Birds of Passage

Birds of Passage

Tanz mit dem Teufel

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Vom Urwald in die Wüste: Nach „Der Schamane und die Schlange“ legen Ciro Guerra und Cristina Gallego mit „Birds of Passage“ ein bildgewaltiges Genre-Epos über die Anfänge der Drogenkartelle in Kolumbien vor.

Es bestand kein Zweifel daran, dass Ciro Guerra sich einiges einfallen lassen musste, um mit dem nächsten Film auch nur annähernd an den Erfolg seines oscarnominierten Urwald-Abenteuers El abrazo de la serpiente / Der Schamane und die Schlange vor drei Jahren anknüpfen zu können. Auf den Spuren zweier Pioniere der Amazonas-Forschung begab sich der kolumbianische Regisseur damals auf eine berauschende Reise ans Ende der Nacht, in betörend schönen Bildern in elegantem Schwarzweiß.

Birds of Passage dagegen könnte kontrastreicher kaum sein. In dem Nachfolger-Film wirft Guerra gemeinsam mit seiner Partnerin und Produzentin Cristina Gallego einen Blick zurück in die Geschichte seiner eigenen Heimat, genauer gesagt ins Nichts der riesigen Wüste La Guajira im Norden des Landes. Hier begann Ende der sechziger Jahre die „Bonanza Marimbera“, eine Zeit des Drogenhandels und der Gewalt, die der Marihuana-Export in die USA in den beiden darauffolgenden Jahrzehnten unweigerlich mit sich brachte. Birds of Passage bewegt sich vor diesem Hintergrund und mittendrin, offenbart in seinem Wesen ein düsteres Gangsterdrama epischer Ausmaße und kennt keine Gnade. Doch bereits mit dem ersten Augenaufschlag des Films wird deutlich, dass in dieser korrupten Welt, die das Leben der Einheimischen bestimmt, zudem noch ganz andere Gewalten wirken, die der komplexen Handlung zwischen Mythos und mörderischer Familienfehde eine eigene, bisweilen magische Dynamik verleihen.

Erzählt wird die Geschichte des stolzen, aber mittellosen Rapayet (José Acosta), der zu Beginn in einem traditionellen Tanz um Zaida (Natalia Reyes) wirbt. Die schöne Tochter einer mächtigen Familie des Wayuu-Stammes ist in ein sorgfältig besticktes rotes Gewand gehüllt, dessen Großflächigkeit sie wie einen Vogel über die sandige Tanzfläche schweben lässt. Am Ende des Rituals hat Rapayet den Test zwar bestanden, doch Zaidas Mutter Úrsula (Carmiña Martinez) stellt überdies noch ihre ganz persönlichen Forderungen an den tollkühnen Anwärter. Immerhin ist sie die spirituelle Seele der Familie und setzt daher alles daran, die Gemeinschaft und ihre Liebsten zu schützen – und zwar um jeden Preis. Erst als Rapayet nach einem erfolgreichen Marihuana-Deal mit den Amerikanern mit dem geforderten Heiratsgut aufwartet, lenkt sie schließlich ein und besiegelt damit unwissentlich den Untergang ihres Clans. Denn schon bald nehmen Gier, Geld und Machtkämpfe überhand und lassen die ehrbaren Normen und Traditionen der Wayuu immer mehr verblassen.

Guerra und Gallego konzentrieren sich in ihrer unkonventionellen Gangstersaga weniger auf die mafiösen Strukturen des Drogengeschäfts, vielmehr richten sie den Fokus auf die Folgen für die Familie – aus weiblicher Sicht. In dieser umgekehrten Blickrichtung liegt der große Reiz des Films. Denn am Ende ist es die ganz besondere Kunst des Einfühlens in die Menschen, in ihre Kultur und ihre Umgebung, die Birds of Passage so einnehmend, so berauschend macht.

 

Sie arbeiten seit Jahren erfolgreich als Produzentin und Regisseur zusammen. Wie kam es zu der Entscheidung, diesmal gemeinsam Regie führen?
Ciro Guerra: Es stimmt, wir arbeiten schon sehr lange zusammen, vier Filme lang, um genau zu sein, und Cristina ist bisher immer die Produzentin gewesen. Aber diesmal war es anders. Cristina war von Anfang an viel mehr in den kreativen Prozess involviert. Und uns wurde ziemlich bald klar, dass wir dem Genre, in dem wir arbeiten, eine Art Twist geben wollen, in dem wir narrativ, aber auch künstlerisch das Geschehen eher aus weiblicher Sicht betrachten. In dem Zusammenhang haben wir uns schließlich auch gefragt, inwiefern eine Regisseurin den Film speziell und besonders machen würde. Cristina war außerdem so nah dran an der Geschichte, es war ja im Grunde ihre Idee gewesen. Es fühlte sich für mich also einfach richtig an, dass sie diesmal auch hinter der Kamera mitwirkte. Wie sich herausstellte, war das praktisch außerdem gar nicht viel anders als sonst in der Hinsicht, dass wir auch früher schon immer alles sehr genau miteinander besprochen haben, nur dass die Regieanweisungen diesmal eben von uns beiden kamen und nicht nur von mir.

Wie muss man sich denn Ihre Zusammenarbeit am Set genau vorstellen?
Ciro Guerra: Ist man erst einmal am Set, geht es im Grunde nur noch um die Umsetzung. Die eigentliche Arbeit findet davor statt. Das heißt, an dem Punkt ist der gemeinsame Denk- und Planungsprozess zu einem Großteil bereits abgeschlossen. Bei der Umsetzung ist es dann meist so gewesen, dass ich die Richtung vorgab, während Cristina an meiner Seite war, um bestimmte Einstellungen oder Szenen zu diskutieren. Mit anderen Worten: um die Seele des Films zu bewahren. Cristina war außerdem sehr stark in den Schnitt involviert, mehr als ich. Ich arbeite lieber am Set. Aber für sie ist der Schnitt entscheidend, und so haben wir einander wunderbar ergänzt.

Wenn Sie von einer anderen Sichtweise auf das Gangsterfilm-Genre sprechen, meinen Sie dann in gewisser Hinsicht auch das Publikum?
Cristina Gallego: Unser Ansatz war es, die üblichen Genre-Klischees zu unterlaufen, weil wir im Rahmen unserer Recherche über die „Bonanza Marimbera“ zwar das perfekte Material für einen Gangsterfilm gefunden hatten, aber das innerhalb einer Gesellschaft, in der Frauen eine starke Position einnehmen. Es ist wichtig, das zu verstehen, weil man es von außen her nicht unbedingt sieht, geschweige denn vermutet. Auch wir hatten zunächst daran gedacht, die Geschichte aus männlicher Perspektive zu erzählen, weil auch uns gegenüber die Beteiligung der Frauen am Drogenhandel zunächst abgestritten wurde. Dabei ist es etwas, was einfach zur Wayuu-Kultur gehört. Es ist eine matriarchalische Kultur, in der die wichtigen Entscheidungen von den Frauen getroffen werden. Sie regeln das Geschäft und die Politik. Also haben wir angefangen, tiefer zu graben, bis wir Leute gefunden haben, die bereit waren, zu reden und die unsere Vermutungen hinsichtlich der Rolle der Frauen in der „Bonanza Marimbera“ bestätigten.

Wie schwer war es, das Vertrauen der Menschen zu gewinnen, vor allem das der einheimischen Wayuu?
Cristina Gallego: Schwer. Denn die Menschen sind grundsätzlich skeptisch gegenüber Fremden. Für sie sind alle Fremden „alijunas“ – die, die zerstören.

Ciro Guerra: Auf der anderen Seite sind die Einheimischen daran gewöhnt, mit Ausländern umzugehen. Immerhin waren sie schon immer da. Trotzdem ist es den Einheimischen gelungen, Abstand zu bewahren. Sie sind daran gewöhnt, mit den Ausländern Geschäfte zu machen, weil sie angesichts der harschen Lebensbedingungen keine andere Wahl haben. Vor der Zeit des Marihuana-Exports haben sie mit Zigaretten und Kleidung und was weiß ich gehandelt, um ihre Kultur aufrechtzuerhalten. Gleichzeitig herrscht innerhalb der Gemeinschaft ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl, die Familien sind bis heute sehr eng miteinander verbunden.

Cristina Gallego: Aber es ging auch gar nicht in erster Linie darum, uns in ihren Kreis aufzunehmen, sondern eher darum, sie einzuladen, Teil des Projekts zu sein. Und als sie das verstanden hatten, waren sie extrem hilfsbereit und begeistert, an dem Film mitwirken zu können. Das ging am Ende sogar soweit, das einige der jungen Leute sich dazu entschlossen haben, Film zu studieren, um in Zukunft ihre Geschichten selbst auf der Leinwand erzählen zu können. Wir hatten also nicht nur Wayuu-Schauspieler, sondern auch Leute in der Crew. Das Faszinierende an den Wayuu ist, dass sie jeden Fremden, der zu ihnen kommt, als eine Chance sehen, in welcher Hinsicht auch immer. Meistens geht es darum, Geschäfte zu machen, aber in unserem Fall ging es eben darum, einen Film zu machen, und das war für sie eine willkommene Abwechslung.

Der Film strahlt eine ungeheure visuelle Kraft aus. Wie haben Sie konkret an der Bildsprache gearbeitet? Worauf kam es Ihnen dabei besonders an?
Ciro Guerra: Wir wollten im Film der Wayuu-Kultur und damit auch ihrer Ikonografie so nahe wie möglich bleiben. Farben spielen eine unheimlich wichtige Rolle, in der Art, wie sie sich kleiden, aber auch sonst in allem, was sie tun. Zudem nehmen Vögel einen wesentlichen Teil in der Tradition und Mythologie ein. Demgegenüber haben wir uns gleichzeitig auch an Spaghetti-Western à la Sergio Leone orientiert, weil wir das Gefühl hatten, die Geschichte, die wir erzählen wollte, hatte etwas von allem: Film noir, Western, die Merkmale einer griechischen Tragödie und nicht zuletzt auch Elemente des  klassischen Realismus. Dieses Gemisch an verschiedenen Einflüssen haben wir versucht, miteinander in Beziehung zu setzen, ohne das ganze jedoch zu stilisiert und aufgesetzt wirken zu lassen. Es sollte sich trotzdem noch natürlich anfühlen. Den Fokus auf die Wayuu-Kultur zu richten, hat uns dabei geholfen, eine Struktur und einen angemessen Rahmen zu finden.

Cristina Gallego: Die „Bonanza Marimbera“ gehört heute zu den großen Mythen in der kolumbianischen Karibik, und diese Vorstellung hat uns geholfen, die Handlung durch den Spiegel des magischen Realismus zu sehen. In der Hinsicht gehen wir auch tief in Richtung Psychoanalyse, zumal diese unbewusste Sphäre, die näher mit Träumen und dem Tod in Verbindung steht, den Frauen in der Wayuu-Kultur ebenfalls sehr präsent ist. Damit kennen sie sich sehr gut aus.

Ist die Figur der Mutter in Anlehnung an eine wahre Person entstanden?
Cristina Gallego: Am Anfang stand die Idee, eine Figur wie diese zu kreieren. Sie ist zunächst allein in unserer Vorstellung entstanden. Allerdings brauchten wir ein bisschen mehr als das, um den Drehbuchschreibern genügend in die Hand zu geben, daraus eine vielschichtige Figur entstehen zu lassen, in die man als Zuschauer investiert. Also vertieften wir die Recherche in diese Richtung, zumal sich herausstelle, dass den Frauen eine wesentliche Rolle im Drogengeschäft zukam. Die Herausforderung bestand jedoch darin, konkrete Informationen zu erhalten und Frauen zu finden, die darüber reden wollten. Wir haben lange gesucht, bis wir auf einen Mann stießen, der meinte, er kenne eine solche Frau … die sich als seine eigene Ehefrau herausstellte. Sie erzählte uns schließlich die erstaunlichsten Geschichten aus der Zeit der Bonanza und wurde unsere Hauptinspiration für die Figur.

Ciro Guerra: Sie wurde sozusagen unsere esoterische Beraterin.

Was hat es mit dem Jayeechi-Lied auf sich, das dem Film seine äußere Struktur, seine narrative Form verleiht?
Ciro Guerra: Das Lied steht für die traditionelle Form des Geschichtenerzählens in der Wayuu-Kultur. Heutzutage ist davon nicht mehr viel übrig, denn die Tradition wurde durch das Radio und die Popmusik abgelöst, und es geht heute in erster Linie nur noch um Liebeslieder. Aber früher wurden auf diese Weise unzählige Geschichten von Generation zu Generation  weitergeleitet. Es gibt sogar eine Sage, nach der ein Mann seine Schuldgefühle angesichts eines Mordes, den er begangen hatte, zu schmälern versuchte, indem er in einem Jayeechi-Lied von der Tat berichtete. Sein Lied wurde so beliebt, dass es in der Gemeinschaft noch dreißig Jahre später gesungen wurde. Eines Tages hörte der Sohn des getöteten Mannes den Song und beschloss, sich an dem Mörder seines Vaters zu rächen. Und das ist nur ein Beispiel, dass die Bedeutung und die Kraft der Lieder beschreibt. Sie sind ein wesentlicher Teil der
Mythenbildung.

Rein visuell betrachtet erscheint „Birds of Passage“ wie eine Hundertachtzig-Grad-Wendung im Vergleich zu Ihrem vorigen Film, „Der Schamane und die Schlange“. Sehen Sie dennoch Gemeinsamkeiten?
Ciro Guerra: Die Parallelen zwischen den Filmen auszumachen, sollte eher den Zuschauern vorbehalten bleiben. Ich selbst kann das ganz schwer einschätzen. Aber Themen wie Spiritualität und die Mythen der verschiedenen Kulturen scheinen mich einfach nicht loszulassen.

Cristina Gallego: Und die Beziehung zwischen dem Unbewussten und dem Traum.

Ciro Guerra: Die Beziehung der Menschen zu ihrer Natur, ihrer Geschichte und ihrer Psyche, vielleicht kann man es so auf einen gemeinsamen Nenner bringen. Aber Sie merken schon, es fällt mir nicht leicht. Besser ist, die Leute sehen sich den Film an und enträtseln die Frage selbst.