Filmkritik

Auge um Auge / Out of the Furnace

| Benjamin Moldenhauer |
Großes amerikanisches Kino: Scott Coopers zweiter Film erzählt eine klassische Story von Rache und Gewalt.

Out of the Furnace beginnt an einem der klassischen amerikanischen Orte, einem Autokino: Woody Harrelson, bedrohlich wie seit Natural Born Killers nicht mehr, schlägt sein Date und einen Kinobesucher zusammen. Der Prolog leitet zu den Bildern eines Stahlwerkes über, Eddie Vedder singt „Release Me“, die Öfen glühen, Männer leisten harte Arbeit, ein Bruce-Springsteen-Stück als Soundtrack hätte es auch getan. Scott Coopers zweiter Film nach seinem gefeierten Debüt Crazy Heart – wie auch Out of the Furnace ein formvollendetes Stück Americana – ist eine Hommage an die abgehängte Working Class und beklagt den allgemeinen Niedergang: Die Stadt verfällt, das Stahlwerk soll geschlossen werden, niemand kümmert sich um die traumatisierten Soldaten des Irak-Krieges.

In diesem Setting entfaltet sich eine klassisch anmutende Story um Rache und Gewalt. Der Irak-Heimkehrer Rodney Baze Jr. (Casey Affleck) ist hochverschuldet, sein Bruder Russell (Christian Bale) versucht vergeblich, ihn da rauszuhauen. Um Geld aufzutreiben, nimmt Rodney an illegalen Faustkämpfen teil, gerät an eine Gruppe Rednecks und wird ermordet. Russell begibt sich auf die Suche nach den Mördern seines Bruders.

Subtile Töne schlägt der Film wahrlich nicht an, die Hinterwäldler sind nur graduell weniger depraviert als die Mischpoche aus den Texas Chainsaw Massacre-Filmen, und Cooper liefert mit Out of the Furnace nicht zuletzt auch einen heimlichen Beitrag zum Subgenre des Backwood-Horror. Dass der von Woody Harrelson angeführte Clan in vielem comic-haft überzeichnet ist, realisiert man zuerst nicht, weil hier so ein großartiger Cast am Werke ist – neben Bale, Affleck und Harrelson entfalten Willem Dafoe, Sam Shepard und Forest Whitaker ihre Präsenz. Das macht dann insgesamt sechs Schauspieler, die auch im Alleingang ohne Weiteres einen Film tragen könnten.

Überhaupt kauft man Cooper all das gerne ab. Die sorgfältig komponierten Bilder suggerieren überzeugend Realismus und verbergen, dass es hier zuallererst um die großen amerikanischen Erzählungen geht: Familienbande, Rache und Vergebung, Männer, die in ihrer Freizeit Hirsche jagen und ansonsten tun, was getan werden muss, eine schöne Frau, die versucht, die Gewalt abzuwenden. Out of the Furnace will sich zwischen Mythos und Sozialstudie nicht so recht entscheiden. Auch in diesem Sinne: großes amerikanisches Kino; im Guten wie im Schlechten