Vermiglio
Vermiglio

Italienisches Kino

Blick zurück nach vorn

| Pamela Jahn |
Das italienische Kino beeindruckt in diesem Sommer mit „Vermiglio“ und „Primadonna“ – zwei Filmen von Regisseurinnen und erstaunlichen Emanzipationsgeschichten aus der Vergangenheit.

Im italienischen Hinterland, hoch oben in den Bergen, gibt es ein kleines Dorf, in dem die Welt noch heil zu sein scheint. Das Leben ist einfach, der Alltag der Bewohner wird von überlieferten Traditionen und dem Wechsel der Jahreszeiten bestimmt. Als der flüchtige Soldat Pietro zu der eng verwachsenen Gemeinschaft stößt, steht das Weihnachtsfest im letzten Kriegswinter 1944/45 vor der Tür, doch die Front ist fern. Im abgelegenen Vermiglio sieht sich der Lehrer Cesare stattdessen mit ganz anderen Problemen konfrontiert: Weil seine Frau Adele ständig schwanger wird, hat das Paar mit der Zeit eine ganze Schar an Kindern um sich versammelt. Das Geld ist knapp, die frische Milch am Morgen streng rationiert. Gerade ist das jüngste Geschwisterchen gestorben, das nächste ist bereits auf dem Weg.  

Am meisten sorgt sich Cesare um seinen Sohn Dino, den er für einen heimlich trinkenden Taugenichts hält. Da ahnt der Vater jedoch noch nicht, dass seine mittlere Tochter Ada bei aller religiösen Hingabe zutiefst mit ihrer aufkeimenden Sexualität kämpft. So sehr sogar, dass sie sich manchmal heimlich an seinen im Arbeitszimmer verschlossenen pornografischen Fotoalben bedient. Lucia, die Älteste, hat sich derweil in den fremden Deserteur verliebt. Weil Pietro ihren Cousin Attilio auf der Flucht vor den Deutschen rettete, darf er nun vorerst im Heuschuppen übernachten. Der Sizilianer ist ein rätselhafter, sanfter Typ, dessen verschlossene Art die junge Frau fasziniert. 

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Persönliche Ausgangspunkte

Maura Delpero ist die Geschichte zu ihrem Film Vermiglio buchstäblich über Nacht gekommen: „Mein Vater besuchte mich im Schlaf. Er war in sein Elternhaus in Vermiglio zurückgekehrt. Sein Gesicht verschmolz mit dem seines kindlichen Ichs. Ich war glücklich, ihn zu sehen, aber auch verängstigt, weil ich in dem Moment das Gefühl hatte, er stünde wirklich vor mir. Es war wie eine filmische Vision.“ Zunächst dachte die 1975 geborene Regisseurin nicht, dass daraus ein Drehbuch entstehen würde, aber dann kam es anders. „Der Traum war wie eine Offenbarung“, erinnert sie sich. „Ich verspürte plötzlich den großen Wunsch, besser verstehen zu wollen, was vor meiner Geburt geschehen war. Gleichzeitig habe ich in der Zeit, als ich die Geschichte schrieb, selbst ein Baby bekommen. Ein bisschen stand dahinter also auch die Idee: Okay, vor mir liegt eine neue Zukunft, aber was ist mit meiner Vergangenheit?“

Auch Marta Savina kehrt in Primadonna in die Heimat ihres Vaters und einen historisch bedeutsamen Moment zurück. Ihr Drama erzählt die wahre Geschichte einer jungen Sizilianerin, die sich Mitte der 1960er erfolgreich gegen das damals vorherrschende sexistische Strafrecht ihres Landes stellte. Traditionell blieb in Süditalien seinerzeit der Akt der Vergewaltigung legal, solange der Peiniger sein Opfer anschließend zur Frau nahm. Jener Paragraf der „Wiedergutmachungsehe“ blieb bis 1981 in Kraft. „Als ich davon erfuhr, kochte mir das Blut in den Adern“, bricht es förmlich aus der Regisseurin heraus. „Aber was mich noch wütender macht, ist die Tatsache, dass wir heute immer noch nicht viel weiter sind. Es ist verrückt, dass eine Geschichte, die sich 1965 in Sizilien zugetragen hat, sechzig Jahre später nach wie vor relevant ist.“ 

Savina, die 1986 in Florenz zur Welt kam, bezieht sich in ihrem Drama auf das Schicksal der 18-jährigen Franca Viola, die sich weigerte, den Mann zu heiraten, der sie zuvor missbraucht hatte. Anstatt gehorsam Folge zu leisten, ging sie gerichtlich gegen ihn vor, ihr Fall erregte in ganz Italien großes Aufsehen. 1970 wurde Violas Geschichte erstmals mit Ornella Muti in der Hauptrolle von Regisseur Damiano Damiani in La moglie più bella (Recht und Leidenschaft) verfilmt. In Primadonna spielt nun Claudia Gusmano die Figur, die hier Lia Crimi heißt und gemeinsam mit ihren Eltern und dem achtjährigen Bruder Mario in der sizilianischen Provinz lebt. Der strenge Katholizismus hat die provinzielle Dorfgemeinschaft fest in der Hand. Dennoch findet die junge Frau einen Weg, sich heimlich mit Lorenzo zu treffen, dem Mann, auf den sie ein Auge geworfen hat. Auch Lorenzo verehrt Lia, verhält sich jedoch schon bald übergriffig und respektlos ihr gegenüber, woraufhin sie ihn mit aller Kraft zurückweist. Wütend und in seiner Ehre gekränkt, holt Lorenzo zum Frontalangriff aus: Er entführt Lia und ihren Bruder aus dem Haus der Familie, hält sie tagelang fest und
vergewaltigt sie.

Die Stärke von Gusmanos Spiel liegt in der empathischen Darstellung. Der Regisseurin war es wichtig, dabei einen Aspekt besonders in den Vordergrund zu stellen: „Hier ist diese kleine, sehr sanftmütige junge Frau, die sich ungeachtet aller Umstände für ihre Rechte einsetzt. Ich dagegen bin heute fast vierzig und selbst in dem Alter fällt es mir manchmal noch schwer, für mich und meine Vorstellungen davon, wer ich sein möchte, einzustehen. Allein deshalb war sie für mich eine unglaublich inspirierende Persönlichkeit.“

Naturalismus

Ähnlich sind es auch in Delperos zweitem Spielfilm die weiblichen Figuren in einem streng patriarchalen Gefüge, die die Regisseurin am intensivsten beschäftigen. Wie im Krieg üblich, arbeiten sie auf den Feldern, halten Haus und Hof in Schuss. Nur die wenigsten haben die Möglichkeit, eine Ausbildung zu absolvieren. Und ist der Ruf einer Frau einmal ruiniert, bleibt ihr nur die Möglichkeit, in die Stadt zu ziehen. Aber was die fromme Ada am meisten irritiert, ist die Regel, dass Mütter in den ersten vierzig Tagen nach der Geburt nicht in die Kirche gehen dürfen, bis ihr Körper vollständig „gereinigt“ ist. Dann, so gesteht das Mädchen dem örtlichen Priester, verzichte sie lieber aufs Heiraten – anders als ihre Schwester Lucia, die sich bald mit Pietro das Ja-Wort gibt.  

In beiden Filmen sind es nicht nur die Kostüme, die wie aus einem anderen Jahrhundert anmuten. Zeit und Raum wirken wie aufgelöst, in den Vordergrund drängen sich Bilder von ewiger Gültigkeit. In Vermiglio sind es Szenen voller gediegener Blautöne, die von der Wollkleidung bis zum Himmel reichen, versetzt mit Einstellungen, deren überraschende Farbkraft sich förmlich in die Augen des Betrachters einbrennt. Daneben sind auch die rustikalen Innenräume mit viel Feingefühl gestaltet. Das wenige Hab und Gut der Familie steht gekonnt im Kontrast zu den bürgerlichen Bestrebungen von Cesare, dessen ganzer Stolz ein edles Grammophon ist. Immer wieder sorgt seine Leidenschaft für die schönen Künste in der Ehe für Konflikte, weil Adele sich in erster Linie um das Wohl ihrer Kinder sorgt. 

Auch Primadonna setzt auf eine klassische, naturalistische Inszenierung. Der Film ist zudem auf Sizilianisch gedreht. Selbst in Italien sei er vollständig untertitelt, sagt Savina. „Es ist wesentlich, weil die Sprache so unmittelbar und bildhaft ist. Italienisch kann sehr blumig und poetisch sein. Im Originaldialekt gesprochen erhalten die Worte eine andere Qualität. Sie sind wirkungsvoller und es verleiht dem Ganzen eine menschliche Wahrheit, weil die Leute damals so gesprochen haben und es heute noch tun.“ 

Für Maura Delpero, die ursprünglich aus dem Dokumentarfilm-Bereich kommt, war Authentizität ebenso entscheidend. Sie beschreibt ihren Weg vom realen zum fiktiven Erzählen als einen organischen Übergang: „Ich habe gemerkt, dass meine Filme immer mehr in Richtung Fiktion gingen und fand es spannend, die Grenzen dazwischen auszuloten. Die Ästhetik spielt dabei eine große Rolle. Meine letzten dokumentarischen Arbeiten hatten jeweils fiktionale Charaktere, während ich in Vermiglio in erster Linie Wert auf das Ursprüngliche gelegt habe.“

Zugleich geht es Delpero in ihrem Film nicht um das große Drama im Kleinen, jede Erregung, jede Emotion, jede Grausamkeit wird vom schweren Schnee vor der Tür wie im Keim erstickt. Die gedämpfte Stimmung, die in Vermiglio vorherrscht, ist beabsichtigt – und sie ist durchaus als lebensbejahend zu verstehen. Das Schönste ist: Mit ihrem ruhigen, zurückhaltenden Erzählstil schafft die Regisseurin ein Gefühl der Intimität und Verbundenheit mit ihren weiblichen Figuren, das in dieser bewusst unaufgeregten Form im zeitgenössischen Kino viel zu selten zu finden ist. 

Umso bemerkenswerter, dass es mit Primadonna und Vermiglio nun fast zeitgleich zwei Werke im Kino zu entdecken gilt, die von italienischen Filmemacherinnen stammen. Savina begrüßt die Entwicklung, dass es jetzt mehr weibliche Stimmen im italienischen Kino gibt: „Einer der Gründe dafür ist sicher, dass es heutzutage Anreize in Form von Sonderfonds speziell für Filme-macherinnen gibt. Netflix, zum Beispiel, verpflichtet bei den meisten seiner italienischen Projekte neuerdings zwei Regisseure,
jeweils einen Mann und eine Frau. In Amerika nennt man das „affirmative action“. Gleichzeitig betont sie, ihr sei die Unterscheidung zwischen den Geschlechtern persönlich eigentlich zuwider. „Ich möchte einfach als Regisseurin wahrgenommen werden. Aber wir sind noch nicht so weit, die Kluft zu überwinden und ein System zu reformieren, das seit den Anfängen des Kinos vollständig von Männern dominiert wurde. Dass es unsere Filme gibt, ist ein weiterer Schritt in die richtige Richtung.“ In der Tat. Man wünscht sich mehr davon.