27 Storeys – Alterlaa Forever

27 Storeys – Alterlaa Forever

Bilder für alle

| Jakob Dibold |
Ein Gespräch mit Bianca Gleissinger über ihren Film „27 Storeys – Alterlaa Forever“, ihre Hommage an einen außergewöhnlichen Lebens-Raum sowie die Kraft von Bildern und Erinnerungen, die nun in den Kinos anläuft.

Nicht weniger als rund 10.000 Menschen wohnen im Wohnpark Alterlaa im Südwesten Wiens. Die charismatischen, in den Siebzigern und Achtzigern errichteten weißen Türme sind bei ausreichender Blickhöhe noch in großer Entfernung sofort erkennbar und ihre Optik spaltet seit jeher die Geschmacksgeister. Dass dieser Ort immer wieder als Motiv für filmische Erzählungen ausgewählt wurde (u. a. Komm, süßer Tod; Weiße Lilien; ein Tatort), überrascht nicht. Fast erstaunlich, dass mit 27 Storeys – Alterlaa Forever nun jetzt erst ein Kinofilm erscheint, der sich voll und ganz dem Phänomen Alterlaa selbst widmet, und umso erfreulicher, dass dieser keine nüchterne Abhandlung ist: Bianca Gleissinger erzählt in ihrem Debüt, das auch ihren Abschlussfilm an der renommierten DFFB in Berlin markiert, äußerst kurzweilig sowohl eine Reflexion ihres eigenen Heranwachsens, ein vielschichtiges Bild verschiedenster Persönlichkeiten als auch die soziale Anatomie eines Ortes, dem seit jeher der ambivalente Begriff der Utopie anhaftet. Die Behutsamkeit, mit der sie und DoP Klemens Koscher all dies auf die Leinwand bringen, wurde bei der vergangenen Diagonale mit dem Preis für die beste Bildgestaltung bedacht.

Die langjährige Bewohnerin Alterlaas, die auszog, um Film zu studieren, lässt in ihren Erstling ebenso eine Auseinandersetzung mit verschiedenen Arten des Bewegtbild-Machens einfließen – passender ließe sich der Kreis nicht schließen, studierte doch der Architekt Harry Glück nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst Bühnenbild und Regie und arbeitete teils als Kulissenmaler beim Film, bevor er die paradiesischen Terrassentürme entwarf. Im Interview berichtet die Filmemacherin von der jahrelangen Entstehungsphase, gibt Einblick in ihre künstlerischen und auch sorgsamen Strategien, und macht das Besondere dieses Ortes, und dieses Films, noch ein Stück weit (be)greifbarer.

 


Interview

„27 Storeys“ ist sowohl eine autobiografische Reise in Ihre Vergangenheit als auch ein Porträt eines besonderen Ortes und der Menschen, die darin leben. Beides bekommt in etwa gleich viel Raum, wie kam es zu dieser Struktur? Es war ja auch ein sehr langes Projekt.
Bianca Gleissinger: Der gesamte Prozess, von der ersten Idee bis heute, das waren fünf Jahre. Ich habe mit diesem Film also einen langen Weg zurückgelegt. Am Anfang war der noch von irreleitenden Parametern geprägt: Ich hatte eine fixe Idee davon, wie man Dokumentarfilm macht und wollte etwas mit großer formaler Strenge machen. Als ich mich dann gefragt habe, welchen Film ich wirklich machen kann und auch machen will, begann ein spielerischer Umgang mit der Form – parallel zur Suche danach, was ich hier eigentlich erzählen will. Und erst letztes Jahr bin ich dann zum Schnitt übergegangen.

Dadurch, dass es mein Erstling ist, mein Abschlussfilm an der Filmhochschule, bin ich an die Materialsammlung wahrscheinlich relativ naiv herangegangen, aber ich habe mich bewusst für einen etwas chaotischeren Weg entschieden, der wiederum größere Freiheit bedeutete. Erst im Schnitt habe ich mich konkret gefragt, welche Menschen sich möglichst – ich nenne es so – farbenfroh abbilden lassen, von wem man also nicht nur Lustiges oder nur Ernstes und so weiter zeigen kann, sondern möglichst viele Seiten des Charakters. Und meine eigene Figur gab es ganz lange gar nicht, erst nach Feedback von Freundinnen und Freunden habe ich begonnen, mit meiner Figur zu arbeiten. Ich bin ja gewissermaßen der Missing Link, das Verbindende zwischen den Figuren, aber auch zwischen Vergangenheit und Gegenwart. So kam es dann dazu, dass wir auch noch ganz bewusst nach O-Tönen, Regieanweisungen oder Ähnlichem von mir gesucht haben, weil das einfach das ist, was meine Figur macht. Alle Figuren machen hier ständig irgendetwas, sei es umräumen, Gartenarbeit oder dergleichen, und die Figur Bianca macht eben diesen Film.

Sie sprechen es an, der Film legt teilweise sehr offen, wie er entstand. Bei den Menschen vor der Kamera ist die Freude daran, sich selbst zu spielen, oft klar zu sehen. Wie sind Sie an die Menschen herangetreten, um diese große Offenheit zu erreichen? Eine Frau sagt einmal, dass ihr die Leute in Alterlaa oft zu engstirnig seien – fügt aber gleich an, dass das vielleicht nicht veröffentlicht werden sollte. Wie entschieden Sie, welches Material im fertigen Film vorkommen soll?
Das Entscheidende ist die Zeit. Um mit den Leuten an den Punkt zu kommen, dass sie auch vor der Kamera so eine Offenheit entwickeln, muss sehr, sehr viel Zeit vergehen. Ich habe unzählige Kaffees mit Leuten getrunken, noch bevor ich überhaupt daran gedacht hätte, eine Kamera mitzunehmen. Es gibt auch viele, mit denen ich viel Zeit verbracht habe, die dann trotzdem gesagt haben, dass sie lieber nichts drehen wollen. Und auch das ist natürlich vollkommen in Ordnung. Auch beim Drehen selbst habe ich darauf geachtet, dass die gefilmten Personen sich dessen bewusst sind, dass sie eine Grenze ziehen können. Denn bevor man eine Kamera mitnimmt, wird zwar natürlich eine Rechteabtretung unterschrieben und man hat künstlerische Freiheit, darf rechtlich gesehen alles verwenden, aber damit ist es nicht getan: Es gibt natürlich noch eine moralische Verpflichtung. Es gab also die klare Regel, dass man mir zum Beispiel jederzeit kommunizieren kann, wenn einem etwas unangenehm ist oder man etwas als Grenzübertritt empfindet. Tatsächlich ist es nie passiert. Da war immer ein großes Vertrauen, die Leute wussten, wenn ich mit der Kamera kam, wer ich bin, wem sie da gegenüberstehen. Bis zur Fertigstellung des Films habe ich auch selbst versucht, den Film mit den Augen der Menschen darin zu sehen und immer eine inhaltliche Balance zu halten. Wenn also zum Beispiel Eva, Julius’ Tochter, sagt, dass Alterlaa schon ein bisschen spießig ist, ist das natürlich eine Grauzone. Aber dadurch, dass Julius und seine Familie ja facettenreich gezeigt werden, war es recht klar für mich, dass auch das so in Ordnung geht. Noch bevor ich mit dem Schnitt fertig war, habe ich den Film ein paar Leuten gezeigt, zehn bis zwölf Personen, die den Kern des Films ausmachen. Dabei habe ich klar gesagt, dass das Gezeigte fertig ist, das muss man als Filmemacherin tun – ich schulde den Leuten diesen Film nicht. Aber ich schulde ihnen, dass ich da bin, wenn er veröffentlicht wird. Deswegen haben sie alle meine Handynummer, meine E-Mail-Adresse und den Film schon vorab gesehen. Diesem Diskurs darf man sich nicht entziehen, diese Verantwortung sollte man zu Ende denken. Der Film aber ist der, den ich gemacht habe und zu dem ich kompromisslos stehe.

Die Praxis des Filmens selbst kommt ebenfalls recht prominent vor: Eine der Hauptfiguren ist leidenschaftlicher Filmer, auch aus Ihrer Familie sehen wir Homevideos. Und kurz sehen wir den Film- und Videoklub, einer von vielen Gesellschaftsklubs im Wohnpark. Dort sollte man Ihren Film auch zeigen, oder? Und haben Sie die Darstellung von Alterlaa in anderen Filmen etc. recherchiert?
(Lacht.) Sobald das verleihtechnisch kein Problem mehr darstellt, ist das sicher eine Option, finde ich auch eine tolle Idee. Zum Filmen: Das fand ich sehr schön, dass einer der Protagonisten zu einem gewissen Grad das Gleiche macht wie ich, nämlich einerseits einfach filmen, andererseits damit dem Vergangenen – in seinem Fall seiner Frau – ein Denkmal zu setzen. Das war eine schöne Parallele. Mit Alterlaa im Film und in den Medien habe ich mich tatsächlich eher wenig befasst. Ich mache Filme aus meinem eigenen Erleben heraus. Grundsätzlich finde ich es gut, dass der Ort ungebrochen so viel Aufmerksamkeit bekommt. Für meine Arbeit habe ich aber nicht in diese Richtung recherchiert.

Alterlaa ist jedenfalls ein wahrer Mikrokosmos, das zeigt der Film sehr gut. Sie zeigen darin auch gewisse „Schattenseiten“ auf. Zum Beispiel kommt die Frage auf, wie es weitergehen soll, denn Jung und Alt scheinen immer weniger in Kontakt miteinander zu kommen, was vor allem bei der älteren Generation auf Unverständnis stößt. Ist dieser Generationenkonflikt ein essenzieller Teil des Films?
Ja, ein solcher Mikrokosmos eignet sich immer sehr gut, wenn es darum geht, größere Strukturen ein Stück weit zu entlarven. Was ich spannend daran finde, lässt sich vielleicht mit zwei Aspekten sagen. Einerseits ist es die universelle Frage nach der Auseinandersetzung mit dem Ort des eigenen Aufwachsens, die nicht nur mich betrifft, sondern sehr viele meiner Generation. Ich bin 1990 geboren und in dieser Generation finden sich sehr viele Leute, die weggegangen sind – vom Land, aus dem Dorf, aber auch aus der Stadt –, um woanders zu studieren oder sonst was, und dann einen ganz schwierigen Blick auf den Ort ihres Aufwachsens werfen. Häufig prallen dann zwei und mehr Generationen weltanschaulich so heftig aufeinander, dass bei der Heimkehr sofort gestritten wird. Bei unseren Eltern war das noch ein bisschen anders, denke ich, damals ist man eher dort geblieben, wo man aufwuchs. Dieser ambivalente Blick auf den Ort Alterlaa ist also stark aus meinem eigenen Erleben und meinen Auseinandersetzungen mit ihm gespeist, aber nicht unbedingt aus einer nur individuellen Perspektive.

Zweitens hatte ich nie vor, einen Werbefilm über Alterlaa zu machen. Deshalb sind sicher auch „Schattenseiten“ zu sehen. Eine Aussage, die ich immer wieder gehört habe, war der kritisch beziehungsweise abwertend gemeinte, gängige Sager, Alterlaa sei „das größte Altenheim Österreichs!“. Es gibt hier einfach einen großen Anteil an älteren Leuten, und das erschließt sich mir auch völlig logisch. Das gesamte Areal ist barrierefrei, es gibt Schwimmbäder am Dach, es ist einfach ein Paradies, wenn man in ein höheres Alter gekommen ist. Es gibt auch großen Zuzug von alten Leuten. Ich wurde oft gefragt, ob Alterlaa mit der Zeit geht, ob es noch so frisch und hip ist – nein, ist es nicht, aber muss es das denn? Das Spannende ist doch, dass die Leute in Alterlaa glücklich sind. Es ist ein Ort, an dem Menschen gerne alt werden. Doch auch junge Leute schaffen sich dort eigene Räume und stellen etwas auf die Beine, zum Beispiel das Urban-Gardening-Projekt. Da kommen schon jüngere Energien nach, die sich dort etwas aneignen.

Eine andere „Schattenseite“, die auch in Alterlaa deutlich wird, sind konservative Rollenbilder. Was war Ihr Konzept dafür, feministische Fragestellungen in den Film miteinzubringen?
Dieses Thema trage ich im Film durch meinen Blick in die Vergangenheit quasi von außen an den Ort und an die Menschen heran. Das kommt einfach aus der Beschäftigung mit der eigenen Vergangenheit und den Fragen, die mich auch in meiner Gegenwart umtreiben. Ich finde dabei auch die Frage wichtig, warum das so ist, warum ich manche Schlachten schlage und manche nicht. Generell gehören die Themen Feminismus und Machtungleichgewicht zu den Hauptausgangspunkten, weshalb ich überhaupt diese Arbeit machen möchte. Ich wollte auch herausfinden, inwiefern es mit der Biografie meiner Eltern, meiner Großeltern et cetera zusammenhängt, dass ich nicht blind in den Kampf ziehe, sondern die Menschen, mit denen ich spreche, immer im Kontext sehe, ihre Sozialisierung berücksichtige. Dass ich zu spüren versuche, mit wem ich da spreche. Welche Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft die Person hat. Ich wollte im Film auch meine eigene Annäherung an den Feminismus-Begriff erforschen und danach fragen, inwieweit auch ich selbst Produkt meiner Generation bin, so wie meine Mutter Produkt ihrer und deren Mutter wiederum deren Generation war. In den Nullerjahren und frühen zehner Jahren gab es zum Beispiel diese große Welle, in der es wieder hip wurde, Playmate zu werden, das hat sich angefühlt wie ein Befreiungsschlag. Dass das ein gewaltiger Trugschluss ist, hat sich meinem 16-jährigen Ich nicht so dargestellt. Man versucht eben, wenn man nicht jenem Geschlecht angehört, dass in der Gesellschaftsordnung als das starke gilt, alles Mögliche, um sich irgendwie Macht anzueignen. Manchmal ist das ein gruseliger Kampf, auch den wollte ich reflektieren.

Eine weitere mögliche Schattenseite könnte die Exklusivität des Wohnparks sein. Für Wohnungen gibt es eine lange Warteliste. Mit dem Stichwort Exklusivität lässt sich eine Brücke schlagen: Im Film identifizieren Sie sich als Arbeiterkind, studiert haben Sie dann Filmwissenschaften und Filmproduktion. Welche eigenen Erfahrungen haben Sie mit Zugänglichkeit und elitären Kreisen gemacht?
Den Begriff des Arbeiterkinds finde ich sehr interessant dafür, was Alterlaa als Ort für mich getan hat: Ich konnte nie verstehen, dass wir nicht reich sind. Für mich war es völlig klar, dass wir quasi Millionäre sind – denn wir hatten alles, was damit assoziiert wurde, Pools und so weiter. Ich erinnere mich an ein starkes Gefühl von Stolz, der mit Aufwachsen an diesem Ort verknüpft war. Dadurch waren gewisse Hürden für mich wie automatisch überwunden. Andere, die aus einem ähnlichen Umfeld kommen, aber woanders wohnen, bekommen das nicht mit in die Wiege gelegt. Wobei man dazusagen muss, dass mein Vater in den Achtzigern gewissermaßen zu einer Art von neureicher Generation gehört hat. In den Achtzigern und Neunzigern waren die Genossenschaftsbeiträge eigentlich sehr hoch, 100.000 Schilling, meinte meine Mutter immer. Die Gemengelage damals war geprägt von klassischen Ehen, kleinen Familien, in denen der Mann oft auf Geschäftsreise war und die Mutter viel zuhause. Später hat sich das verändert, der jetzige Genossenschaftsbeitrag ist im Verhältnis nun eher niedrig und es gibt zwar eine lange Warteliste, doch das Elitäre, das Besondere ist nicht mehr der Reiz – der Reiz ist der Quadratmeterpreis von sieben Euro.

Als ich von zuhause wegging und etwas Geisteswissenschaftliches und dann an der Filmhochschule studiert habe, war das natürlich ein unglaublicher Culture-Clash. Da musste ich mich schon erst mal bewegen lernen. Mir wurde klar, dass ich plötzlich mit Menschen aus akademischen Haushalten zu tun habe, und ich musste wirklich einiges aufholen, um mich auf diesem neuen Parkett zurechtzufinden. Schwierig ist dann, wenn man zurückgeht, weder in einen regressiven noch in einen arroganten Modus zu verfallen. Letzteres ist auch mir manchmal passiert, in diesen Momenten begreift man noch nicht, dass die Tatsache, dass man studieren durfte oder darf, der Tatsache obliegt, dass einen die Eltern dabei unterstützen – das waren Chancen, die meine Mutter nie hatte. Unter anderen Umständen wäre auch ihre Biografie vielleicht eine ganz andere geworden. Man muss auf jeden Fall einen Modus des Respekts finden, um diese Welten zusammenzubringen, und trotzdem kommunizieren, was einem selbst im Leben wichtig ist.

„27 Storeys“ ist, wie Sie sagen, Ihr Erstling. Wie stark hat Sie dieser außergewöhnliche Prozess geprägt, können Sie das schon reflektieren?
Also, es war ganz großartig und es war die schlimmste Hölle. (Lacht.) Mein nächster Film wird handwerklich sicher „gewinnen“, aber diese gewisse Unbedarftheit wird er nicht mehr haben, 27 Storeys wird sicher mein rohster und ehrlichster Film bleiben. Das bedeutet auch, dass alles, was ich geben und sein konnte, in diesem Film steckt. Mehr hätte ich nicht tun können.