Cannes Blog 3

Auf die Straße

| Pamela Jahn |
Politisch impulsives Kino aus Frankreich und Brazilien

Noch herrscht etwas gedämpfte Unruhe in Cannes, noch versuchen sich die Journalisten aus aller Welt an den wieder neuen Spielplan, die wieder neuen Straßenabsperrungen und Schleichwege zu gewöhnen. Auch die neue undurchsichtige Embargoregelung bleibt ein beliebtes Thema, wenn man gemeinsam in der Schlange steht, um gefühlte fünf Stunden auf Einlass in die nächste Pressevorführung zu bangen. Von den selbst für schlechtere Cannes Jahre ungewohnt kühlen Wetterbedingungen ganz zu schweigen. Da kommen einem Filme, die ihre Wut im Bauch und den Protest offen auf der Brust tragen, ganz recht.

Ein Wettbewerbsbeitrag, der damit bei den Kritikern im beliebten Palmen-Ranking bereits hoch punkten konnte, ist das Regiedebüt Les Misérables des Franzosen Ladj Lys. Das packende Drama um eine unkonventionelle Polizeieinheit, die in der Banlieue von Paris nicht nur für Recht und Ordnung sorgt, basiert auf der ausgebauten Version eines gleichnamigen Kurzfilms des Regisseurs von 2017. Die Kamera begleitet den Polizisten Stéphane bei seinem ersten Arbeitstag in der neuen Einheit, wo andere Regeln herrschen, als er sie von seiner alten Stelle auf dem Land gewohnt ist. Zwischen Plattenbauten und Marktständen haben sich seine beiden Kollegen mit ihren harschen und bisweilen unlauteren Methoden in der Nachbarschaft den nötigen Respekt verschafft, um das Wirrwarr aus Bandenkämpfen, Kriminalität, offener Gewalt und sozialen Konflikten zumindest von außen unter Kontrolle zu halten. Dass sie im Eifer des Gefechts schließlich genau das Gegenteil von Ruhe und Ordnung schaffen, dass einer von ihnen die Nerven verliert und dabei dummerweise auch noch von einer Drohne gefilmt wird, bildet den explosiven Kern des Films. Und geladen ist die Stimmung allemal. Lys‘ Ansatz ist der maximaler Verunsicherung, es herrscht Chaos, pausenlos, alle sind gehetzt, jagen oder werden gejagt, was die wenigen leisen Momente umso deutlicher und schwerer ins Gewicht fallen lässt. Man ist betroffen von so viel rauer Wirklichkeit und bestürzt von der Brutalität, mit der Jugendliche wie Erwachsene aufeinander losgehen. Was fehlt, ist die Hoffnung. Ein Lichtstrahl. Irgendwas. Doch wenn sich am Ende beide Seiten erneut gegenüberstehen, scheint außer Hass auf der einen und Hilflosigkeit auf der anderen nicht viel zu bleiben. Das Ergebnis ist ein Film, dessen Rechnung nicht ganz aufgeht, der in seiner alarmierenden Beklommenheit und als der Hilferuf, der er sein will, umso erschreckender erscheint.

Ähnlich frontal und ohne Rücksicht auf Verluste geht auch Bacarau von Kléber Mendonça Filho und Juliano Dornelles ins Rennen um die Goldene Palme. Allerdings beginnt der sperrige Neon-Western des brasilianische Regisseurs, der diesmal seinen langjährigen Production Designer mit hinter die Kamera geholt hat, zunächst unaufgeregter, mit viel Suspense und wenig Aufschlüssen darüber, was es mit dem nicht nur geografisch abgelegenen Dörfchen im brasilianischen Hinterland tatsächlich auf sich hat. Erst langsam stellt sich heraus, dass der Ort und seine verbündeten Bewohner mit der Bezirksregierung auf Kriegsfuß stehen. Sie wollen ihre Ruhe haben, wollen sich nicht unterordnen und schon gar nicht bevormunden lassen. Denn in der unabhängigen Gemeinde spielt es keine Rolle, wer was ist oder was hat. Alle halten zusammen, unterstützen und respektieren sich gegenseitig, mit all ihren Schwächen und Lastern. Und wer braucht da bitteschön eine politische Führung, die versucht, von rechts außen Einfluss zu nehmen, die obendrein korrupt ist und nicht viel mehr vermag, als permanent den Dorffrieden zu stören? Bacarau jedenfalls nicht und so hat man dort gelernt, sich zu wehren. Nicht nur gegen die Politik, sondern auch gegen die viel konkretere Bedrohung durch eine Gruppe durchgeknallter Amerikaner, die in der Gegend zunehmend für Unheil sorgen. Unter Anleitung von Udo Kiers Truppenführer Michael lechzen sie danach, ihre Schießwut an den unschuldigen Anwohnern auszulassen und auf Menschenjagd zu gehen. Doch da haben sie in Bacarau auf die falschen Gegner gesetzt. Zwar krankt der Film daran, dass er seinem Punkt mitunter umständlich, manchmal übertrieben und oftmals mit einigem Anlauf macht. Und auch hier bleibt am Ende ein Gefühl der Beklemmung und Schwere in der Luft hängen. Jedoch nicht, ohne die Aussicht auf Erfolg und dem Sieg der Solidarität über die Brutalität. Und somit scheinen die brasilianischen Hinterwäldler aus Bacarau den Großstädtern aus Les Misérables zumindest auf der Leinwand letztlich etwas voraus zu haben.