Beste Zeit – Kaff statt Moloch

Kaff statt Moloch

| Alexandra Seitz |

Zwischen Fernweh und Heimweh vergeht die „Beste Zeit“: Marcus Hausham Rosenmüller und der Neue Heimatfilm.

Stolz blickt Bayern auf seinen Sohn, Marcus Hausham Rosenmüller, den, wie das SZ-Magazin kürzlich verkündete, „Erfinder des bayrischen Blockbusters“. Gemeint ist ein Film mit einem langen Titel irgendwo zwischen Absurdität und Albernheit, der es im vergangenen Jahr quasi lediglich per Mundpropaganda zum Publikumsliebling und Kassenschlager schaffte. Wer früher stirbt, ist länger tot hieß der Überraschungserfolg und war Rosenmüllers Spielfilmdebüt. Auf dem Münchner Filmfest brachte der lustige Lausbubenfilm dem Regisseur erst einmal den Förderpreis Deutscher Film für die beste Regie ein. Sodann machte er sich daran, vom Süden her die Republik aufzurollen, bog mit fünf Nominierungen für den Deutschen Filmpreis auf die Zielgerade ein und landete schließlich mit zwei gewonnenen Lolas in den Kategorien Beste Regie und Bestes Drehbuch (zusammen mit Christian Lerch) im Ziel.
Unter solchen Umständen heißt es in Bayern gern: „Gell, da schaugst!“ – und in der Tat, man schaute.

Marcus Rosenmüller, der, um Verwechslungen mit einem gleichfalls in der Filmbranche arbeitenden Namensvetter vorzubeugen, seinen Geburtsort (Hausham im Tegernseer Land) zum zweiten Vornamen gewählt hat, wurde 1973 geboren, studierte an der Münchner Hochschule für Film und Fernsehen und drehte Dokumentarfilme für den Bayrischen Rundfunk. Der BR war es auch, der gemeinsam mit der Münchner Roxy Film Rosenmüllers Debüt produzierte. Die beiden folgenden Werke Schwere Jungs und Beste Zeit entstanden dann bereits in Kooperation mit der omnipräsenten Münchner Firma Constantin, die seither versucht, Rosenmüller zum Regie-Star und zur Speerspitze des so genannten Neuen Heimatfilms zu stilisieren.

Sturschädel im Voralpen-Paradies

In der Tat ist Wer früher stirbt, ist länger tot eine Wolpertinger-artige Mischung aus Komödienstadl und Mysterienspiel, eine fabulierlustige Burleske, die mit anarchischem Witz verblüfft und mit ihrem Gefühlsreichtum zu Herzen geht. Das wilde Treiben rund um den 11-jährigen Sebastian, der sich aus Angst vor dem Fegefeuer aufmacht, eine neue Frau für seinen Vater zu finden, trägt sich in jener Grauzone zu, in der der Katholizismus bayrischer Ausprägung, ohnehin eine vergleichsweise sinnenfrohe und opulente Angelegenheit, sich mit naturreligiösen Relikten, abergläubischen Ritualen und althergebrachtem Brauchtum kreuzt. Sebastians scheinbar nai-ves Denken und Handeln vollzieht sich in einem Klima praktischen Glaubens, in dem jedes Phänomen der konkreten Welt Ausdruck der spirituellen sein kann. Kontakt mit dem Jenseits ist jederzeit und ohne größere Umstände möglich, man muss nur die Zeichen zu lesen verstehen. Vor allem der unbändigen Spielfreude Markus Krojers, der in der Rolle Sebastians noch dem absurdesten Drehbucheinfall Glaubwürdigkeit verleiht, ist es zu verdanken, dass Wer früher stirbt, ist länger tot nicht in krachledernen Klischees versandet, sondern als innovativer Heimatfilm mit spezifisch bajuwarischem Humor überzeugt. Und so schön wie hier, weit entfernt von seiner fernsehtauglich domestizierten Form, unverstellt und authentisch, hat der bayrische Dialekt schon lange nicht mehr geklungen.

Auf dieses sehenswerte Kleinod folgte noch im selben Jahr mit Schwere Jungs die ziemlich zahnlose Verfilmung des zeitlich vor jenem von Bern gelegenen „Wunders von Oslo“. Bei den Olympischen Winterspielen 1952, den ersten nach dem Zweiten Weltkrieg, an denen Deutschland wieder teilnehmen durfte, führte eine Kombination der beiden aus Bayern angereisten Viererbob-Mannschaften zum glorreichen Medaillen-Gewinn. Nur hat der Osloer Sieg keine gar so breite Spur in der Mentalitätsgeschichte der Nachkriegszeit hinterlassen wie eben jener in Bern. Rosenmüller scheint sich sogar regelrecht davor zu fürchten, seine Fabel in der damaligen, bekanntlich schwierigen Realität zu verankern. Als die Bobfahrer sich endlich zusammenraufen, weil „die Leute zuhaus sich nach all den Jahren wieder freuen wollen“, bleiben „all die Jahre“ unkommentiert. War da was? Wie Sönke Wortmanns Das Wunder von Bern liegt auch Rosenmüllers Schwere Jungs der nachkriegsdeutsche Traum zugrunde, mittels Erfolgen die Vergangenheit zu verdrängen. Doch anders als Wortmann, der aus Depression und Euphorie einen nationalen Gründungsmythos zusammenbraut, spiegelt Rosenmüller den damaligen Kummer nicht in seinen Charakteren, sondern wählt stattdessen den formalen Rekurs auf den realitätsflüchtigen Unterhaltungsfilm der 50er Jahre und versucht es mit der Ironie. Vergeblich.

Wider das Postkarten-Idyll und trotzdem Weiß-Blau

Und nun also Beste Zeit, der erste Teil einer geplanten Trilogie, auf die in den nächsten Jahren die Filme „Beste Gegend“ und „Beste Chance“ folgen sollen. Rosenmüller erzählt darin von der Zeit des Heranwachsens, bei der es sich, und das wird jeder zugeben, der sich ohne selbstbetrügerische Manöver an seine eigene erinnert, um eine Phase des größtmöglichen Pathos handelt. Zwischen himmelhoch-jauchzend und zu-Tode-betrübt gibt es eigentlich nichts, stattdessen steht immer alles auf dem Spiel, und dementsprechend gewaltig sind die Gefühle. In Beste Zeit fallen Sätze wie „Liebe is’, wenn’s größer is’ als Freiheit“, bei denen man, da aus dem Alter inzwischen heraus, peinlich berührt zusammenzuckt. Dank ihrer Sprecherinnen, der beiden jungen Schauspielerinnen Anna Maria Sturm, Absolventin der Münchner Falckenberg-Schule, und Rosalie Thomass, Grimme-Preisträgerin 2007, wirken diese Sätze jedoch nicht nur authentisch und am richtigen Fleck, sie klingen sogar wahr.

Kati und Jo sind beste Freundinnen. In Tandern im Landkreis Dachau bei München stehen sie, unsicher und mutig zugleich, an der Schwelle zum Erwachsensein und malen sich die weite Welt und eine aufregende Zukunft aus. Kati feiert ihren 17. Geburtstag, sie ist in Mike verliebt, der leider kein Romantiker ist, und sie freut sich auf ein Jahr in Amerika. Das muss sie nur noch Rocky beibringen, dem guten Kumpel, der sie schon seit Kindertagen liebt, was Kati wiederum noch gar nicht aufgefallen ist. Zwischen Dorffest, Dorfdisco und nächtlichen Ausflügen mit dem VW-Bus des Vaters passiert nicht viel. Neu ist es auch nicht, und doch ist jede Minute für Kati und Jo bedeutend und wichtig und groß, weil sie unwiederbringlich ist. Und weil „es sein kannt, dass alles anders werd. Dass alles z’sammbricht.“

Wie Rosenmüller weiß auch Drehbuchautorin Karin Michalke, die selbst im Raum Altomünster aufgewachsen ist, wovon sie spricht. Die Verwurzelung in der Provinz ermöglicht beiden einen autobiografisch abgesicherten Blick auf Bayern, der eben jene Kitsch- und Klischeefallen vermeidet, mit denen das Land bekanntlich bis zum Bersten angefüllt ist. Im Unterschied jedoch zu Hans Steinbichler, einem weiteren Protagonisten des Neuen Heimatfilms, ist Rosenmüller dem Idyll durchaus zugeneigt. Denn während Steinbichler in seinen beiden großartigen Filmen Hierankl und Winterreise den ländlichen Raum als Brutstätte von Pathologien seziert, inszeniert Rosenmüller ihn als utopischen Gegenort. Die Marketing-Abteilung von Constantin Film hat dafür auch gleich einen griffigen Slogan gefunden: „Regionalisierung statt Globalisierung“. Das könnte auch von Edmund Stoiber stammen, der Bayern seinerzeit mit der Parole „Laptop und Lederhose“ aus dem Dornröschenschlaf des unzeitgemäßen Bauernstaates erweckte.

Was Rosenmüllers Filme also auch reflektieren, sind die Auswirkungen dieses Umbaus, ist die nachhaltige Veränderung der bayrischen Provinz. Das moderne Leben auf dem Land hat nur noch sehr wenig mit Meineidbauern und Jagerloisln zu tun, vielmehr schaut der Landmann mittlerweile über den Rand seines Suppentellers hinaus und toleriert milde, was er dort erblickt. Unter anderem zwei wilde junge Mädchen, die rauchen und den Wein aus der Flasche trinken. Dem Charme von Kati und Jo erliegt man gerne und leicht, schwerer fällt es allerdings, das Ziel zu akzeptieren, auf das Beste Zeit zusteuert. Dass es zu Hause doch am schönsten sei, ist nämlich genau jene kleinbürgerlich-engstirnige Moral von der Geschicht’, die den Heimatfilm der Vorväter prägte. Das macht den gefährlichen Reiz des Neuen Heimatfilms aus: Er ist total anders und doch ganz gleich.