Mit Lone Scherfigs „The Kindness of Strangers“ werden die 69. Berliner Filmfestspiele, die letzten unter der Leitung Dieter Kosslicks, eröffnet. Auch sonst sind diesmal mehr Frauen im Wettbewerbsprogramm vertreten als üblich.
Man kann es so oder so sehen. Für die einen geht mit dem Abgang Dieter Kosslicks als Direktor der Berlinale eine große Ära zu Ende. Für andere ist es ein längst überfälliger, willkommener Neuanfang. Und ganz gleich, ob Kosslick sich seine nicht wenigen Verdienste der vergangenen achtzehn Jahre durchaus zugutehalten darf, wünschen sich Freunde wie Kritiker des Filmfests am Potsdamer Platz nicht erst seit gestern eine gehörige Portion frischen Wind um das Festival, das im kommenden Jahr sein 70. Jubiläum unter neuer zweiköpfiger Leitung feiern wird.
Bis dahin wartet jedoch zunächst noch einmal ein Wettbewerb auf Presse und Publikum, der ganz und gar Kosslicks weltmännische, politisch engagierte Handschrift trägt. Insgesamt 17 Filme konkurrieren in dieser 69. Berlinale-Ausgabe um den Goldenen und die Silbernen Bären, und die Auswahl könnte kaum bunter gemischt sein. Auffällig ist dabei eine relativ starke asiatische Note – mit zwei Filmen aus China, darunter Zhang Yimous Yi miao zhong (One Second) und Di jiu tian chang (So Long, My Son) von Wang Xiaoshuai, sowie dem mongolischen Beitrag Öndög von Wang Quan’an – während Hollywood mit Adam McKays Vice im Alleingang äußerst spärlich vertreten ist, und der läuft obendrein Außer Konkurrenz. Was nicht unbedingt schlecht sein muss, wenn man es im Gegenzug nicht versäumt hätte, dafür vielversprechende Filme wie Casey Afflecks neue Regiearbeit Light of My Life, neun Jahre nach seinem Erstlingswerk I’m Still Here, in den Wettbewerb zu holen. Auch andere Kritiker-Favoriten wie Jonah Hills Mid90s oder The Souvenir von der von Crossing Europe in Linz her bekannten Britin Joanna Hogg laufen wie Afflecks Film „nur“ im Panorama, nachdem sie ihre Weltpremieren längst erfolgreich in Toronto oder unlängst in Sundance gefeiert hatten.
Trotzdem gibt es durchaus auch Positives zu vermerken, und man geht erwartungsvoll und zuversichtlich in diesen letzten Kosslick-Wettbewerb. Verdanken ist das auch der erfreulich hohen Anzahl von Regisseurinnen, allen voran die Dänin Lone Scherfig, deren neuestes Drama The Kindness of Strangers das Festival morgen Abend offiziell eröffnen wird. Neben anderen bekannten Auteurinnen wie Isabel Coixet (Elisa & Marcela), Agnieszka Holland (Mr. Jones) und Angela Schanelec (Ich war zuhause, aber), stehen auch weniger geläufige, aber dafür umso spannendere Namen auf dem Programm, wie etwa der der mazedonischen Regisseurin Teona Strugar Mitevska, die erstmals 2007 mit I Am from Titov Veles international von sich reden machte. Zudem geht mit Der Boden unter den Füßen auch Österreich mit einer Filmemacherin ins Rennen um den Goldenen Bären. Marie Kreutzers neues Drama dreht sich um das Leben einer Endzwanzigerin, die sich mit ihrer Familie und damit mit den Realitäten psychischer Krankheit auseinandersetzen muss – kein leicht verdauliches Thema vielleicht, aber ein brisantes und wichtiges zweifellos.
Aber auch die männlichen Kollegen dürften für ein paar aufreibende, interessante und sehenswerte Kinominuten sorgen. Der Hamburger Regisseur Fatih Akin, der 2004 mit Gegen die Wand seinen ersten Goldenen Bären entgegen nehmen durfte, stellt heuer seinen Thriller Der Goldene Handschuh vor, die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Heinz Strunk über den Hamburger Frauenmörder Fritz Honka. Der stets unberechenbare Franzose François Ozon präsentiert mit Grace à dieu ein Drama über pädophile Priester, während A Tale of Three Sisters des türkischen Regisseurs Emin Alper und Ghost Town Anthology des Kanadiers von Denis Coté ebenfalls um einen der Hauptpreise konkurrieren.
Die Entscheidung darüber, wer letztlich welchen Bären verdient, liegt in diesem Jahr in den Händen von Jurypräsidentin Juliette Binoche, die um sich ihre Schauspielkolleginnen Sandra Hüller und Trudie Styler, sowie den chilenischen Regisseur und Oscar-Gewinner Sebastián Lelio, den Filmkritiker Justin Chang und den MoMa-Chefkurator Rajendra Roy versammelt hat, um möglichst gerechte Urteile zu fällen. Bleibt zu hoffen, dass die Internationale Jury heuer letztendlich weniger waghalsig und politisch korrekt und dafür mit genauerem Blick auf die Kunst und die Feinheiten des Filmemachens ans Werk geht, als das der Jury um Tom Tykwer im vergangenen Jahr gelang. Bei einem Wettbewerb, der so offen, ungezwungen und unvorhersehbar ist wie dieser, wäre es bedauerlich, wenn am Ende von Kosslicks letztem Streich doch nur ein bitterer Nachgeschmack bleibt.
Die kommenden Tage werden zeigen, ob das feierliche letzte Programm hält, was es auf dem Papier einmal mehr verspricht. Für jeden, der jedoch bereits vorab zu große Bedenken hegt, was den Wettbewerb angeht, dem seien die wie üblich aus allen Nähten platzenden Nebenreihen, ein Blick auf den blühenden internationalen TV-Serien-Markt (mittlerweile mit eigenständiger Sektion vertreten) oder eine wunderbare Schau empfohlen, in der beispielsweise Dominik Grafs Action-Thriller Die Sieger nach 25 Jahren in einer aufwändig restaurierten Fassung erstmals wieder auf der Leinwand gezeigt wird.
