Cristi Puius lakonische Studie eines Amoklaufs entwickelt eine sogartige Wirkung.
2005 gelang dem Rumänen Cristi Puiu mit seinem zweiten Spielfilm Der Tod des Herrn Lazarescu der internationale Durchbruch. Wie Puiu dort einen sterbenden Mann eine Nacht lang auf einer Odyssee durch Bukarester Krankenhäuser begleitet, so folgt der 44-jährige Regisseur in Aurora dem von ihm selbst gespielten Viorel rund 30 Stunden lang. Nicht viel passiert in den 180 Minuten des Films an äußerer Handlung – und doch geschieht auch das Unfassbare, denn Viorel wird in dieser Zeit scheinbar grundlos vier Menschen ermorden.
Diametral entgegengesetzt zu spektakulären und spekulativen Actionreißern über einen Amoklauf wie Joel Schumachers Falling Down ist diese lakonische Studie, denn die Gewalttaten zeigt Puiu nur beiläufig oder verbannt sie sogar ins visuelle Off. Die Konzentration liegt ganz auf der akribischen Schilderung des Alltäglichen. In langen Einstellungen, deren Farbpalette weitgehend auf verwaschene Blau- und Grautöne reduziert ist, folgt Puiu dem Protagonisten zunächst bei seinen alltäglichen Gängen und Wegen durch ein tristes Bukarest. Noch einmal geht Viorel in die Fabrik, in der er arbeitet, kauft sich ein Gewehr, dessen Handhabung er in seiner gerade in Renovierung befindlichen Wohnung trainiert, besucht seine Mutter. Erst nach 90 Minuten fällt ein Schuss, der freilich keine Änderung der Erzählweise bringt, denn Puiu interessiert sich nicht für nun einsetzende allfällige Polizeiaktionen, sondern folgt weiter minutiös Viorel, in dessen Motive man nur langsam Einblick erhält.
Auf Distanz wird der Zuschauer dabei nicht nur durch den Verzicht auf emotionalisierende Filmmusik gehalten, sondern auch durch die distanzierten Einstellungen, in denen sich die Handlung, vielfach durch Türrahmen getrennt, im Bildhintergrund abspielt. So gleichmütig, wie der Amokläufer agiert, ist die Erzählweise Puius – und so gelassen wird schließlich auch in einer Szene, die an das Finale von Corneliu Porumboius Politist, adjectiv erinnert,
die Reaktion der Polizei sein. Nichts wird hier aufgebauscht, sondern die Dramatik wird dem ungeheuerlichen Geschehen vielmehr entzogen. Gewissermaßen auf Sparflamme kocht Puiu, aber dafür mit radikaler Konsequenz von der ersten bis zur letzten Minute. So entwickelt Aurora gerade im Insistieren auf dem Alltäglichen, im Verzicht auf Erklärungen und in der Beschränkung auf die distanzierte Begleitung des Amokläufers nicht nur eine Beunruhigung und einen Horror, sondern auch einen geradezu hypnotischen Sog und eine Intensität, die diesen Film lange nachwirken lassen.
