Die Jubiläums-Berlinale unter neuer Leitung hatte es nicht leicht. Das akkreditierte Publikum an Journalisten und Filmfachleuten auch nicht.
Eigentlich hat man es sich denken können. Man konnte ahnen, dass der Goldene Bär heuer an Mohammad Rasoulofs There is No Evil gehen wird. Und so ist es bei der Preisverleihung im Berlinale Palast ja auch gekommen. Mit dieser Entscheidung der Internationalen Jury um Jeremy Irons hat nun bereits zum dritten Mal in zehn Jahren ein iranischer Film den Hauptpreis erhalten. Zum Teil durchaus zurecht: There is No Evil ist im ersten Viertel ein starker, ein bewegender Film. Nur können die weiteren drei Episoden, aus denen sich das Werk zusammensetzt, dem kraftvollen Auftakt nicht standhalten. Die Struktur des Langspielfilms, der sich aus vier Shorts ergibt, ist der Tatsache geschuldet, dass die Arbeit nur unter schwersten, im Grunde unmöglichen Bedingungen entstanden ist. Denn Rasoulof hat in seiner Heimat Berufsverbot, darf wie sein Landsmann Jafar Panahi, der 2015 den Goldenen Bären für Taxi Teheran gewann, offiziell weder Filme drehen noch sein Land verlassen, weshalb er am gestrigen Abend den Preis auch nicht selbst entgegennehmen konnte. Trotz allem hätte man sich im Jubiläumsjahrgang und dazu dem ersten unter der neuen künstlerischen Leitung von Carlo Chatrian doch einen anderen, spannenderen, radikaleren Bärengewinner gewünscht.
Aber woher nehmen? Chatrian hatte bereits im Vorfeld der Berlinale wiederholt deutlich gemacht, dass es ihm in Bezug auf die Programmgestaltung und Philosophie des Festivals in erster Linie nicht um einen Neuanfang, sondern um Kontinuität gehen würde. Und damit waren die Würfel gefallen. Damit stand fest, dass die achtzehn Wettbewerbsfilme erneut unter dem Deckmantel der Politik laufen würden, dass die Berlinale ihrem Ruf als engagiertestes, an gesellschaftlichen Themen interessiertes Festival treu bleiben würde. Grundsätzlich keine schlechte Sache, nur hätte man sich gewünscht, dass Chatrian es mit seiner Programmauswahl vielleicht etwas besser geglückt wäre, das Künstlerische mit dem Politischen zu verbinden.
Mutiger wäre es zudem gewesen, hätte die Jury den Goldenen Bären an Never Rarely Sometimes Always, den dritten Film der US-Amerikanerin Eliza Hittman, vergeben und Rasoulof umgekehrt den Großen Preis der Jury verliehen. Hittmans Film beobachtet auf leise, respektvoll einfühlsame Weise eine 17-Jährige aus der amerikanischen Provinz, die sich gemeinsam mit ihrer Cousine auf den Weg nach New York macht, um dort eine Abtreibung vornehmen zu lassen. Auch damit hätte man ein Zeichen gesetzt und zudem die Chance gehabt, erneut eine Frau ganz oben auf die Treppe der Preisträger zu stellen. Denn bis auf Hittman und Paula Beer, die für ihre Rolle in Christian Petzolds neuem Werk Undine mit einem Silbernen Bären als beste Darstellerin ausgezeichnet wurde, gingen die Frauen dieses 70. Wettbewerbs völlig zu Unrecht wieder einmal leer aus.
Mit dem Preis für die beste Regie zeichnete die Jury den Südkoreaner Hong Sangsoo für seinen Film The Woman Who Ran aus. Bester Darsteller wurde der italienische Schauspieler Elio Germano. Er bekam den Silbernen Bären für seine Rolle im Künstlerdrama Hidden Away, während seine Landsleute Fabio und Damiano D‘Innocenzo mit dem Silbernen Bären für das beste Drehbuch geehrt wurden. Die Geschwister wurden für ihren Familiendrama Bad Tales ausgezeichnet, in dem Germano ebenfalls zu sehen ist.
Einen zum 70. Jubiläum vergebenen Sonderpreis erhielt die französische Social-Media-Satire Delete History von Benoît Delépine und Gustave Kervern, und der 79-jährige deutsche Kameramann Jürgen Jürges wurde für seine „herausragende künstlerische Leistung“ an dem schon im Vorfeld wegen Missbrauchsvorwürfen höchst umstrittenen russischen Wettbewerbsbeitrag DAU. Natasha ausgezeichnet.
Aber vielleicht liegt die Enttäuschung über ungenutzte Chancen bei der Preisvergabe auch gar nicht so sehr an der Auswahl im Wettbewerb (denn die zeigte sich gegenüber jener vergangener Jahre leicht verbessert), als vielmehr an der internen Konkurrenz. Denn mit Einführung des neuen Wettbewerbs in der Reihe „Encounters“, die ebenfalls mit 15 Filmen aufwartete, brachte man den Internationen Wettbewerb noch mehr ins Schleudern, indem man die anspruchsvollsten Filme auf zwei Sektionen verteilte (eine Gegenmeinung findet sich in Berlinale-Blog 3). Die gute Nachricht: Einer der drei Preise ging nach Österreich. Das konsequent streng inszenierte Sci-Fi-Drama The Trouble with Being Born der Österreicherin Sandra Wollner wurde mit dem Spezialpreis der „Encounters“-Jury gewürdigt. Cristi Puiu erhielt eine Bären-Plakette als Regisseur von Malmkrog, als bester Film in „Encounters“ wurde der achtstündige Dokumentarfilm The Works and Days über die Bewohner eines japanischen Bergdorfs prämiert.
Es gab vieles, was anders war in diesem 70. Berlinale-Jahr: Die Schließung des CineStar, eine der wichtigsten Festivalspielstätten; der aus Renovierungsmaßnahmen zeitweise stillgelegte Gastro-Bereich im Shopping Center am Potsdamer Platz; die Umverlegung eines wichtigen Arbeitsbereichs für Journalisten aus dem Berlinale Palast in ein anliegendes Bürogebäude; sowie die Abschaffung der praktischen Berlinale-App. Glücklich machten diese Innovationen die akkreditierten Journalisten und Filmfachleute nicht.
Der frische Wind im Hinblick aufs Programm und alles drum herum, lange erhofft und längst überfällig, blieb weitgehend aus. Dass man darüber hinaus die mit Abstand beste Regisseurin in diesem Wettbewerb bei der Preisvergabe sträflich übersah, hinterlässt zudem einen leicht bitteren Beigeschmack. Kelly Reichardt hätte für ihren wunderschönen Anti-Western First Cow mindestens einen der Haupt-Bären verdient. Und auch das wäre, um der Filmkunst willen, durchaus ein willkommenes Statement gewesen. Aber diese Chance hat man erneut vertan. Bleibt zu hoffen, dass das neue Leitungsduo Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek im kommenden Jahr nicht nur mehr Mut zur Umgestaltung des Festivals beweist, sondern vor allem eine eigene Handschrift bei der Programmauswahl findet. Es steckt so viel Gutes, so viel Potenzial in diesem Festival, das es endlich wiederzubeleben gilt. Die Berlinale mag in diesem Jahr siebzig geworden sein, alt ist sie deshalb noch lange nicht – und längst nicht am Ende ihrer Kräfte.
