Aus Anlass der Berlinale: Worüber befinden eigentlich Jurys bei Filmfestivals? Ist dieses Verfahren dem Gegenstand angemessen? Und ist es überhaupt noch zeitgemäß?
Der langjährige Leiter des Rigaer Filmfestivals, Augusts Sukuts, war ein Original. Zwar gab es bei dem Festival eine Jury, aber der von ihr gekürte Sieger erhielt nicht automatisch den von einer Bank gespendeten Geldbetrag. Stattdessen mussten alle teilnehmenden Regisseure bei der Abschlussparty ein Glas mit dunklem Rotwein leeren. In einem dieser Gläser hatte die Festivalleitung eine Münze versenkt. Wer sie in seinem Glas fand, bekam das Preisgeld.
Die Logik hinter dieser ungewöhnlichen Prozedur besagte, dass jeder eingeladene Film preiswürdig sei. Eine Zufallsentscheidung darüber, wer pekuniär ausgezeichnet werden solle, sei zumindest ebenso gerecht wie das Votum, also der Kompromiss einer mehr oder weniger zufällig zusammengesetzten Jury. Diese mag sich durch das Reglement kompromittiert gefühlt haben. Mit ein wenig Humor hätte sie freilich auch darüber lachen können, wenn ihre eingebildete Bedeutung auf ein vernünftiges Maß zurechtgestutzt wurde. Denn Festivals können sehr gut ohne Jury und sogar ohne Wettbewerb existieren, Jurys aber nicht ohne Festivals.
Ohnedies bedürfte es einer Überprüfung, welche Funktion eine Jury heute hat, ob sie hilfreich ist oder nur eine über die Jahre hinweg mitgeschleppte Tradition, und ob ihre Verfahren noch zeitgemäß sind, den gegenwärtigen Bedingungen entsprechen. Es ist beim Film nicht anders als beim Bachmann-Preis: nicht den Wettbewerb gilt es zu verteidigen, nicht die im Grunde unwürdige Konkurrenzsituation, in der es nur Gewinner geben kann, weil es auch Verlierer gibt, sondern die Kunst, den Film wie die Literatur, innerhalb und außerhalb der Medien und insbesondere bei der Verteilung öffentlicher Gelder, seien es Steuern oder Rundfunkgebühren.
Eigentlich müsste es sich von selbst verstehen: Eine Jury kann nur dann fair entscheiden, wenn sie alle konkurrierenden Filme unter den gleichen adäquaten Bedingungen sieht, also auf einer großen Leinwand und allesamt entweder mit oder ohne Publikum. Dass ein Filmbild, wenn es nicht von vornherein für den kleinen Bildschirm konzipiert war, nur auf der großen Leinwand voll zur Geltung kommt, ist offensichtlich, und dass sich die Wirkung eines Films durch die Reaktionen von Umsitzenden ändert, weiß jeder, der bei Szenen, die er bei einsamer Besichtigung kaum komisch fand, vom Lachen anderer angesteckt wurde. Die Festivals aber wollen in der Regel zwei, drei Tage vor der Preisverleihung die Entscheidung der Jury kennen, um sicherzustellen, dass der Preisträger nicht vor der Festlichkeit abreist, oder um ihn notfalls rechtzeitig noch einmal anreisen zu lassen. Eine Preisverleihung ohne leibhaftigen Empfänger ist eben nur eine halbe Sache.
Das hat zur Folge, dass sich die Juroren die Filme, die erst an den letzten Tagen vorgeführt werden, auf DVD oder von der Festplatte eines Computers ansehen. Der schnelle Vorlauf ist eine ständige Versuchung, wenn der Film nicht von Anfang an fesselt. Oder die Besichtigung wird, da es ja keine Zeugen gibt, gar vorzeitig abgebrochen. Wie soll unter solchen Bedingungen ein gerechtes Urteil zustande kommen? Mehr noch: Die Juroren werden an den letzten Tagen nicht mehr oder allenfalls zur Übergabe der Urkunde und für das Gruppenfoto bei der Preisverkündung benötigt. Genau genommen hätten sie daheim bleiben und sich die Filme am eigenen Recorder, am eigenen Computer ansehen können.
Aber Juryentscheidungen sind nicht nur unter den neuen technischen Bedingungen fragwürdig. Dass man sie im Festivalalltag nicht hinterfragt, liegt am Mechanismus eingeführter Rituale. Was „immer schon so war“, kann auch weiterhin so bleiben. Wer will da noch wissen, worüber Jurys eigentlich urteilen?
Nehmen wir eins der üblichen größeren Festivals. Die Jury verleiht einen Preis an den besten Regisseur, den besten künstlerischen Beitrag, die beste Schauspielerin, den besten Schauspieler, das beste Drehbuch, vielleicht sogar für Innovation. Musik, Kamera, Schnitt, Licht gehen in der Regel leer aus. Da kann noch so viel von Film als Kollektivkunst die Rede sein – prämiert werden Einzelpersonen. Dann aber wird der Hauptpreis verliehen, an den besten Film im Wettbewerb. Es ist ein Film, der keinen der zuvor genannten Preise erhalten hat. Was aber macht einen Film zum besten Film, wenn nicht die Regie, nicht die Schauspieler, nicht das Drehbuch? Was qualifiziert ihn für den Superlativ, wenn nicht der künstlerische Beitrag und nicht die Innovation?
Dieser Widerspruch lässt sich erklären. Dahinter steckt die verquere Vorstellung, dass möglichst viele Wettbewerbsteilnehmer einen Preis erhalten sollen – wenn möglich nach Ländern und Geschlecht ausgeglichen. Eine Münze von Augusts Sukuts in jedem Glas. Das kann man natürlich machen, nur sollte man dann nicht von irgendwelchen „Besten“ sprechen oder ganz auf den Wettbewerb verzichten. Zwar sagt einem die Logik, dass die beste Regie mit großer Wahrscheinlichkeit den besten Film zum Ergebnis haben müsste, wie die beste Komposition wohl nach menschlichem Ermessen und nüchtern betrachtet zum besten Musikstück führt, aber der Proporz lässt Logik nicht zu.
Und wie sieht es mit der Qualifikation der Jurorinnen und Juroren aus? Eine typische Festivaljury besteht aus einem Regisseur, einer Schauspielerin, einem Produzenten, einem Festivalleiter (auf Gegenseitigkeit) – es können auch zwei von einer Sorte sein. Nun haben all diese Leute mit Film zu tun, wie der Lokomotivführer, der Schaffner, der Arbeiter in der Lokomotivfabrik und der Beamte im Verkehrsministerium mit der Eisenbahn zu tun haben. Aber urteilen sie nach kompatiblen Kriterien? Ist eine Schauspielerin unbedingt vertrauenswürdiger, wenn es um die Qualität von Filmen geht, als der Bankbeamte, der seit seiner Jugend Kinoenthusiast ist? Würden sich Schauspieler durch ihren guten Geschmack auszeichnen, könnte man es nur als Charakterlosigkeit auffassen, dass sie in gnadenlos schlechten Filmen mitspielen. Nein, sie sind nicht charakterlos, aber für sie zählt die „schöne Rolle“, nicht der gute Film. Und der Produzent oder Verleiher stimmt in jeder Jury mit großer Zuverlässigkeit für den Film, von dem er annimmt, dass er „geht“, dass er ein großes Publikum findet, nicht für den schwierigen Film am Rande. Ein „guter Film“ ist für ihn ein verkäuflicher Film, und was auf dem Markt nicht funktioniert, ist für ihn schlecht. Aus, basta. Was hat er in einer Jury zu suchen, die vorgibt, über Kunst zu urteilen, den besten Film auszuzeichnen?
Das hohe Ansehen, das der Preis der FIPRESCI, des Internationalen Verbands der Filmkritik, obgleich undotiert, über Jahre hinweg genossen hat, beruhte gerade darauf, dass er von Fachleuten vergeben wurde, die nicht selbst ein partikuläres Interesse an einzelnen Aspekten des Films haben. Zugegeben – auch hier läuft nicht immer alles glatt. Der polnische Kollege, der einen Film vehement ablehnt, weil er seine katholischen Gefühle verletzt, ist ebenso wenig eine Fiktion wie der Israeli, der auf keinen Fall für einen Film votieren möchte, in dem die Palästinenser als Opfer gezeigt werden. Hinzu kommt eine bedauerliche Entwicklung, von der auch die Filmkritik nicht unberührt geblieben ist. In vergangenen Zeiten galt die FIPRESCI-Auszeichnung zu Recht als der mutigste, am stärksten um Film als Kunst besorgte Preis. Das hat sich geändert. Es kommt nicht selten vor, dass die Wahl des angeblich unterhaltungssüchtigen Publikums couragierter und unkonventioneller ausfällt als die der professionellen Filmkritik. Das sagt etwas aus über den heutigen Zustand der Filmpublizistik. Aber das ist ein Kapitel für sich und steht auf einem anderen Blatt.
Ein Fall für sich sind auch die ökumenischen Jurys, deren immer gleiche Mitglieder von Festival zu Festival reisen. Sehen wir einmal davon ab, dass Ökumene in diesem Zusammenhang nur die katholische und die evangelische Kirche meint. Die orthodoxen Brüder und Schwestern hat man in der Eile vergessen. Worin aber besteht die besondere Qualifikation der Kirchen bei der Beurteilung von Filmen? Warum gibt es, wenn überhaupt, keine muslimische, buddhistische oder gar Jurys von Agnostikern, die den besten kirchenkritischen Film prämieren? Warum gibt es keine Jurys der Gewerkschaften oder der Behindertenverbände? Die Frage nach der kunstkritischen Qualifikation der Kirchen ist rhetorisch. Ihr geht es um eine moralische Bewertung. Aber einmal abgesehen vom Zweifel an der Adäquatheit moralischer Maßstäbe bei der Beurteilung von Kunst: Was qualifiziert eine Organisation, deren oberster Vertreter die Lieferung von Waffen an lateinamerikanische Todesschwadronen befürwortet hat, was qualifiziert die konkurrierende Organisation, deren bis heute anerkannter Stammvater ein ausgewiesener Antisemit war und dazu aufgefordert hat, aufständische Bauern totzuschlagen, als Spezialisten für moralische Fragen aufzutreten? Gewiss, die Kriterien der Produzenten oder der Schauspieler sind den ökumenischen Filmpreisvergebern in der Regel fremd. Aber der Wahrheitsfindung dienen auch sie nicht. Das schließt nicht aus, dass sie einen tatsächlich künstlerisch hervorragenden Film prämieren. Sie tun es aus Versehen, nicht aus Notwendigkeit. Denn die Instanz, der sie sich in erster Linie verpflichtet fühlen, ist nicht die Kunst. Sie ist weiter oben angesiedelt.
Kunst braucht Kompromisslosigkeit, Anarchie, Freiheit von jeglichen, auch moralischen Fesseln, von politischen und ökonomischen sowieso. Kunst ist nicht demokratisch, also durch Mehrheitsbeschlüsse definierbar. Und das ist das Grundübel aller Juryentscheidungen: Sie tendieren stets zum kleinsten gemeinsamen Nenner. Die Zusammenarbeit mehrerer Juroren, zumal wenn sie ganz unterschiedliche Kriterien haben, führt nicht zu einem objektiven Urteil, sondern zu einer Relativierung dessen, was Kunst ausmacht: des nicht Konsensfähigen. Juryentscheidungen haben immer die Tendenz, das Gefällige, auf das sich alle einigen können, gegenüber dem Radikalen, dem Sperrigen, dem Avantgardistischen zu bevorzugen.
Und selbst das funktioniert nur, wenn die Jurorinnen und Juroren die Filme, aus denen sie ihre Preisträger auswählen, allesamt zur Gänze und ohne schnellen Vorlauf gesehen haben. Ansonsten hilft bloß die Münze im Glas.
