Dänemark zurückzukehren, doch dann geht seine Tochter verloren und er begibt sich auf die Suche nach ihr.
Kannten Sie Lisandro Alonsos Filme, bevor er sich mit der Idee zum Film an Sie richtete?
Ja, ich hatte zuvor alle bis auf einen seiner Filme gesehen und war vor allem von Los Muertos schwer beeindruckt. Die visuelle Poesie des Films, sein Zeit-Erleben, die Einfachheit der Einstellungen – das hat mich vor allem an Tarkovskys Filme erinnert, die ich sehr schätze. Natürlich gibt es noch andere Regisseure, auf die das zutrifft, aber Tarkovsky kam mir dabei am ehesten in den Sinn. Und die Idee, mit der Lisandro und Fabian Casas, sein Ko-Autor, an mich herantraten, hat mir ebenfalls auf Anhieb gefallen. Ich habe dann ein wenig am Drehbuch mitgeholfen, insofern es darum ging, die dänischen Elemente in der Geschichte möglichst akkurat und spezifisch darzustellen, um dem Ganzen das nötige Gewicht zu verleihen. Denn das ist wie mit der Schauspielerei: Je spezifischer man ist, umso größer ist die Chance, dass man beim Publikum tatsächlich etwas bewirkt. Abgesehen davon geht es mir persönlich in erster Linie stets darum, Geschichten zu erzählen, die zumindest das Zeug für großes Kino haben, unabhängig vom Budget, denn darauf kommt es nicht an. Letztlich ist die Beziehung zwischen Darsteller und Kamera, das Verhältnis zum Regisseur und zur Crew immer dieselbe, egal ob Blockbuster oder Arthouse. Man muss sich genauso auf die Rolle vorbereiten und die Sache anschließend promoten. Deshalb versuche ich immer Filme zu machen, die ich selbst auch gern im Kino sehen würde. Filme, die bewegen und gleichzeitig das Publikum fordern. Natürlich gelingt das nicht immer, aber bisher bin ich mit dem Ansatz immer ganz gut gefahren.
Sie haben bereits die Landschaft angesprochen, die im Film auf den ersten Blick extrem künstlich wirkt, der gleichzeitig jedoch eine malerische Schönheit innewohnt. Wie sehr waren Sie am Look des Films beteiligt?
Ich bin selbst Fotograf, das heißt, mir war klar, dass Lisandro beim Drehen ein ganz bestimmtes Licht verwendete, das diesen sehr künstlichen Effekt erzeugt, so ähnlich wie in alten Western. Die Atmosphäre, die dieses Licht schafft, hat etwas sehr Reizvolles. Was mir allerdings am besten gefallen hat, war die Tatsache, dass Tino Salminen, der Kameramann, der ursprünglich aus Finnland stammt und nie zuvor in Argentinien war, mit einer gewissen Jungfräulichkeit – wenn auch mit einem recht strengen nordischen Blick – auf diese Landschaft schaut, was sich quasi damit deckt, wie meine Figur ihr Umfeld wahrnimmt. Und damit meine ich nicht nur das Licht, sondern auch die formale Statik der Einstellungen. Aber es gibt, wie Sie sagen, zwei verschiedene Blickwinkel: Einerseits wirkt das Ganze sehr starr und befremdlich, wie aus der Perspektive des Vaters betrachtet, der für die Natur um ihn herum kein Verständnis hat und es bereut, dort zu sein. Und zugleich ist der Landschaft eine Atem raubende Schönheit eingeschrieben, die seine Tochter zu erkennen vermag.
Von der Abneigung gegenüber der Landschaft einmal abgesehen, was für ein Typ ist dieser Dinesen? Und wie haben Sie sich die Figur erarbeitet?
Ein paar Sachen schlug ich Lisandro vor, nachdem ich das Drehbuch zum ersten Mal gelesen hatte. Ich habe ja bis vor kurzem selbst sozusagen im Wald gelebt und habe das sehr genossen. Das war auch ein Grund, warum ich bei dem Projekt von Anfang an ein gutes Gefühl hatte: Weil ich mich mit bestimmten Dingen sehr gut identifizieren konnte, vor allem was den Bezug zur Natur angeht, obwohl meine Figur ja eher gleichgültig und zudem recht ungeschickt ist, was das angeht. Dinesen ist ein Kapitän, ein Wissenschaftler, sehr nordeuropäisch, wenn Sie so wollen, sehr rational und stets auf der Suche nach einer logischen Erklärung für alles, was um ihn herum passiert. Andererseits ist er ein Typ, der mit einem Schwert und Hacken an den Stiefeln durch die Berge stolpert, der ein bisschen verrückt und lächerlich wirkt, so wie Don Quixote. Der zugleich aber extrem entschieden und willensstark ist, im Sinne von: wenn er einen Job macht, dann richtig und gründlich, oder gar nicht. Oder wenn jemand sagt: „Lass uns Dienstag um vier zum Tee treffen.“ Dann sagt Dinesen: „Gut, ich werde da sein“, und ist es dann auch. Aber in Argentinien läuft der Hase natürlich anders, da kommt derjenige dann vielleicht erst am Mittwoch oder Donnerstag, wenn überhaupt.
Im Kontrast zu Dinesens Streben nach Logik hat der Film eine wunderbar traumhafte, zunehmend surreale Struktur, die sich dem rationalen Denken von Raum und Zeit widersetzt.
Ja, und genau das ist das Schöne daran. Lisandro gelingt es, diese gewaltigen Sprünge zu machen, mit denen andere Regisseure ihre Schwierigkeiten hätten, aber bei ihm wirkt es ganz organisch und unaufgesetzt, weil er das Ganze an Details festmacht und immer ganz nah am echten Verhalten bleibt. Interessant ist auch die Evolution, die Dinesen durchlebt. Letztlich fragt er sich: „Was treibt das Leben an?“ Und kommt zu dem Schluss: „Ich weiß es nicht.“ Und dann lächelt er und akzeptiert, dass, was immer es ist, er es nicht kontrollieren kann. Und am Ende des Films ist man fast so erleichtert wie er, weil man erkennt, dass es nicht darum geht, alles zu verstehen, was da gerade auf der Leinwand geschehen ist. War das Ganze also nur ein Traum? Und wenn ja, wessen Traum? Der Traum eines Mädchens in Dänemark in der heutigen Zeit? Oder der eines verwirrten Hauptmanns? Oder ist es vielleicht der Traum eines Wolfshundes? Man wird es nicht erfahren, aber Gott sei Dank spielt es eben auch keine Rolle.
Was denken Sie, wessen Traum ist es?
Ganz oft denke ich, es ist der Traum eines Mädchens, aber wie gesagt, ich weiß es auch nicht. Selbst wenn ich heute dazu tendiere, denke ich höchstwahrscheinlich wieder ganz anders, wenn ich den Film das nächste Mal sehe. Und wenn ich mich jetzt auf eine Antwort festlegen würde, dann wäre ich im Grunde genauso in einem linearen Denken gefangen wie Dinesen, der sich am Ende darin verliert. Er bleibt auf der Suche, denn er weiß sich nicht anders zu helfen. Aber ob er noch immer seine Tochter sucht? Wahrscheinlich schon. Aber was immer es ist, er sucht weiter.
Und dabei findet er Jauja.
Sozusagen.
Was genau muss man sich darunter vorstellen?
Jauja ist ein mythischer Ort, aber es ist mehr als das: Jauja ist eine Idee. Eine unmögliche Idee, oder besser: ein Gefühl der Genügsamkeit, der Zufriedenheit, der Seelenruhe. Das Wort kommt ursprünglich aus dem Arabischen und bedeutet „Zugang“ oder „Durchgang“ im Sinne von Übergang.
Diese Idee des Übergangs findet ihren Ausdruck mitunter in der Musik, die Lisandro Alonso hier, ganz untypisch für seine bisherige Arbeitsweise, verwendet. Auch diesbezüglich hatten Sie diesmal Ihre Hand im Spiel.
Stimmt, Lisandro hat bisher in seinen Filmen keine Musik verwendet und plötzlich hört man eine Elektrogitarre und den Klang von Orgeln und Klavier. Und man denkt: Wow. Aber nicht im Sinne von, wow, das geht ja gar nicht, sondern eher, wow, das ist großartig. Lisandro meinte zu mir: „Ich will diesen Übergang schaffen, in dem sich Zeit und Raum verschieben, und ich will dazu Musik haben. Sag Bescheid, wenn du eine Idee hast.“ Ich habe ihm dann von dem Gitarrenspieler erzählt, mit dem ich auch schon einige Sachen gemacht habe. Manches davon ist ziemlich harsch, aber es sind auch sehr lyrische Melodien dabei. Ich habe ihm dann ein paar Stücke geschickt und er hat zwei davon ausgewählt, die man im Film hört.
Denken Sie, dass Ihr Einfluss als Hauptdarsteller und Produzent dem Film helfen kann, ein größeres Publikum zu finden?
Ich hoffe es. Jauja ist für Lisandro in vielerlei Hinsicht, nicht nur kreativ, ein großer Sprung nach vorne. Der Film ist anspruchsvoll im positiven Sinn. Ich habe den Film gemacht, weil ich die Idee großartig fand, aber dass ich auch als Produzent eingestiegen bin, hat tatsächlich damit zu tun, dass ich Lisandro helfen möchte, damit das größtmögliche Publikum zu erreichen. Verdient hat er es allemal.
Viennale Termine (es gibt noch Restkarten):
5. November, 21 Uhr, Gartenbaukino
6. November, 16 Uhr, Stadtkino im Künstlerhaus
