[Trans] Asia Portraits: ein Special von ImPulsTanz im 21er Haus. Gezeigt werden auch mehrere Filme zum Thema sexuelle Identität in asiatischen Gesellschaften.
Mit „[Trans] Asia Portraits“ (6. bis 14. Februar) schlägt das umtriebige ImPulsTanz-Festival in Kooperation mit dem Weltmuseum Wien und dem 21er Haus ebendort ein neues Kapitel auf. Im Zentrum des von Michael Stolhofer kuratierten Programms stehen brisante künstlerische Arbeiten zur Transformation heutiger asiatischer Gesellschaften: In Performances und Installationen porträtieren Michael Laub, Choy Ka Fai und Preethi Athreya Menschen in diesen Übergängen. Das Weltmuseum Wien präsentiert zwei große tönerne Figuren aus der indischen Alltagskultur. Schließlich widmet sich ein von Cis Bierinckx kuratiertes und von „ray“ präsentiertes Filmprogramm Fragen von Queer- und Trans-Sexualität und dem Kampf um die Anerkennung sexueller Vielfalt in Asien.
Cis Bierinckx, 1955 in Belgien geborener Kosmopolit, der heute in Düsseldorf lebt, hat langjährige Erfahrung als Kurator und Produzent in den Bereichen der darstellenden Künste, Film und Video, Musik und der bildenden Künste. Er arbeitete weltweit mit Künstlerinnen und Künstlern, war für das Walker Art Center in Minneapolis, die Salzburger Festspiele und den internationalen Kunstcampus DeSingel in Antwerpen tätig, kuratierte Programme u.a. für die Filmfestivals in Gent und Rotterdam, gründete das Dokumentarfilmfestival „Viewpoint“ und die Dokumentarfilmplattform „Zone“. Von 2006 bis 2012 leitete er das Kunstzentrum Beursschouwburg in Brüssel und 2014 das Kunstfestival Belluard Bollwerk im schweizerischen Fribourg.
Zwischen künstlerischem und politischem Anspruch sieht Cis Bierinckx sein Filmprogramm angesiedelt. Den Auftakt macht – als Teil des Eröffnungsabends am 6. Februar – der 28-minütige Porträtfilm Miss Jin Xing (2000) des prominenten chinesischen Regisseurs Zhang Yuan. „Ich habe Zhang immer als sehr kontrovers denkenden und arbeitenden Filmemacher wahrgenommen“, sagt Bierinckx, „und die Verbindung Jin Xings zum ImPulsTanz-Festival ist evident.“ Tatsächlich war der ehemalige Berufssoldat, der seit seiner Geschlechtsumwandlung als „Diva“, Moderatorin und Performerin tätig ist, 2009 live beim Festival zu Gast, damals zusammen mit Liquid Loft / Chris Haring. „Zhang ist mehrmals mit seinen Filmen bei der chinesischen Zensur angeeckt, so auch mit diesem“, so Bierinckx, „und das Thema (Trans-)Sexualität ist ein enorm heikles, nicht nur in China.“
Wie ein roter Faden zieht sich diese Einschätzung durch das Filmprogramm. Als künstlerischer Höhepunkt darf Matsumoto Toshios Funeral Parade of Roses (Bara no soretsu, 1969) gelten, der am 10. Februar zu sehen ist. Produziert von der legendären Art Theatre Guild of Japan (ATG), die wesentlich für den Aufbruch des japanischen Kinos in den sechziger und siebziger Jahren verantwortlich zeichnete – unter anderem entstanden dort zahlreiche Filme von „jungen Wilden“ wie Oshima Nagisa, Terayama Shuji oder Yoshida Yoshishige –, porträtiert Matsumoto in einer wilden Mischung aus Avantgarde-, Experimental-, Spiel- und Dokumentarfilm die Queer-Underground-Szene Tokyos in den späten Sechzigern: „Der Film hat mich schon beim ersten Sehen vor vielen, vielen Jahren sehr beeindruckt“, so Cis Bierinckx, „und er hat bis heute nichts von seiner Kraft eingebüßt. Vor allem in seiner freien Bearbeitung des Ödipus-Stoffes war der Film unheimlich avanciert – und er hat letztlich auch Stanley Kubricks A Clockwork Orange beeinflusst.“
Zwei kürzere Filme, die durchaus Ähnlichkeiten aufweisen, obwohl der eine in Indien und der andere in Vietnam gedreht wurde, ergänzen das Programm am 10. Februar: In Sundar (Rohan Kanawade, 2015) und Love Me Love You (Nguyen Trinh Thi, 2007) geht es um die enorm schwierige, um nicht zu sagen, de facto unmögliche Position von Queer/Trans-Personen in diesen beiden rigiden Macho-Gesellschaften. In Sundar erzählt der Filmemacher die Geschichte eines jungen Transvestiten, gefangen zwischen den Vorbehalten seiner Eltern und seinem Wunsch, sich zu outen. Love Me Love You ist eine Doku über eine spezielle Subkultur in Vietnam: Homosexuelle Männer erscheinen in den Tempeln der Göttin Dao Mau als Medien für weibliche Geister und Gottheiten – in unfassbaren Outfits und mit spitzzüngigem Humor. Ausgerechnet die Tempel werden sozusagen zu „Schutzzonen“ für diese Männer, die im Alltagsleben heftigen Anfeindungen ausgesetzt sind.
Auch bei der zweiten Movie Night am 12. Februar gibt es ein „Double Feature“ aus Vietnam und Indien, diesmal mit zwei Langfilmen: In Finding Phong von Swann Dubus und Tran Phuong Thao (2015) geht es um einen vietnamesischen Jungen aus einer Kleinstadt, der nach Hanoi, geht, wo er seinen Traum, als Frau zu leben, verwirklicht. Die entsetzten Reaktionen, etwa seiner Mutter, sagen alles über das gesellschaftspolitische Klima. Welchen Repressalien indische Queer/Trans-Personen ausgesetzt waren und bis heute sind, davon berichtet Breaking Free von Sridhar Rangayan (2015). Der Filmemacher dokumentierte sieben Jahre lang gewalttätige Übergriffe auf Homosexuelle, verwendete Filmmaterial von Gay-Pride-Events und Demonstrationen, um die historische, politische und rechtliche Dimension von (Homo-)Sexualität in Indien zu beleuchten.
Wie erklärt sich Cis Bierinckx die Tatsache, dass ausgerechnet Gesellschaften, deren Göttinnen, Götter und größte mythische Heldinnen und Helden sehr oft an der schmalen Grenzen zwischen den Geschlechtern und zwischen sexuellen Identitäten entlang balancieren oder sie überschreiten, in dieser Hinsicht heute so restriktiv sind? „Das ist eine schwierige Frage. Man muss wohl wirklich sagen, dass man sich hier nicht vorwärts-, sondern zurückentwickelt hat. Politik, Religion und Gesellschaft unterdrücken, was sich auf Dauer nicht unterdrücken lässt.“ Von Aufbrüchen aus dieser Unfreiheit berichtet diese Filmschau.
