Behind The Candelabra – Ein Leben für die Illusion

| Daniela Sannwald |

In seinem mit drei der wichtigsten Emmys ausgezeichneten TV-Film Behind the Candelabra lässt Steven Soderbergh es ordentlich glitzern. Das macht sich auch im Kino ganz prächtig.

Er ist der personifizierte Schwulentraum der siebziger Jahre: groß, schlank, athletisch. Die dunklen, bis über den Kragen reichenden Haare sind leicht gewellt, die ausgeprägten Koteletten gehen in einen gepflegten Schnurrbart über, die Zähne sind makellos, sein Lächeln, das bis zu den kleinen Fältchen in den Augenwinkeln reicht, ist umwerfend. Sein körpernah geschnittenes Hemd ist weit, aber nicht zu weit geöffnet, und als er vom Barhoc-ker rutscht und um die Theke herum auf den jungen Mann im Vordergrund der Leinwand zuschlendert, da sieht man, dass auch seine engen Jeans perfekt sitzen. Der Junge dagegen wirkt schüchtern, bubenhaft, ein bisschen zu groß und zu breit geraten; er verfügt nicht über die Eleganz des Schnurrbärtigen, aber er ist jung, sehr jung. Im stampfenden Takt der Disco-Musik ist nicht zu hören, was die beiden miteinander sprechen, aber das scheint auch nicht nötig zu sein – die Szene wirkt eindeutig.

Märchengestalt

Es ist die erste Szene eines Films, der Liebesgeschichte und Musikerporträt zugleich ist, aber ein bisschen auch eine Beschwörung des schwulen Lebensstils vor AIDS an der Westküste der USA. Und es zeigt sich schnell, dass natürlich doch alles anders ist, als man dachte: Der Ältere hat den Jüngeren gar nicht angegraben, jedenfalls nicht im eigenen Interesse. Er ist, wie sich viel später herausstellt, eine Art Agent, der ganz genau weiß, was er sucht: verloren und zutraulich wirkende Knaben vom Land, naiv und deshalb leicht zu beeindrucken. Und so gerät Scott, der Tiere für den Einsatz beim Film trainiert und mit seiner Stieffamilie lebt, eines Abends im Jahr 1977 in ein Konzert des Entertainers und Pianisten Liberace und traut seinen Augen und Ohren nicht: Da sitzt eine Märchengestalt, umspült von gleißendem Licht, glitzernd im Paillettenanzug, hinterm weißen Flügel, dem er Töne in so rascher Abfolge entlockt, dass es Scott schwindlig wird. Und dieser Schwindel wird ihn in den nächsten Jahren nicht mehr verlassen. Natürlich führt der neue Bekannte Scott hinter die Bühne, wo Liberace Hof hält: liebenswürdig plaudert, isst und trinkt und ohne große Allüren auf Scott zugeht, während im Vordergrund ein einsamer, in eine Fantasieuniform gekleideter nicht mehr ganz junger Mann sitzt, der als „Protegé“ auf der Bühne assistiert hatte. Dem scheint nicht zu gefallen, was sich gerade anbahnt: Liberace lädt Scott zu sich ein.
Und als der Junge wenig später auf dem gigantischen Anwesen in Hollywood eintrifft, wird er von der Pracht und dem Glanz, den der Pianist um sich entfaltet, buchstäblich geblendet und aufgesogen – und schon sitzt er neben dem wesentlich Älteren im Whirlpool, ein Glas Champagner in der Hand. So beginnt eine Liebesbeziehung, die über fünf Jahre dauern wird, und in der „Lee“ Liberace dem Waisenjungen Scott alles sein will, wie er einmal sagt: Vater, Bruder, Liebhaber, bester Freund, ja er will ihn sogar adoptieren. Es braucht nicht viel, um Scott zu verführen, auch wenn ein Altersunterschied von vielleicht 35 Jahren zwischen den beiden besteht: Zu verlockend für den in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsenen, ungebildeten Jungen ist die Aussicht auf Familie und Reichtum, Nestwärme, Verschmelzen und schließlich auf einen Lebensstil, den er sich nie hätte träumen lassen, auf Partizipation an der Berühmtheit.
Im krassen Gegensatz zur schlichten Unbeholfenheit und arglosen Freundlichkeit des von einem von der Maske zu sehr geglätteten und ausgepolsterten Matt Damon dargestellten Scott stehen Extravaganz, Grandeur und entwaffnende Offenheit, mit der Lee Liberace auftritt. Der inzwischen fast siebzigjährige Michael Douglas, der, abgesehen vielleicht von seiner Rolle als alternder, müder Professor in Wonder Boys (2000), auf virile, heterosexuelle Alpha-Männer abonniert ist, liefert als Liberace eine schauspielerische Meisterleistung, die ihm nach Wall Street (1987) seinen zweiten Academy Award in der Kategorie Hauptdarsteller einbringen könnte.

Missbrauch

Interessant ist, dass Liberace ebenso wenig weltläufig ist wie Scott; die beiden ähneln sich in ihrer sozialen Ängstlichkeit, die bei Lee jedoch weniger auffällt, da er sie durch glamouröses Auftreten kaschiert. Soderberghs Inszenierung aber legt nahe, dass Lee einen Schutzwall aus materiellen Gütern, bombastischen Selbstinszenierungen und einen Stamm von nibelungentreuem, hochbezahltem Personal um sich herum errichtet hat, so dass er mit der wirklichen Welt möglichst nicht in Kontakt kommt. Auch seine Homosexualität verschwindet dahinter, bleibt, wie er meint, unsichtbar für sein Publikum.
Soderbergh hat die Stadien einer ganz normalen Beziehung verständnisvoll in Szene gesetzt: die gegenseitige Faszination, die so lange anhält, wie alle Dinge, die man miteinander zum ersten Mal tut, die langsame Gewöhnung aneinander und die Freude darüber, die Gemütlichkeit und das gemeinsame Sich-gehen-Lassen, die sich einschleichende Unachtsamkeit im Umgang miteinander, das Feststellen derselben und das darauf folgende Aufraffen zu einem Projekt, das der Beziehung zu neuen Inhalten verhelfen soll, die Versuche, das brachliegende Sexleben wieder anzukurbeln, die Fluchten, das Leid, das den zurückbleibenden Partner noch unattraktiver macht, und schließlich die Trennung, die in Anbetracht von Liberaces Wohlstand in einen von Juristen geführten Kampf um materielle Abfindung ausartet. Soweit der universale Aspekt der Love Story.
Dahinter steckt freilich eine andere Geschichte: die vom alternden Mann Ende 50, der sich den jungen kauft und eigentlich missbraucht, bis er seinen Zweck nicht mehr erfüllt und abgeschafft wird. Es geht nicht nur um Sex dabei, sondern um die Verwandlung einer – vielleicht nicht besonders ausgeprägten – Persönlichkeit nach dem Bild und Willen des Verführers. Lee überredet Scott mit sanftem Druck und der Hilfe eines willfährigen Schönheitschirurgen dazu, sich seine Gesichtskonturen so verändern zu lassen, dass sie Ähnlichkeit zu seinen eigenen in jüngeren Jahren aufweisen. Die schmerzhafte Operation und ihre Nachwirkungen treiben Scott in den Medikamentenmissbrauch und später in die Drogensucht. Dagegen werden seine Anstrengungen, ein Mindestmaß an Unabhängigkeit zu bewahren, im Keim erstickt. Der Musiker erträgt niemanden in seiner Nähe, der ihm nicht absolut hörig ist. Wenigstens in seiner selbstgeschaffenen Glitzerwelt will er unumschränkter Herrscher sein. Es ist interessant, dass Lee im Verlauf der Beziehung jugendlicher, Scott jedoch älter wird. Und plötzlich ist es Scott, der verdrossen hinter der Bühne sitzt und beobachtet, wie Liberace sich von einem neuen „Protegé“ huldigen lässt, der jünger und gesünder ist als er selbst und der – viel wichtiger – noch Illusionen hat.
Und dahinter steckt auch die Geschichte eines schwulen Lebens, das im Verborgenen geführt werden musste. Oder zumindest glaubte das der reale Liberace, der mehrfach gegen Zeitungen prozessierte, die auf seine Homosexualität angespielt hatten, und auf der Bühne gern kennerisch über und mit Frauen scherzte. Der reale Scott Thorson wurde mit einer großen Summe Geldes abgefunden, und Liberace behauptete trotz Thorsons Schritt in die Öffentlichkeit weiterhin, dass er nicht homosexuell sei und den Jungen nur als Chauffeur beschäftigt habe.
Steven Soderbergh hat für seine Erzählung vom Leben in der Illusion die Disco-Ästhetik der siebziger und achtziger Jahre als visuelles Äquivalent gewählt. Kostüme, Bauten und Ausstattung sind überwältigend in ihrem Protz und Glanz, die Figur-Grund-Unterscheidung fällt schwer, man weiß nicht, wohin man zuerst schauen soll, und wenn unter Liberaces seidengefüttertem Chinchillaumhang ein paillettenbesetzter Smoking zum Vorschein kommt, der mit dem weiß lackierten Klavier um die Wette glitzert, dann ist das, als ob man Schlagsahne zu Schwarzwälder Kirschtorte äße und dazu Schokolade tränke.
„Too much of a good thing is wonderful”, sagt Liberace, kurz bevor er über eine Busby-Berkeley-artige Showtreppe in den Himmel aufsteigt, oder so imaginiert es zumindest Scott bei seiner Begräbnisfeier. Tatsächlich starb Liberace am 4. Februar 1987 an den Folgen seiner AIDS-Erkrankung.