Berlin Calling

| Bettina Schuler |

Ein Protagonist der Berliner Techno-Szene gerät in eine schwere persönliche Krise.

Der Berliner Techno-DJ Ickarus (Peter Kalkbrenner) wünscht sich nur eins: den Olymp des Musikuniversums zu erstürmen. Doch ebenso wie sein antiker Namensvetter überschätzt er dabei die Gefahr der Hilfsmittel, derer er sich bedient, um sein Ziel zu erreichen. Nach einer bösen Pille zuviel erwacht der König des Technos in einer Nervenklinik, wo er auf die verständnisvolle Psychiaterin Petra Paul (Corinna Harfouch) trifft, die ihm ziemlich deutlich macht, dass er zwar dem Tod noch mal von der Schippe gesprungen ist, er jedoch die schizophrenen Schübe als Andenken an seinen Trip behalten wird. Auf ihr Anraten lässt sich Ickarus freiwillig in die Klinik einweisen, gleichzeitig versucht er, ganz drogenfrei seine neue Platte zu produzieren. Alles läuft wie am Schnürchen, bis ihm seine Managerin eröffnet, dass die Veröffentlichung der Platte auf Eis gelegt worden ist. Worauf bei Ickarus, der nur für seine Musik lebt, alle Sicherungen durchbrennen.

Mit Berlin Calling versucht Regisseur Hannes Stöhr ein authentisches Bild der Berliner Technoszene zu zeichnen. Darauf verweist nicht nur die Wahl seiner Schauplätze, wie die legendäre Bar 25 und der Technoclub Maria, sondern auch sein Hauptdarsteller Peter Kalkbrenner, der selbst Techno-DJ und Produzent ist und auch den Soundtrack für Berlin Calling komponiert hat. Stöhr entführt den Zuschauer in diese Musikszene, bedröhnt ihn mit wuchtigen Beats und gibt ihm so das Gefühl, umgeben von einer Horde tanzwütiger Endzwanziger mitten im Club zu stehen. Einziges Manko an diesem authentischen Porträt sind die teilweise sehr stereotypen Charaktere wie etwa der knallharte Clubbesitzer oder der durchgeknallte Drogendealer, bei denen Stöhr ein wenig zu tief in die Klischeekiste gegriffen hat.

Doch Stöhr beschränkt sich in seinem Film nicht nur auf die spaßige Seite dieser Szene, sondern wirft durch die Geschichte vom fanatischen DJ Ickarus auch einen Blick auf die düstere Seite dieser Gemeinschaft. Die sich ihren nächtelangen Spaß mit Drogenkonsum erkauft, der mit der Zeit nicht nur ihren Körper, sondern auch ihr ganzes Sozialleben ruiniert. Stöhr vermeidet es dabei, in den Erzählmodus eines moralischen Anti-Drogenfilms abzudriften, sondern lässt die exzessiven Drogentrips seines Hauptdarstellers vielmehr wie Ausflüge in Alices Wunderland wirken. Ein gelungenes Porträt einer Generation, das die Techno-Jünger nicht einfach nur in die böse Drogenecke schiebt, sondern zugleich zeigt, welche Leidenschaft und Emotion hinter dieser vermeintlich monotonen Musik stehen.