Judd Apatow dreht Komödien. Pete Davidson macht Stand-Up-Comedy. Gemeinsam haben die beiden nun einen Ausschnitt aus dem Leben des Stars von „Saturday Night Live“ in der dramatischen Komödie „The King of Staten Island“ verfilmt.
Pete Davidson hält mit der Wahrheit nicht hinter dem Busch, nicht auf der Bühne und auch nicht privat. Er weiß um seine Probleme, sein Trauma, seine Verletzlichkeit, und er geht so offen damit um, wie mit den zahlreichen auffallenden Tattoos, die seinen Körper bedecken. Er hat es zu seiner Kunst gemacht, persönlichste Gedanken in seinen öffentlichen Auftritten kundzutun. Ungenierte Ehrlichkeit ist sein Mittel zu Erfolg. Jahrelang witzelte er sich damit in seinen Stand-Up-Auftritten gekonnt nach oben, zunächst in verschiedenen MTV-Serien und TV-Gastauftritten, bis er schließlich 2014 mit knapp zwanzig als jüngstes Ensemble-Mitglied bei Saturday Night Live einstieg. Dass er jetzt mit seiner ersten großen Hauptrolle, die ebenfalls autobiografisch verankert ist, auf die Leinwand wechselt, kommt also nicht von ungefähr – es passt ins Konzept. Und mehr noch: Es passt zu Judd Apatow, dem ungekrönten König der Kinokomödie, dass er sich Davidsons Geschichte angenommen hat.
Immerhin gehen auch in seinen Filmen Tragödie und Komödie stets Hand in Hand, fällt der Humor mal etwas rauer, mal etwas melancholischer aus, aber immer mit dem Herzen am richtigen Fleck. Seit seinem Regie-Debüt The 40 Year Old Virgin vor fünfzehn Jahren hat es sich der gebürtige New Yorker unbewusst zur Aufgabe gemacht, Bilder einer gebrochenen Männlichkeit auf der Leinwand nicht nur darzustellen, sondern sie mit einer Leichtfüßigkeit zu entlarven, die ihresgleichen sucht. The King of Staten Island ist ein weiterer Beweis dafür, auch wenn Apatow ähnlich wie in Funny People (2009) mit Adam Sandler auch hier eher auf Emotionen und Mitgefühl setzt als auf Anzüglichkeiten und entwaffnende Scherze. Davidson spielt einen jungen Typen im Zustand der Planlosigkeit, ohne Halt und ohne Perspektive, aber dafür mit jeder Menge Schmerz und Ballast und Trauer aus seiner Kindheit auf den schmalen Schultern. Ein Drama, eine Komödie, ein Akt der Selbsttherapie – und der beste Grund für ein Gespräch über Trauma-Bewältigung, den richtigen Rhythmus und warum Erwachsenwerden eine Lebensaufgabe ist.
Mister Apatow, vielleicht können Sie kurz erzählen, wie Sie beide einander kennengelernt haben. Wie kam es zu der Zusammenarbeit?
Judd Apatow: Im Grunde haben wir es Amy Schumer zu verdanken. Sie hat mir von Pete erzählt, als wir gemeinsam an Trainwreck gearbeitet haben. Wir hatten damals keine richtige Rolle für ihn, boten ihm stattdessen aber einen Cameo-Auftritt im Film an, weil wir die ersten sein wollten, die ihn auf die Leinwand brachten. Bill Hader, der im Film an der Seite von Amy die Hauptrolle spielt, war dann sogar so begeistert von ihm, dass er am nächsten Tag sofort Lorne Michaels anrief und ihm ans Herz legte, Pete zu Saturday Night Live einzuladen. Das hat er getan. Das Cameo war also letztendlich ein ziemlich großer Moment für Pete. Und nun schauen Sie sich an, was aus ihm geworden ist. Jetzt sitzt er mit drei Arcade-Spielen in einem Keller und gibt Interviews via Zoom.
Pete, die Geschichte, die Sie im Film erzählen ist sehr persönlich. Was macht das mit einem, wenn man die eigene Vergangenheit noch einmal vor laufender Kamera durchspielt? Hat der Prozess Sie im Nachhinein verändert?
Pete Davidson: Ich wollte diese Geschichte schon sehr lange einmal erzählen. Viele der Probleme, mit denen Scott im Film zu kämpfen hat, sind Dinge, mit denen ich bis heute ringe. Mir ging es darum, mich auf möglichst gesunde Weise damit auseinanderzusetzen, und ich bin Judd unendlich dankbar, dass er mir die Möglichkeit gegeben hat, das zu tun. Den Film zu drehen, war wie eine Therapie für mich. Ich habe dadurch ein paar Türen schließen und ein paar Geister vertreiben können, denn erst wenn man seine Dämonen mit anderen teilt, kann man sich auch von ihnen lösen. Und ich wollte mich nicht länger verschließen, nicht länger zurückschauen, sondern mich lieber auf das konzentrieren, was vor mir liegt. Das war das Wichtigste, und in der Hinsicht fühle ich mich erleichtert.
Seit wann war Ihnen bewusst, dass es diese Dämonen gab, mit denen Sie einen Großteil Ihrer Kindheit und Jugend verbrachten?
PD: Schon sehr früh. Ich hatte keine einfache Kindheit. Mein Vater starb, als ich sieben Jahre alt war. Und seit seinem Tod versuchte ich immer wieder irgendwie herauszufinden, wer ich als Person war beziehungsweise sein wollte, ohne ihn als Vorbild an meiner Seite zu haben. Ich hatte nur noch meine Mutter – und verstehen Sie mich nicht falsch –, sie ist großartig und hat damals alles versucht, um beide Elternrollen auszufüllen. Aber mir hat immer dieser eine Mensch gefehlt, zu dem ich aufschauen konnte. Ich hatte keinen Halt, und das wurde mir schon sehr früh klar. Deshalb habe ich auch immer versucht, so offen wie möglich damit umzugehen. Ich wollte all den anderen, denen es ähnlich geht, dadurch mitteilen, dass sie nicht alleine sind. Es gibt so viele Menschen, die an Depressionen und Angstzuständen leiden. Einer, der mir extrem geholfen hat, war Kid Cudi mit seiner Musik. Er hat mir zu verstehen gegeben, dass die guten Zeiten längst nicht vorbei sind, dass es durchaus ein Licht am Ende des Tunnels gibt. Und ich hoffe sehr, dass ich mit dem Film etwas Ähnliches erreiche.
Judd, Ihre Tochter Maude spielt Petes Schwester im Film. Wir haben sie über die Jahre in Ihren Komödien aufwachsen sehen. Diesmal macht sie ihren College-Abschluss, geht zur Universität. Wie fühlt es sich für Sie als Vater an, das eigene Kind auf der Leinwand seinen Weg sehen zu gehen?
JA: Komisch ist, dass sie derzeit in der Netflix-Serie Hollywood eine verheiratete Frau spielt, die mit Zwillingen schwanger ist. Also das ist schon schräg. Das ist fast mehr, als ich als Vater verkraften kann. Aber mal ganz im Ernst, ich arbeite unheimlich gerne mit ihr zusammen. Es war nach acht Jahren das erste Mal. In der Zwischenzeit hat sie viel gedreht und als ich sie in Euphoria sah, fand ich, dass sie das Spannungsverhältnis zwischen den Schwestern dort sehr gut verinnerlicht hat. Im wirklichen Leben lieben ihre Schwester und Maude sich sehr, aber das heißt nicht, dass es zwischen ihnen keine Auseinandersetzungen gibt, es ist ein Teil der Dynamik zwischen ihnen. Gerade weil sie einander so viel bedeuten, wollen sie nur das Beste füreinander. Und ich dachte, sie könnte das auch gut in die Rolle hier übertragen. Das Gefühl, das Scotts Schwester hat, ihre Frustration, weil er nicht versteht, wie schwer es ist, einen Bruder wie ihn zu haben, um den man sich ständig kümmern muss und sich Tag und Nacht Sorgen macht. Andererseits, so wie Pete ihr Verhältnis im Film beschreibt, scheint es, als wolle er damit im Grunde zum Ausdruck bringen, dass er sehr wohl eine Vorstellung hat, was das bedeutet, als würde er mit seiner wahren Schwester durch den Film ein Gespräch führen. Das fand ich sehr schön.
Ein Großteil Ihrer Filme dreht sich um unreife Erwachsene, die mehr oder weniger einen Prozess durchmachen, um am Ende stärker, reifer, klüger im Leben zu stehen. Was fasziniert Sie so sehr an Geschichten dieser Art?
JA: Ich glaube wirklich, dass am Ende alle Geschichten darauf hinauslaufen. Ich möchte zeigen, dass Menschen wachsen können. Möchte zeigen, wie sie daraus lernen können, selbst wenn ihnen das Schicksal hart zugesetzt hat oder sie sich auf Teufel komm raus gegen die Lektion zu widersetzen versuchen, die ihnen das Leben erteilen will. Ich habe, ehrlich gesagt, noch nicht viele reife Erwachsene getroffen. Und ich weiß, dass ich selbst mein Bestes gebe und trotzdem manchmal nur acht Prozent erwachsener bin, als ich es vielleicht mit fünfundzwanzig war. Ich kenne viele ältere Leute, die heute siebzig, achtzig, neunzig Jahre alt sind. Und ich bin mit Norman Lloyd befreundet, der mittlerweile stolze hundertfünf ist. Aber glauben Sie mir, keiner von denen ist wirklich erwachsen. Ich glaube, darin liegt das Geheimnis des Lebens – es ist ein ewiger Lernprozess.
Wie gehen Sie in Ihren Filmen und vor allem bei ernsteren Geschichten, wie der von Pete, an den Humor heran? Wie finden Sie Ihren Rhythmus?
JA: Ich vergleiche das immer gerne mit Musik. Wenn Sie sich beispielsweise die Beach Boys anhören, klingt es eindeutig nach den Beach Boys. Wenn Sie sich Radiohead anhören, klingt es nach Radiohead. Und wenn man als Filmemacher schreibt und Regie führt und schneidet, dann entsteht dabei etwas, das unverwechselbar aus einem heraus entsteht. Als ich Funny People gedreht habe, zog ich Paul Thomas Anderson zu Rate, weil ich bei einer Szene einfach nicht weiter kam und wollte, dass er mir sagt, was er davon hält. Er kam in den Schnittraum, und ich bat ihn die Szene so zu ändern, wie er es für richtig hielt. Als ich mir anschließend die Stelle ansah, bestand kein Zweifel, dass er sie geschnitten hatte. Es war die perfekte Paul-Thomas-Anderson-Szene, allein aufgrund des Rhythmus. Ich habe viel davon gelernt im Hinblick darauf, wie man als Regisseur mit den Möglichkeiten umgeht, die man hat.
Ähnlich wie in „Funny People“, in dem es um einen todkranken Komiker ging, schlagen Sie auch bei „The King of Staten Island“ ernstere Töne an. Was gilt es bei Komödien dieser Art unbedingt zu vermeiden?
JA: Es war mir wichtig, dass das Ganze möglichst authentisch wirkt, möglichst echt. Ich wollte keine Jagd auf Jokes machen, nichts erzwingen, was nicht angemessen schien. Und ich habe bewusst mit Robert Elswit zusammengearbeitet, dem großartigen Kameramann, der There Will Be Blood und Michael Clayton gefilmt hat. Er hat mir geholfen, einen visuellen Stil zu finden, der eher an die tollen Filme aus den Siebzigern erinnert, an die Filme von Sidney Lumet oder Hal Ashby oder wie Alice Doesn’t Live Here Anymore. Alles sollte sich lebendig anfühlen, nicht wie eine gekünstelte Komödie. Ich dachte, es funktioniert, wenn es leicht und humorvoll ist, aber es sollte in erster Linie wie ein Drama wirken.
Pete, was ist Ihnen leichter gefallen, zum ersten Mal als Komiker auf der Bühne zu stehen oder jetzt als Hauptdarsteller vor der Kamera?
PD: Gute Frage. Ich hatte ja bisher nur sehr wenig Erfahrung mit Film. Ich habe kleine Rollen hier und da gespielt, so wie damals in Trainwreck. Mein Hauptberuf ist es bis heute, Komiker zu sein. Und vor The King of Staten Island hätte ich auf Ihre Frage bestimmt geantwortet, dass Comedy leichter ist und mir mehr Spaß macht. Aber nach dieser Erfahrung bin ich mir nicht mehr so sicher. Ich mag am Drehen, dass man die Möglichkeit hat, Dinge zu wiederholen, zu verändern, auszuprobieren. Und allein dass man weiß, was das Ergebnis ist, ist ein befriedigender Gedanke. Bei Stand-Up-Comedy passiert alles augenblicklich. Man bekommt die Reaktion des Publikums direkt zu spüren. Das ist nicht immer leicht, deshalb war die Zeit, die ich mit dem Film verbracht habe, ein schöner Tapetenwechsel für mich.
Mister Apatow, zum Abschluss ein Wort zur aktuellen Situation. Ihr Film startet bei uns im Kino, aber in manchen Ländern, einschließlich den USA, wird er nur digital als VoD erscheinen. Wie geht es Ihnen damit?
JA: Wir hatten die Wahl. Wir hätten auch ein Jahr warten können, oder länger, um ihn auch in Amerika im Kino herauszubringen. Aber dann hätten wir enorme Konkurrenz gehabt, wenn man bedenkt, was derzeit an großen Action-Blockbustern und Superhelden-Filmen alles auf Eis liegt. Und vielleicht hätten wir dann nicht unser Publikum gefunden. Ich finde die Entscheidung gut, den Film als VoD zu veröffentlichen, weil ich glaube, dass die Zuschauer einen Film wie diesen gerade ganz gut gebrauchen können. Ein Film, der unterhält, der einen zum Lachen bringt und der einen gleichzeitig bewegt. Und es ist ein Film, der sich auf leichte Weise mit einem schweren Thema wie Trauma-Bewältigung auseinandersetzt, mit Trauer und damit, wie man darüber hinwegkommen kann, wie man sein Herz anderen und der Welt gegenüber öffnen kann. Darüber hinaus ist es aber natürlich auch schön zu wissen, dass der Film in manchen Regionen im Kino zu sehen sein wird. Und ich wünschte, ich könnte dabei sein. Bei meinem nächsten Film wird das hoffentlich wieder möglich sein. Ich bin zuversichtlich.
