Babylon Berlin

Serie | Interview

Kein Geschichtsunterricht

| Andreas Ungerböck |
Die Regisseure Achim von Borries und Henk Handloegten im Gespräch über die dritte Staffel von „Babylon Berlin“, über die Faszination der 1920er Jahre und über das Arbeiten zu dritt.

Für alle, die die dritte Staffel der vielfach preisgekrönten Serie über das Berlin der 1920er Jahre heiß ersehnt haben, brechen nun Feiertage an. Wir befinden uns immer noch im Jahr 1929, kurz vor dem großen Börsencrash. Berlin ist im Aufruhr. Ökonomie und Kultur, Politik und Unterwelt – alles befindet sich in radikalem Wandel. Spekulation und Inflation zehren an den Grundfesten der Weimarer Republik. Wachsende Armut und Arbeitslosigkeit stehen in starkem Kontrast zu Exzess und Luxus des Nachtlebens und der nach wie vor überbordenden kreativen Energie der Stadt. Just da wird im Filmstudio Babelsberg die Starschauspielerin Betty Winter von einem herabfallenden Scheinwerfer erschlagen.Unfall oder Mord, das ist für Hauptkommissar Gereon Rath und Kommissarsanwärterin Charlotte Ritter nicht lange eine Frage. Denn der zweite Mord lässt nicht lange auf sich warten – verübt offenbar von einem Phantom im schwarzen Cape.

Henk Handloegten, Achim von Borries und Tom Tykwer haben sich diesmal vor allem an Volker Kutschers Roman „Der stumme Tod“ orientiert, und wieder entfalten sie ein schwungvolles, breites Panoptikum an prall gefülltem Berliner Großstadtleben. Die ersten vier Folgen (mehr durfte auch die Presse nicht sehen) haben einen starken politischen Fokus, die Nazis werden immer auffälliger und frecher, die Menschen spekulieren wild an der Börse. Mit der Einbeziehung der Filmwelt und der dubiosen Machenschaften, die dahinter stehen, und der Presse (es gibt herrliche Szenen mit Karl Markovics als Reporter Katelbach) öffnet sich die Handlung noch mehr und wird noch reichhaltiger. Dazu kommen Raths und Charlottes jeweiligen privaten Probleme, die die beiden zusätzlich fordern. Und dazu (Aufzählung unvollständig) Drogen an allen Ecken und Enden, ein Hinweis auf Okkultismus, allgegenwärtige Korruption und der Rausch einer elektrisierten, wenn auch allmählich in Richtung Abgrund taumelnden Großstadt.

Die drei Regisseure/Autoren haben das Tempo noch einmal angezogen, haben – wie sie im Interview sagen – die Figuren noch besser kennengelernt und deren Profile geschärft. Und neben den schon bekannten Gesichtern gibt es in der Besetzung eine stattliche Zahl prominenter Neuzugänge wie Meret Becker, Sabin Tambrea, Hanno Koffler, Martin Wuttke, Trystan Pütter, Peter Jordan und Caro Cult – und, wenn man einen hervorheben sollte, Ronald Zehrfeld als Walter Weintraub, der gleich zu Beginn der dritten Staffel aus dem Gefängnis entlassen wird, und nicht lange zögert, um sich ins Getümmel zu stürzen und sich seinen Teil vom Kuchen zu sichern.

 

Was macht die unendliche Faszination der 1920er Jahre aus, besonders was Berlin betrifft? Es gibt wohl keine andere Stadt, die man so sehr mit dieser Epoche assoziiert.
Achim von Borries: Berlin war schon immer sehr speziell, und man darf nicht vergessen, dass sich die Stadt 1918 noch einmal neu erfunden hat – mitdem Zusammenbruch der bürgerlichen Ordnung, mit der Revolution, die man spöttisch als „Revolution im Wasserglas“ bezeichnet hat. Natürlich waren die alten Eliten als Strippenzieher immer noch vorhanden, man hat einfach vergessen, die aufzuknüpfen. Und Berlin war immer ein Sehnsuchtsort, ist es heute noch, es gibt noch immer diesen Geruch von Freiheit. Es ist eine Stadt, in der man schnell zu Hause ist – nach einem halben Jahr ist jeder, der hierher kommt, ein Berliner. Das ist anderswo anders. Wenn man nach Wien zieht, wird man nie Wiener …

… stimmt.
AvB: Ich kam 1989 nach Berlin, und 1990 war ich überzeugt, ich sei ein Berliner. Und so geht es jedem. Auf jeden Fall: Alles, was wir an Berlin lieben, hat seinen Ursprung in den 1920er Jahren.
Henk Handloegten: Es gab und gibt in dieser Stadt so eine grundlegende Skepsis Autoritäten gegenüber. Das hat wieder mit den Umbrüchen zu tun, die es hier gab – nach dem Ersten Weltkrieg, nach dem Zweiten Weltkrieg und vor allem auch nach dem Mauerfall. Immer wieder gab es ein Machtvakuum und Freiräume, und in diesen lebt der Berliner Geist auf. Dazu kommt, dass sich in Berlin immer wieder Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft und Denkweise getroffen und zusammen gelebt haben, und das macht wohl auch einen Teil der Faszination aus, dieser fast utopische Zustand.

Haben Sie sich nach den beiden ersten Staffeln einmal zusammengesetzt und überlegt, was man besser machen könnte, oder war alles gut, alles perfekt?
AvB: Verrückterweise haben wir das noch nicht einmal gemacht. Wir hätten das vielleicht einmal tun sollen, man ist ja auch erschöpft nach so einem langen Weg, den man gemeinsam gegangen ist. Aber da ging es schon weiter, es gab kaum eine Pause, und wir wussten auch, was wir wollen, nämlich die Beziehung zu den Figuren noch vertiefen, was natürlich bei der dritten Staffel leichter geht, weil man sie schon kennt. Und was wir sicher nicht wollten, war, uns zu wiederholen, in bestimmte Schemata zu verfallen. Da wird es uninteressant, für mich, und sicher auch für die Zuschauer.
HH: Mir geht es schon so, dass es ganz wenige Serien gibt, die mich über die erste, oder sagen wir: über die zweite Staffel hinaus interessieren. Bei den meisten habe ich den Eindruck, da ist dann alles auserzählt. Es gibt natürlich ein paar Ausnahmen, und da gehört für mich Babylon Berlin dazu, und zwar komischerweise gerade deswegen, weil man ja weiß, was kommen wird. Es geht nun mal um die Machtergreifung Hitlers 1933, und bis dahin muss man erzählen. Das wäre sonst wie eine Serie über die „Titanic“, und kurz nach Island hört man auf. Das ist wirklich ein spezieller Fall, und das war uns am Anfang gar nicht so klar. Um die Qualität aufrechtzuerhalten, muss man – wie Achim schon sagte – schauen, dass man sich nicht wiederholt und dass man nicht beliebig wird. Es ist leider bei vielen Serien so, dass es irgendwann egal wird, wer das schreibt, wer hinter der Kamera steht, wer inszeniert. Das ist dann so eine Art Fließbandproduktion. Wir drei wenden uns dagegen, weil es dann wirklich nicht interessant ist. Da ist in den letzten fünf Jahren etwas passiert. Zuvor gab es dieses Gefühl von Aufbruch und Freiheit, davon ist nicht mehr viel übrig, es ist das meiste stromlinienförmig. Also, es gibt das schon noch, aber das man schon sehr genau hinschauen. Inzwischen laufen sehr viele Schiffe unter der falschen Flagge der Serie. Es gibt eine Überschwemmung, die der Sache nicht dient, und dann gibt es ein paar Perlen – und zwar immer dann, wenn Leute das mit einer großen Leidenschaft machen – so wie wir.

Was wären denn positive Beispiele für Sie?
HH: Mich hat Chernobyl völlig überzeugt.
AvB: Ja, uns alle. Das war unglaublich. Das ist ja nun wirklich kein Stoff, den man gerne sehen möchte, wir wissen ja, was da passiert ist. Und trotzdem konnte ich nicht aufhören. Diese Genauigkeit und Sorgfalt, das ist schon toll. Aber du, Henk, du langweilst dich sehr schnell. Wenn man dich bitten würde, eine Szene hundert Prozent genauso zu filmen wie eine andere, du würdest sie sicher ganz anders machen. Das ist dein Naturell.

HH: Ja, ich suche immer nach neuen Lösungen.

Haben Sie denn Filme aus den 1920er und 1930er Jahren geschaut, um sich inspirieren zu lassen oder sich zu informieren?
AvB: Ja, vor allem bei den ersten Staffeln haben wir, auch um das Team und die Schauspieler einzustimmen, einmal pro Woche einen Film gezeigt, M zum Beispiel oder Caligari oder auch mal einen Dokumentarfilm aus der Zeit, einfach, um alle mitzunehmen auf diesen Weg, um zu zeigen, wie die Leute sich bewegt haben, wie die Stadt wimmelte von Menschen – und um die vielen Details zu sehen, die man braucht, um die Sache lebendig zu halten und authentisch. Im Kino der Weimarer Zeit gab es eine unheimliche Faszination für das Abgründige, das Grauenhafte, das psychisch Kranke … Wenn man an Orlacs Hände denkt: Einem Pianisten werden die Hände eines Mörders angenäht, das ist doch irre. Oder Nosferatu, das ist immer noch ein wahnsinnig gruseliger Film. Albin Grau, das weiß man ja inzwischen, der Ausstatter und Produzent – eine seltsame Doppelfunktion –, war einer der führenden Okkultisten in Deutschland. Das Interessante ist doch, dass diese Filme damals zum Mainstream gehörten.

HH: Das gibt es gelegentlich noch, wenn man sich zum Beispiel Joker anschaut, einen Film über Wahnsinn und Terror. Das Okkultistische, das Achim anspricht, das haben wir diesmal auch. Hanussen hat ein Jahr später seinen „Palast des Okkulten“ aufgemacht … German Angst, das wurde ja sogar ein Exportschlager.

Die Fassbinder-Serie „Berlin Alexanderplatz“, hat Sie die auch inspiert?
HH: Wir haben öfter versucht, sie anzusehen, aber ich finde sie, mit Verlaub, nicht mehr anschaubar in der heutigen Zeit. Sie ist irgendwie versiegelt. Fassbinder hatte eine sehr theatralische, sehr künstliche Herangehensweise, aber natürlich sind mittendrin plötzlich so Juwelen, fast immer in Szenen mit Barbara Sukowa als Mieze, die auch ganz anders sind, einen Realismus ausstrahlen und lebendig sind, und dann kommen wieder diese künstlichen Welten, die mich überhaupt nicht erreichen.

Der „Film im Film“ bei Ihnen, es wird nicht ganz klar, ob das ein Stummfilm oder schon ein Tonfilm ist …
HH: Naja, wir tun so, als wäre es einer der ersten Tonfilme. Wenn man sich damit beschäftigt, merkt man: Weil die Aufnahmedauer begrenzt war, mussten Dialoge und Musik gleichzeitig aufgenommen werden, also das Orchester spielen, während gesprochen wurde. Also haben wir gesagt: Machen wir gleich einen Musikfilm.
AvB:Es wurde ja leider nicht alles aufgenommen, was es damals gab, wegen der mangelnden technischen Mittel. Es gab zum Beispiel die Pepita-Bar, wo schwarze Bluesmusiker spielten, und man fragt sich heute: Was, wirklich? Aber ja, warum denn nicht? Es ist bloß nicht dokumentiert. Wir haben jedenfalls mit der Annahme gespielt, der expressionistische Film, der damals schon tot war, sei noch nicht tot – wenn man so will, ist das ein expressionistisches Musical. Es ist ein bisschen Caligari drin, der zehn Jahre vorher war, und dann so etwas wie amerikanische Revue, Busby Berkeley, das war schon eine bewusste Entscheidung. Da nehmen wir auch den einen oder anderen Anachronismus in Kauf, auch wenn wir wissen, dass die Zuschauer da sehr genau drauf achten. Zu den ersten beiden Staffeln bekamen wir auch so Zuschriften wie „Aber ihr wisst schon, dass es das Flugzeug erst vier Monate später gab.“

Sie nehmen sich da die künstlerische Freiheit …
AvB: Ja, wir wollen die Zeit wieder aufleben lassen, aber es ist ja kein akkurat historischer Film. Darum muss man das ein bisschen kritisch beäugen, dass Babylon Berlin tatsächlich in manchen Schulen im Geschichtsunterricht gezeigt wird. Ja, es ist schon ziemlich genau und spiegelt auch die Zeit wider, ist aber doch eine Interpretation von uns drei und den anderen Mitwirkenden.
HH: Wenn wir die Wahl haben zwischen dem Authentischen und dem Plausiblen, entscheiden wir uns für das Plausible.

Damals waren die Leute ja kinoverrückt, es gab eine Unzahl von Kinos, gerade in Berlin. Wird man da als Regisseur ein bisschen neidisch?
AvB: Naja, wir haben das Glück und leben in einer serienverrückten Zeit. Wir haben hier quasi einen nie endenden Film, denn für uns ist es ja doch ein Film, der mittlerweile 28 Kapitel umfasst, und der müsste theoretisch nie enden. Klar, es gibt ein natürliches Ende, eben 1933, aber wenn wir so weiter erzählen, dauert das schon noch eine Weile.

Es heißt ja, dass der Autor Volker Kutscher über 1933 hinaus weiter erzählen will …
AvB: Ja, die Romane gehen weiter, das stimmt schon, aber wir haben für uns gesagt, dass das Babylonische, um das es uns geht, mit 1933, mit dem Reichstagsbrand und allem, was folgte, zu Ende ist.
HH: Das ist natürlich keine leichte Entscheidung. Volker Kutscher hat ja den gleichen Denkprozess durchlaufen. Er hatte das geplant, bis 1933. Dann hat er gesagt, das Leben meiner Figuren endet ja nicht 1933, was stimmt. Aber wir dachten „Babylon Berlin“, dieser Schmelztiegel, die Energie dieser Stadt, ist dann vorbei.
AvB: Warten wir mal ab, was dann passiert, wenn wir soweit sind.

Es gibt erstaunliche Parallelen zur Gegenwart: 1929 kam die NSDAP in Sachen zum ersten Mal in einen Landtag, heute wird die AfD immer stärker.
HH: Ja, 1930 gab es dann den ersten NSDAP-Minister in Thüringen.

Einer der Nazis in „Babylon Berlin“ spricht von der „Lügenpresse“. Ist das historisch verbürgt?
AvB: Man muss das wirklich unterstreichen: „Lügenpresse“ ist kein Wort von heute, das gab es damals schon. Wir haben ja in der neuen Staffel auch vieles aus der Welt der Presse, um auch diese Seite zu zeigen.

Dass Karl Markovics als Journalist Katelbach sagt: „Früher gab es Leser, jetzt gibt es Gucker“ – das ist ja auch fast prophetisch.
AvB: Ja, das ist toll, wie überhaupt diese Figur. Und Karl Markovics ist ein solcher Schatz. Wir haben mit dem Team alle zwölf Episoden angeschaut, und er konnte nicht dabei sein. Es gab tatsächlich Szenenapplaus bei seinen Auftritten, weil man ihn so liebt.

In Volker Kutschers „Der stumme Tod“ gibt es ja ziemlich viel Politik, etwa Horst Wessels Beerdigung oder die Adenauer-Geschichte in Köln – kommt das bei Ihnen auch vor?
AvB: Ja, Horst Wessel spielt eine Rolle, ein bisschen anders als bei Kutscher. Adenauer hatten wir in der zweiten Staffel schon, das haben wir ein bisschen vorgezogen. Als wir das eben mit dem Team in einem durch angeschaut haben, fiel mir auf, dass es doch politischer ist, als ich dachte. Das hat auch damit zu tun, dass wir die Figuren jetzt schon besser kennen und dass man viele von den Handlungen politisch besser einordnen kann. Dass das Politische und das Private oft nicht zu trennen sind, das sieht man in dieser Serie. Das ist ein bisschen wie bei Tolstoi, in „Krieg und Frieden“: Es gibt die einzelnen Handlungen der Figuren, aber es gibt natürlich auch die Epoche, in der sie sich befinden. Also man muss das gar nicht mehr so sehr betonen. Eine Figur wie Alfred Nyssen, den kennt man jetzt schon, und es überrascht einen nicht mehr, dass er – wohl aus persönlichen Motiven – mit seinen Börsengeschäften anfängt.
HH: Interessanterweise hat ein italienischer Kollege von Ihnen die Szene angesprochen, in der die beiden jungen Frauen im Bett liegen und sich über die Zukunft unterhalten. Er fand das beängstigend, weil man ja als Zuschauer weiß, wohin diese Zukunft führte. Da mischt sich das Politische ins Private, es wird bedrohlich, ohne dass das die Figuren noch ahnen können.

Wie kann man sich so einen umfangreichen Dreh vorstellen? Haben Sie anders gearbeitet als bei den ersten beiden Staffeln, was die Aufteilung zwischen Ihnen dreien betrifft?
AvB: Nein, es gibt einen riesigen Drehplan, der aber vor allem von den verfügbaren Zeiten der Schauspieler dominiert wird. Wer kann wann, und welche Location ist frei? Dann drehen wir nicht parallel, sondern in Tranchen. Ich habe angefangen, dann kam Henk, und Tom Tykwer hat den Schluss gemacht. Am Ende haben wir das dann wieder zusammengeschnitten, was ja dem Schreiben und dem ständigen Überarbeiten ähnlich ist. Henk hat mal gesagt, wenn wir jeder abwechselnd eine Episode drehen würden, mit unseren verschiedenen Herangehensweisen und Stilen, dann wäre das keine zusammenhängende Serie mehr.

Sie meinen, das würde auffallen?
AvB: Ja, ganz bestimmt. Wir haben zwar einen gemeinsamen Stil entwickelt, der aber genau deswegen gut ist, weil wir uns abwechseln, und das nicht episodenweise.