Alejandro González Iñárritu über die Kraft des Augenblicks, die Möglichkeit von Episoden und eine nicht perfekte Welt.
Was hat es mit dem biblischen Titel auf sich?
Ich habe sehr lange nach einem Titel gesucht, aber alle Ideen haben immer nur Aspekte beschrieben, etwa „Väter und Söhne“ oder „Der Mond“. Der Film hat jedoch so viele Themen, dass es schwierig ist, einen passenden Titel dafür zu finden. Erst kurz vor Beginn der Dreharbeiten kam mir schließlich die Lösung: Babel versteht man in allen Sprachen und allen Religion der Welt und ist eine sehr schöne Metapher.
Wie würden Sie die Metapher genauer beschreiben?
Bekanntlich bestrafte Gott die Menschen für ihren Größenwahn, mit einem Turm den Himmel erreichen zu wollen, mit einem Sprachenwirrwarr. Für mich liegt unser Problem jedoch weniger in unterschiedlichen Sprachen, sondern vielmehr in den verschiedenen Vorstellungen voneinander. Von diesen Vorurteilen handelt der Film. Zugleich wollte ich aber nicht nur zeigen, was uns trennt, sondern auch das, was uns verbindet. Genau darin liegt der Schlüssel: Worin liegen die Gemeinsamkeiten, die wir als Menschen alle teilen?
Wie würden Sie Babel beschreiben? Als Röntgenaufnahme unserer Welt?
„Röntgenaufnahme unserer Welt“ würde mir etwas zu ambitioniert klingen. Ich wollte einfach zeigen, was derzeit auf unserer Welt geschieht. Wir verstehen jede Andersartigkeit als Bedrohung. Das gilt für Staaten, aber auch für Eltern und Kinder oder für Ehepaare. Wir haben das Zuhören verlernt. Von diesen Mauern in unseren Seelen wollte ich erzählen. Ich wollte einen Film über Vorurteile machen, ohne dabei selbst Vorurteile zu bedienen.
Eltern und Kinder in Babel haben in der Tat alle ganz drastische Probleme …
Mein Thema heißt vor allem: Eltern und Kind. Eltern haben den schwierigsten Job auf dieser Welt. Ihr Verhältnis zu einem Kind kann ein ganzes Leben auf Dauer ruinieren oder eben etwas Besonderes entstehen lassen. Man kann später noch so viel Geld oder Macht besitzen; ohne diese gesunde Kindheit fehlt einem ein wichtiges Stück zum Mensch sein.
Wie kamen Sie auf die Erzählidee, drei Geschichten aus drei Kontinenten miteinander zu verknüpfen?
Alles hängt doch mit allem zusammen, keiner ist allein auf dieser Welt. Wenn man seine Story mit drei Geschichten erzählt, ergeben sich viel schönere Möglichkeiten, die Hintergründe auszuleuchten und zu erklären, warum eine Person sich so verhält, wie sie es tut. Zudem kann man auf diese Weise den Zufall ins Spiel bringen. Es gibt diesen klugen Spruch: „Wenn eine Sekunde genügt, um zu sterben, warum soll in einer Sekunde nicht ein Leben völlig verändert werden?“
Welche der drei Geschichten liegt Ihnen selbst am nächsten?
Vermutlich die mexikanische Story, weil ich solche Dinge ganz einfach aus eigener Erfahrung kenne. Es gibt viele großartige Mexikaner, die in den USA hart arbeiten, damit sie ihre Familien in der Heimat unterstützen können. Sie übernehmen Jobs, die kein Amerikaner machen möchte, und sie führen ein bescheidenes Leben. Dennoch haben Latinos keine Rechte, keine Versicherung und dürfen ihre Heimat nur illegal besuchen: Pro Jahr sterben 600 Mexikaner an der Grenze in der Wüste – so etwas bricht mir das Herz.
Wie in den vorigen zwei Filmen arbeiten Sie mit dem Schriftsteller Guillermo Arriaga zusammen. Wie haben Sie den komplizierten Stoff mit ihm entwickelt?
Wir haben zweieinhalb Jahre an dem Drehbuch gearbeitet. Nachdem Guillermo mit seinem Skript fertig war, habe ich noch viele Änderungen vorgenommen. So großartig sein Talent auch ist, verhält es sich bei einem Drehbuch so, wie wenn man mit einem selbst gebauten Boot das Meer überqueren will: Man schaut 100 Prozent danach, dass mit der Konstruktion auch ja alles stimmt. Ich habe später beim Schneiden noch sehr viel an der Struktur verändert, gut 30 Prozent des Drehbuchs sehen nun anders aus. Selbst Szenen, die mir selbst sehr gefallen, wurden geopfert: Bei diesem Prozess zählt ausschließlich nur, was dem Film nützt.
Ist diese Art des Arbeitens auf Dauer nicht etwas frustrierend?
Das ist ein ganz normaler Vorgang für mich: Bei mir entwickelt sich ein Film immer in Etappen. Die erste Etappe ist das Drehbuch – doch darauf folgen noch sehr viel weitere Stufen. Ein Film ist für mich wie ein Lebewesen, das sich ständig verändert.
Wie kam Brad Pitt an Bord?
Wir haben vor ein paar Jahren gemeinsam einen japanischen Werbespot für Jeans gedreht. Das hat nur zwei Tage gedauert, aber es ging dabei sehr lustig zu. Als ich ihm von dem Projekt erzählte, meinte er nur: „Klar, das mache ich.“ Dass er die Rolle des amerikanischen Touristen, dessen Frau angeschossen wird, übernommen hat, finde ich sehr mutig. Nicht nur, weil er hier nicht viel Geld verdienen konnte, sondern weil er viele Opfer bringen musste: Stars wie er spielen nicht sehr häufig in Ensemblefilmen.
Was haben Ihre Filme mit Ihnen selbst zu tun?
Für mich ist jeder meiner Filme ein verlängerter Teil von mir selbst. Mein Kino zeigt, wie ich die Welt sehe – mit allen Einschränkungen und Verpflichtungen, die es dabei gibt. Unsere Welt ist nicht perfekt. Ich bin wohl ein eher melan-cholischer Typ.
