Battle of the Sexes -Andrea Riseborough

Battle of the Sexes

Die Schattentänzerin

| Pamela Jahn |

Seit sie vor knapp zehn Jahren die junge Margaret Thatcher sexy machte, hat Andrea Riseborough ein Faible für wahre Personen und Geschichten. Jetzt überzeugt sie in „Battle of the Sexes“ als Billie Jean Kings Lover. Im Interview spricht sie über Kinderträume, Berufsfreuden und die Fallstricke gelungener Schauspielkunst.

Wie lange ist man ein Shooting Star? Bis das Label verblasst? Man zu alt ist? Oder zu etabliert? Andrea Riseborough, die sich mittlerweile längst als eine der feinsten Schauspielerinnen ihrer Generation herauskristallisiert hat, bekam den Titel bereits 2011 verliehen, im gleichen Jahr wie Alicia Vikander und Heike Makatsch, und dennoch ruft ihr Name bis heute mitunter ahnungsloses Achselzucken hervor. Dabei steht die 1981 in Newcastle upon Tyne geborene Britin schon seit ihren Kinderjahren auf der Bühne, behauptet sich regelmäßig am Theater und spielt nicht erst seit  ihrem internationalen Durchbruch in Tom Cruises Science-Fiction-Spektakel Oblivion (2013) immer wieder auch nachhaltige Rollen im Kino wie im Fernsehen: Sie hat mit Mike Leigh (Happy Go Lucky) gedreht und mit Alejandro González Iñárritu (Birdman), hat für die BBC Margaret Thatcher (The Long Walk to Finchley) und für James Marsh eine ehemalige IRA- Kämpferin (Shadow Dancer) gemimt, und ist in Nigel Coles Made in Dagenham gemeinsam mit Sally Hawkins, Rosamund Pike und Miranda Richardson gegen sexuelle Diskriminierung und für gleiche Bezahlung auf die Barrikaden gegangen. Wegen ihr – und nur wegen ihr – lohnt es sich sogar, Madonnas unsägliches Königsdrama W.E. anzuschauen. Dass sie sich trotz ihrer weitreichenden Filmografie weiterhin lieber im Schatten von Hollywood bewegt, ist weniger eine bewusste Entscheidung, als die logische Folge ihrer unbändigen Spielwut, die es ihr seit je her erlaubt, zwischen den verschiedensten Zeiten und Charakteren hin und her zu driften, ohne dabei zwangsweise die zierliche Frau mit dem klugen Kopf und der scharfen Zunge preiszugeben, die sich hinter der Fassade der ewigen Newcomerin verbirgt.

In Battle of the Sexes, dem zweiten Spielfilm des Regie-Ehepaares Jonathan Dayton und Valerie Faris (Little Miss Sunshine) hat sie sich dafür diesmal ganz in siebziger Jahre Flower-Power-Schale geworfen, um einer überraschend durchtrainierten Emma Stone gehörig den Kopf zu drehen. Die unterhaltsame Komödie mit ernsten Schlagabtäuschen und Untertönen dreht sich um die historische Partie zwischen Billie Jean King (Stone) und Bobby Riggs (Steve Carrell), und reiht sich nach dem unlängst gestarteten Borg/McEnroe relativ nahtlos in die Staffel aktueller Sportdramen ein, in denen es um weitaus mehr geht, als lediglich Punkt, Satz und Sieg. Denn als der in die Jahre gekommene ehemalige Wimbledon-Champion Riggs 1973 die damals beste Tennisspielerin der Welt zum legendären Kampf der Geschlechter herausforderte, hatte King privat ganz andere Sorgen: Nach einer jahrelang erfolgreich geführten Freundschaftsehe mit Larry King, machte sie sich nicht nur zunehmend für die Gleichberechtigung von Frau und Mann auf dem Platz stark, sondern verliebte sich zudem Hals über Kopf in ihre Coiffeuse Marilyn Barnett (Riseborough), was sie am Ende beinahe ihre Karriere (und ihre Ehe) kostete.

Frau Riseborough, als Kind hatten Sie etliche Berufswünsche:Installateurin, Balletttänzerin, Müllfrau…
Andrea Riseborough:
Ja, und dann wollte ich für die NASA arbeiten, als Raketentechnikerin.

Stand Friseuse auch auf Ihrer Liste?
Andrea Riseborough: Nein, komischerweise nicht. Obwohl, wissen Sie was? Als ich gerade zu Hause ausgezogen war, ich muss um die sechzehn oder siebzehn gewesen sein, da stellte ich mich in einem Friseursalon vor. Es ging um einen Job als Aushilfe, eine, die die auf dem Boden liegenden Haare der Kunden zusammenfegt. Aber die haben mich damals nicht genommen. Keine Ahnung, warum nicht. Ich weiß nur, wie ich danach zu mir selbst sagte: „Oh Gott, du musst schon ganz unten sein, wenn du selbst zum Haare auffegen zu blöd bist.“ Ich frage mich bis heute, wonach die gesucht haben. Egal, das war zumindest das Näheste, was mir in dieser Beziehung passiert ist.

Haben Sie heute ein gutes Verhältnis zu Ihrem Friseur?
Andrea Riseborough: Eigentlich schon. Wobei ich mir manchmal lieber selbst den Kopf schere, mit meinem eigenen Rasierer. So bin ich halt. Also, ja und nein. Es gibt Tage, da komme ich rein und alle stöhnen: „What the fuck?“ Aber größtenteils arbeiten sie, glaube ich, ganz gerne mit mir, weil meine Haare ein bisschen verrückt sind.

In „Battle of the Sexes“ spielen Sie Marilyn Barnett, mit der Billie Jean King zur Zeit des Schaukampfes gegen  Bobby Riggs eine heimliche Affäre hatte. War Ihnen die Geschichte bekannt?
Andrea Riseborough: Nicht in meiner Kindheit. Ich habe erst als Erwachsene davon gehört, was ich im Nachhinein sehr enttäuschend finde. Ich bin der Meinung, dass die Kids von heute so etwas in der Schule lernen sollten. Zum Beispiel sollten sie wissen, dass es bis vor kurzem noch keine Selbstverständlichkeit war, dass Frauen ohne Zustimmung des Mannes ihr eigenes Bankkonto eröffnen durften, was zu der Zeit, in der unser Film spielt, in Amerika noch nicht möglich war. Ich war schockiert, festzustellen, dass meine Schulbildung über solche kleinen historischen Eckdaten einfach hinweggefegt war. Wir wurden hier in England zwar ausführlich über die Suffragetten aufgeklärt, aber was danach kam? Selbst grundlegende Gesetzgebung, wie die Arbeitskämpfe der Frauen um gleiche Bezahlung in den Ford-Werken von Dagenham, um die es in Made in Dagenham ging, davon hörten wir als Kinder nichts. Und ich war frustriert, dass ich auch von Billie Jean King erst so viel später erfahren habe. Sie ist eine wahre Inspiration.

Ist das auch der Grund, warum Sie in den Film machen wollten?
Andrea Riseborough: Was das Projekt angeht, wollte ich in erster Linie mit Dayton und Faris arbeiten, weil sie ein tolles Paar sind. Ich bewundere ihre Integrität sehr. Aber auch die Tatsache, dass ich an der Seite von Emma spielen würde, und natürlich von Steve, den ich ebenfalls für einen großartigen Schauspieler halte. Das alles waren Faktoren, die mich dazu veranlasst haben, ja zu sagen.

Sie teilen im Film ein paar sehr intime Momente mit Emma Stone. Wie lief die Zusammenarbeit zwischen Ihnen?
Andrea Riseborough: Wir haben großes Vertrauen zueinander. Wir kennen uns. Das waren sehr spezielle Momente im Film, zumindest habe ich das so empfunden. Das war spannend und mutig und neu für mich. Wie wir das erarbeitet haben? Wir haben einfach alle zusammen gesessen, Emma und ich mit Dayton und Farris, und wir haben die ganze Beziehung durchgesprochen, von Anfang bis Ende, obwohl man das eigentlich auch immer macht.  Aber um da noch tiefer hineinzukommen, ich denke, das hängt immer von dem entsprechenden Augenblick ab, in dem man dreht. So wie wir uns in dem Moment gefühlt haben, so fängt es die Kamera auch ein.

Hinterfragen Sie Ihr eigenes Geschlecht manchmal?
Andrea Riseborough: Gibt es einen Tag, an dem ich das nicht tue, ist, glaube ich, die passendere Formulierung. Nicht, dass ich was gegen die  Frage an sich habe, aber sie wissen schon, was ich meine. Die Antwort ist: Ja, natürlich. Es ist kompliziert, mit einer Vagina geboren zu sein.

Marilyn ist eine sehr selbstbewusste Frau, die sich nimmt, was sie will. Können Sie sich damit in irgendeiner Weise identifizieren?
Andrea Riseborough: Nein, überhaupt nicht. Wirklich gar nicht. Ich denke, das ist auch ein Grund, warum mir die Rolle so viel Spaß gemacht hat. Es war eine sehr befreiende Erfahrung für mich.

Persönlichkeiten aus dem wahren Leben zu spielen, damit kennen Sie sich aus. Allerdings stand Ihnen im Fall von Marilyn Barnett diesmal sicher weniger Archivmaterial als sonst zur Verfügung. Haben Sie das als Freiheit empfunden, oder eher als Herausforderung?
Andrea Riseborough: Ja, das war interessant. Es fühlte sich erst ein bisschen so an, als würde man blind durch die Gegend laufen, ohne zu wissen wohin genau. Aber am Ende hatte ich schon eine sehr klare Vorstellung davon, was für eine Person Marilyn war, allein von Billies Beschreibungen her. Als wie uns eine Weile nach dem Dreh alle in Los Angeles wieder trafen, meinte Billie zu mir: „Du warst genau wie sie. Es war fast unheimlich.“ Wie Sie sagen, ich habe schon etliche historische Personen gespielt, und wenn mir das sonst jemand sagt, ist es zwar auch ein Kompliment, aber ich weiß, dass ich darauf hingearbeitet habe, so zu sein, wie die Person, die ich spiele, weil ich mich explizit mit ihr auseinandergesetzt habe, sie studiert habe, damit eine gewisse Ähnlichkeit entsteht. Aber hier war das nicht so. Ich hatte kaum Material und die Idee war, dass ich mich einfach von meinem Gefühl leiten lassen sollte. Ich sah nicht mal wirklich so aus wie sie und auch im Drehbuch gab es kaum Hinweise, wie Marilyn sein sollte, denn im Endeffekt ist es Billies Geschichte. Ich denke, deshalb war mein Spiel letztendlich auch sehr davon beeinflusst, was Emma zu ihrer Figur brachte. Sie ist wirklich fantastisch im Film.

Margaret Thatcher, Wallis Simpson, demnächst wird man Sie als Stalins Tochter Svetlana auf der Leinwand sehen – haben Sie insgeheim ein Faible für historische Figuren?
Andrea Riseborough: Ich finde es unheimlich spannend, in Geschichte einzutauchen, um mir dann ein eigenes Bild davon zu machen, wie die Dinge damals waren, oder gewesen sein könnten. Wie es sich angefühlt haben muss, diese oder jene Entscheidung zu treffen, diese oder jene Meinung zu haben, sich so oder so zu fühlen. Es ist eine der dankbarsten und faszinierendsten Seiten meines Berufs, die Möglichkeit zu haben, durch Raum und Zeit zu ziehen, und das auf ganz instinktive Weise. Das ist ein echter Bonus.

Was können Sie uns über Stalins Tochter erzählen?
Andrea Riseborough: Sie starb in Armut in Wisconsin, wo ihr in den späten Sechzigern mithilfe der US-Botschaft in Neu-Delhi Asyl gewährt wurde. Aber der Film heißt The Death of Stalin und genau darum geht es auch. Es ist ein Film von Armando Iannucci, der sich ganz speziell mit der Zeit nach Stalins Tod auseinandersetzt, als der ganze Kreml sozusagen den Verstand verlor, weil keiner wusste, wie sie mit der Situation umgehen sollten. Auf der einen Seite ist es ein sehr brutaler Film, angesichts der endlosen Verbrechen und Morde, die Stalin initiiert hat. Sechs Millionen Menschen sind dabei ums Leben gekommen. Andererseits ist es eine sehr, sehr düstere Komödie, nicht selten hysterisch, und gleichzeitig hochaktuell. Immerhin geht es um acht Männer, allesamt inkompetent, die keine Ahnung haben und versuchen, ein riesiges Problem zu lösen. Das kommt wahnsinnig komisch rüber, ist aber eigentlich unendlich traurig. Armandos Filme sind immer ein bisschen so, deshalb mag ich ihn so sehr.

Man hat Sie schon eine Weile nicht mehr auf der Bühne gesehen. Fühlen Sie sich gerade vor der Kamera wohler?
Andrea Riseborough: Nein, das liegt an den Angeboten. Am Theater ist da einfach gerade nichts für mich dabei. Die Rollen, die mir angeboten werden, sind alle unemanzipierte Frauen, die keine Wahl haben und keine Stimme. Frauen, die am Boden sind. Frauen, die missbraucht werden. Stück für Stück für Stück immer das Gleiche.

Machen Sie deshalb in letzter Zeit mehr Fernsehen?
Andrea Riseborough: Nicht unbedingt, und so viel hab ich ja auch gar nicht gemacht. Drei Produktionen insgesamt, innerhalb von acht Jahren. Aber ich habe da jedes Mal mit tollen Autoren gearbeitet. Sarah Phelps zum Beispiel, die alles, was sie anfasst, zu Gold verwandelt. Und Jack Thorne, der das Drehbuch zu National Treasure geschrieben hat, und der nie etwas auslässt, wenn es um Frauenfiguren geht. Wirklich nie. Außerdem schreibt er sie stets absolut ohne Wertung. Beide sind wirklich großartige Autoren und nur deshalb habe ich die Serien gemacht – und wegen den Regisseuren, die dahinter standen. Was meine anderen TV-Engagements, vor allem die in Amerika angeht, war das nicht so erfreulich, mit zum Teil frauenfeindlichen Erfahrungen. Ich habe derzeit sogar einen Prozess laufen gegen jemanden, der mich für einen Job nicht bezahlen wollte. Das heißt, meine kurzen Ausflüge in die Welt des amerikanischen Fernsehens, waren bisher eher enttäuschend, und ich habe keine Ambitionen, demnächst zurück zu kehren.

Eines der Themen, die in „Battle of the Sexes“ angesprochen werden, ist der ständige Kampf mit einem Leben in der Öffentlichkeit. Sie schaffen es trotz aller Erfolge im Beruf, ein sehr unauffälliges Leben zu führen. Tun Sie viel dafür, dass es so bleibt, wie es ist?
Andrea Riseborough: Es wird auch für mich mittlerweile schon ganz schön problematisch, weil die Leute langsam registrieren, wer ich bin. Aber ich glaube, der Grund, warum man mich trotzdem relativ in Ruhe lässt, hängt vielleicht eher damit zusammen, wie ich meine Rollen angehe. Weil ich in den meisten Fällen immer irgendwie ganz in der Figur verschwinde, die ich spiele. Im Nachhinein erlaubt mir das eine größere Anonymität. Das ist zwar nicht der Grund, warum ich so arbeite, und es funktioniert auch nicht immer. Aber es ist ein glücklicher Nebeneffekt. Außerdem habe ich in meiner Karriere immer extrem unterschiedliche Charaktere gespielt, die mir persönlich in keiner Weise ähnlich waren, das kann auch ein Vorteil sein. Manchmal ist es zwar ein ganz schöner Schlag gegen das eigene Ego, wenn man auch nach Jahren im Beruf noch wie ein Newcomer behandelt wird, weil die Leute nicht eins und eins zusammenzählen können, dass man eigentlich ein und dieselbe Person ist, nur in verschiedenen Rollen. Das kann einen ganz schön runterziehen. Aber es zeigt auch, dass ich was richtig mache in meinem Beruf, dass ich meinen Job gut mache. Und das ist die Hauptsache.