Black Book Film
Sebastian Koch und Carice van Houten in „Black Book“

Black Book

Vulgärer Moralismus

| Robert Koehler |

Paul Verhoeven ist nach mehr als zwanzig Jahren in seine niederländische Heimat zurück-gekehrt und untersucht im Spionagethriller „Black Book (Zwartboek)“ den holländischen Widerstand gegen die Nazibesatzung. Für Verhoeven eine Flucht aus Hollywood mit überraschenden Ergebnissen.

Paul Verhoevens (Interview) Black Book ist der erste europäische Film des gebürtigen Niederländers seit dem mittelalterlichen Softcore-Epos Flesh+Blood (1985), und er zwingt seine Zuschauer, nicht nur den Zweiten Weltkrieg im Speziellen, sondern auch die Arbeit Verhoevens im Allgemeinen neu zu überdenken. Wie schon so mancher Witzbold bemerkte und Verhoeven sogar einmal selbst bestätigte, sind Hitler und Jesus (in vermutlich ebendieser Reihenfolge) tatsächlich eine Art Doppelobsession für ihn. Black Book ändert nun nicht unbedingt den Hitler-Teil der Gleichung, auch nicht die Prioritäten, die sich Verhoeven gesetzt hat, als er 1968 mit Portrait of Anton Adriaan Mussert eine Dokumentation über den Führer der niederländischen Faschistenpartei während des Zweiten Weltkriegs drehte. Oberflächlich betrachtet ist Black Book schlicht eine Spionagegeschichte über die niederländisch-jüdische Sängerin Rachel Stein (Carine van Houten), die während des Krieges in der Untergrund-Widerstandsbewegung landet und zum Maulwurf im niederländischen Nazi-Hauptquartier wird. Insofern liefert Black Book also nichts Außergewöhnliches, was den Regisseur Verhoeven betrifft, der sein Publikum mit Spannung zu unterhalten weiß.

Und wie immer liebt es Verhoeven, seine Zuschauer spielerisch auflaufen zu lassen, indem er seine Filme in einen scheinbar konventionellen Genre-Rahmen verpackt, um dann plötzlich seine wahren Absichten und Ideen preiszugeben. Als die sich versteckent haltende Rachel in Black Book nach einem Nazi-Bombenanschlag zum Flüchting wird und nur knapp einem nächtlichen Angriff auf ein Boot voll flüchtender Juden entkommt, suggeriert ihre Entscheidung, der Untergrund-Widerstandsbewegung beizutreten, zunächst einmal nur eine Variation der bereits in Soldier of Orange (1977) offenbarten Heldentaten. Als sie jedoch zum Maulwurf innerhalb des Nazi-Oberkommandos wird, beginnt recht bald ein verstricktes Spiel von sexueller Begierde und Willensstärke, und die Tatsache, dass Rachel in ihrer Verstellung fast schon zu perfekt ist, führt zum Zwist mit ihren Widerstands-Kameraden. Wie so oft in Verhoevens Filmen – in Black Book allerdings noch um eine Spur dramatischer – verwischen im Lauf der Zeit nicht nur die Züge von scheinbar „guten“ und „bösen“ Figuren; die Charaktere wechseln oft sogar moralische Standpunkte. Gewandt zelebriert er die Macht des Kinos zu täuschen, die Realität zu verhüllen und danach zu enthüllen, subversive Ideen innerhalb des Genres zu verstecken. Wie etwa in Turkish Delight (1973) und Katie Tippel (1975), als Verhoeven die (spieß)bürgerlichen Freunde des Sexfilms (vorzugsweise des französischen oder schwedischen, und vorzugsweise mit ausreichend, aber nicht zu vielen Nacktszenen) insofern auflaufen ließ, als der Sex hier zu etwas Gefährlichem für feine Sensibilitäten wurde.

Als Verhoeven von Publikum und Kritik schon zum neuen niederländischen Wildern abgestempelt worden war, kam Soldier of Orange (1977): eine offene, fahnenschwingende, fiktive Geschichte über die Kriegsheldentaten des niederländischen Antinazi-Helden Erik Hazelhoff Roelfzema. Zu diesem Zeitpunkt hätte wohl niemand vorhergesagt, dass Verhoeven einer von Hollywoods interessantesten Sciencefiction-Regisseuren werden würde – und das über zwei Jahrzehnte lang von RoboCop (1987) bis Hollow Man (2000), sowie Partner zweier mächtiger Persönlichkeiten Hollywoods: Arnold Schwarzen-egger (mit Total Recall im Jahr 1990) und Autor Joe Eszterhas (mit Basic Instinct im Jahr 1992 und Showgirls im Jahr 1995). Doch wie der brillante Starship Troopers (1997) jede konventionelle Vorstellung davon, was ein Sciencefiction- und was ein Kriegsfilm sein soll, zerschmetterte, drehte Verhoeven mit RoboCop den eigentlichen Jesus-Film, den er seit Jahren machen wollte. Und der beklagenswert unverstandene Showgirls schließlich verlieh dem Drama hinter den Kulissen einen bizarren Glanz von Hyperrealität, der den Anarchismus von Turkish Delight nachgerade zahm erscheinen ließ. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Leute hassen Verhoeven noch heute dafür.

Es ist Verhoevens Vergangenheit – die Zeit, die er als kleines Kind während der Nazi-Besatzung, der Befreiung durch die Alliierten und des darauf folgenden Einfalls des amerikanischen Kapitalismus in Den Haag verbrachte –, die es ihm von Geburt an unmöglich gemacht hat, sich je an die Spielregeln zu halten. Black Book geht allerdings noch um einiges weiter, indem er die Mythen der Geschichte neu untersucht sowie auch die verinnerlichten Mythen des Publikums darüber, was es von einem historischen Film zu erwarten hat – noch dazu von einem Film über den Holocaust, der sich als Spionagethriller ausgibt.

Wie Rossellini, der in Era notte a Roma (1960) Italiens Befreiung vom Faschismus, die er bereits in Paisan (1946) festgehalten hatte, wieder besucht, oder Ford, der in Cheyenne Autumn (1964) seinen Blick von den berittenen US-Soldaten zu den amerikanischen Ureinwohnern wendet, die von Ersteren niedergemetzelt wurden, begeben sich Verhoeven und sein Drehbuchautor Gerard Soeteman auf jenes Terrain zurück, das sie schon in Soldier of Orange erforscht hatten, um etwas gänzlich Neues zu enthüllen: dass der niederländische Untergrund von Antisemitismus durchdrungen war, dass einige hochrangige Nazis wussten, dass sie in einer Matrix des Wahnsinns festsaßen; dass Krieg Spaß machen und Befreiung furchtbar sein kann, dass die Rache gegen Nazi-Kollaborateure neue Formen von Hässlichkeit hervorbringen kann, die um nichts weniger schrecklich als Nazismus selbst sind; dass die israelischen Kibbuzim keinen Schutz vor andauerndem Krieg bieten. Im Thriller-Kontext wird Black Book zu einer Studie über die harte Wirklichkeit, in der einen Krieg zu überleben bedeutet, eine Kette von moralischen Eventualitäten zu überstehen, in der der Nazi von heute, den man zu zerstören versucht, zum Liebhaber von morgen werden kann, und in der selbst die engsten Freunde eventuell Dinge zu verbergen haben. Verhoeven nennt dies seine Rückkehr zur „Realität“ und meint damit seine Flucht vor Hollywoods Fantasieapparat. Wir befinden uns erst am Anfang der jüngsten Phase in Paul Verhoevens lebenslangem Streben, sich selbst – und damit auch uns – neu zu erschaffen.