BFG - Big Friendly Giant

Wenn Riesen hoffen lernen

| Pamela Jahn |
Britisch, fantastisch, genial – In Mark Rylance hat Steven Spielberg seinen perfekten „Big Friendly Giant“ gefunden.

Manchmal leben Filme in erster Linie durch die Schauspieler. Manchmal durch die Regie. Ein andermal ist es die Technik, die begeistert und, wenn es darauf ankommt, über narrative Schwächen hinwegzuhelfen weiß. Wenn man großes Glück hat, fallen alle drei Komponenten zusammen, und handelt es sich dabei obendrein um den Film eines so detailverliebten und einflussreichen Regisseurs wie Steven Spielberg, kann man getrost davon ausgehen, dass bei der Umsetzung zudem weder Kosten noch Mühen gescheut wurden, um dem auf der Leinwand dargebotenen Geschehen, welcher Natur es auch sein mag, noch einen extra Hauch von Raffinesse zu verleihen. Auch BFG – Big Friendly Giant macht da keine Ausnahme. Und doch gibt es eine Besonderheit, die seine wahrhaft bezaubernde Verfilmung des gleichnamigen Kinderbuchs von Roald Dahl von Spielbergs bisherigen Abenteuerreisen abhebt: In der Hauptrolle ist  diesmal der britische  Ausnahmedarsteller und unlängst Oscar-Gewinner Mark Rylance zu sehen, den mit Spielberg seit ihrer ersten gemeinsamen Zusammenarbeit in Bridge of Spies eine enge Freundschaft, wenn nicht gar Seelenverwandtschaft verbindet: „I had a very nice time with Steven on Bridge of Spies,“ erinnert sich Rylance. „He offered me this script in the first few days of shooting. Mostly, for me, it’s the people who you’re going to work with that count, rather than the story. But I don’t know if I choose my films carefully. In the past, films have chosen me carefully – and mostly not chosen me.” Dass Spielberg den eigenwilligen Briten dafür gleich zwei Mal hintereinander engagierte und bereits für weitere Projekte vorgesehen hat, spricht einmal mehr für das außerordentlich feine Gespür des Regisseurs nicht nur für Geschichten, sondern vor allem für die richtige Besetzung. Denn ohne Rylances warmherziges, verschmitzt geheimnisvolles Gesicht, ohne diese klaren, agilen Augen, die noch im geschlossen Zustand mehr Gefühlsnuancen andeuten, als so manche Hollywood-Kollegen selbst mithilfe ihrer Hände und Füße nicht zum Ausdruck zu bringen verstehen, wäre die Geschichte um den großen freundlichen Riesen, oder kurz: The BFG wie er im englischen Original heißt, nur halb so sehenswert.

Zumal, so groß, wie man meinen möchte, ist der schmächtige Hüne gar nicht, denn im Land der Riesen sind Maße relativ. Tatsächlich zählt der BFG zu den kleinwüchsigen seiner Gattung, was unweigerlich dazu führt, dass er von den anderen stämmigeren, weil menschenfressenden Giganten regelmäßig als Fußball missbraucht wird. Aber auch sonst ist der BFG anders, als man es von einem gewöhnlichen Riesen erwartet: Denn der überzeugte Vegetarier, der sich von übelriechendem Gurkengemüse und selbstgerbautem Bubbelwasser ernährt, ist nicht nur gutmütig und recht schlau, sondern auch bei weitem nicht so tölpelhaft wie seine Artgenossen. Zum eigentlichen Problem wird sein liebenswürdiges Anderssein allerdings erst, als er eines Nachts die kleine Sophie (Ruby Barnhill) aus dem Waisenhaus entführt und mit zu sich ins Riesenland nimmt. Denn Sophie, die vor Neugier wieder einmal nicht schlafen konnte, hatte den BFG dummerweise dabei ertappt, wie er mit seiner Trompete durch die Straßen zog, um den schlafenden Menschen die schönen Träume einzuhauchen, die er, wie sollte es anders sein, regelmäßig im Traumland für sie einfangen geht. Allerdings lautet das oberste Gebot nicht umsonst, dass Riesen auf keinen Fall gesehen werden dürfen, weil erfahrungsgemäß nicht alle Erdlinge so aufgeschlossen sind wie die zehnjährige Sophie, die nach einer kurzen Aufwärmphase bald mit dem BFG auf Du und Du ist und ihn schließlich dazu bringt, zu ihrer beider Wohl etwas gegen die bösen Riesen zu unternehmen.

So geht die Geschichte, die Roald Dahl 1982 veröffentlichte und Melissa Mathison, die das Buch auf Spielbergs beharrlichen Wunsch hin schließlich für die Leinwand adaptierte, tat gut daran, sich weitestgehend am Original zu orientieren. Auch bei den Dreharbeiten war sie stets am Set dabei, versorgte Spielberg mit Anweisungen und Orientierungshilfen über die am jeweiligen Tag anstehenden Szenen und Dialoge, ein Prozess, der sich bereits bei ihrer gemeinsamen Zusammenarbeit an E.T. the Extra-Terrestrial bewährt hatte, zu dem Mathison ebenfalls das Drehbuch beisteuerte. Was keiner ahnen konnte: Die 65-Jährige verstarb im vergangenen Oktober an den Folgen einer Krebserkrankung und durfte die Fertigstellung des Films nicht mehr miterleben. Vielleicht haben Spielberg und seine treu ergebenen Helfer aber gerade deshalb erst recht alle Begeisterung und sämtliche technischen Möglichkeiten hineingepackt, um der unheimlich sympathischen Vorlage unbedingt gerecht zu werden and Dahls zauberhafte Fantasiewelt so beeindruckend wie möglich ins bewegte Bild zu verwandeln, ohne den nostalgisch beschwingten Zauber einzubüßen, der sie umschließt. Und zwar nicht als Zeichentrickfilm, denn den gab es schon vor gut zehn Jahren, sondern als eine fantastische Mischung aus Realfilm und dem bereits erfolgreich an Spielbergs “Tim und Struppi”-Film The Adventures of Tintin: The Secret of the Unicorn (2011) erprobten Performance-Capture-Verfahren, bei dem die Mimik und Gestik realer Schauspieler aufwendigst gespeichert und daraufhin ihren digitalen Masken und Kostümen im computergenerierten Raum einverleibt wird.

Über das Ergebnis kann man nur staunen. Denn anders als der perfekt animierte Tintin ist The BFG nicht nur ein Fest fürs Auge, egal ob man sich nun für die technischen Wunder des Kinos interessiert oder nicht, sondern vielmehr – ähnlich wie E.T. – ein Film mit einem riesengroßen Herzen. „I hadn’t read the book so Melissa’s screenplay was my first encounter with that story,“ gesteht Rylance, dessen Figur im Film genau den richtigen Mix aus Realismus und Karikatur aufweist, komplett mit Segelohren, schlacksigen Gliedern und Spitzkinn. „I guess what Sophie gets from the BFG is a grandfather figure, but what he gets from Sophie is hope. He doesn’t have any hope that things can change, as old people don’t. She’s an amazing saviour in his life.”

Spielbergs persönliche Beziehung zur Vorlage geht auf die Zeit zurück, in der er die Geschichte seinem Sohn Max vor dem Schlafengehen vorlas, wobei sich der BFG nur als eine seiner zahlreichen Lieblingsfiguren im Dahl’schen Universum herausstellte. Mittlerweile kennt Spielberg alle seine Werke sowie sämtliche der zahlreichen Adaptionen fürs Kino, Fernsehen oder Theater. Entsprechend aufmerksam und akribisch ging er 2014 an seine eigene Produktion heran, um jedem noch so winzigen Detail die nötige Aufmerksamkeit zu verleihen. „To be honest, he‘s incredibly demanding with his crew,“ verrät Rylance. “You don’t make mistakes when it comes to his technical stuff. But with the actors he’s very encouraging, warm and receptive.” Angesichts so viel Zustimmung von seinem Regisseur, gestaltete der Theaterliebhaber Rylance seine Figur mithilfe konkreter Bezüge zu seinem Privatleben, so sind beispielsweise die überdimensionalen Ohren des BFG von Rylances Jack-Russell-Terrier Apache inspiriert, während er seinen spezieller Gang angeblich von Chris von Kampen, dem leiblichen Vater seiner Stieftochter Juliet, geborgt hat. Aber auch die hervorragende Ruby Barnhill soll an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben, die ihrer Sophie unter Anweisung von Spielberg eine bemerkenswerte Größe verleiht und selbst Penelope Wilton als Queen Elizabeth die Schau stiehlt.

Allein das Spezielle der Spezialeffekte droht bei so viel schauspielerischem Talent im Laufe der immer mehr ins reale Leben rückenden Handlung zu verblassen. Dem Film schadet es kaum: Spielberg und Rylance  bauen gemeinsam eine vergnüglich sympathische Was-Wäre-Wenn-Welt auf, in der auch die Verletzlichkeit des BFG ihren Platz hat und nicht als Versagen oder Schwäche abgetan wird. Am Ende fragt man sich tatsächlich, ob es eigentlich irgendetwas gibt, das dieser Steven Spielberg nicht kann? Wohl kaum. Bleibt nur zu hoffen, dass auch die gerade aufkeimende innige Freundschaft zwischen Regisseur und Schauspieler noch viele Früchte tragen wird. Für das Kino wäre es jedenfalls ein gigantisches Glück.