Generation ohne Abschied: Bemühter Thriller um eine von Massengräbern traumatisierte Nachkriegsgesellschaft
Text ~ Marietta Steinhart
Manche Menschen glauben daran, dass nur ein kompletter Körper Seelenruhe finden kann. Wenn dem so ist, dann warten noch etwa 10.000 Opfer des Bosnienkrieges in Massengräbern genau darauf. Mit dem ersten von Puls4 mitproduzierten Kinofilm widmet sich der österreichische Regisseur und Drehbuchautor Lukas Sturm (Die Katze, 2006) den traumatisierten Hinterbliebenen dieser Kriegsverbrechen, die mit Hilfe der Identifikation und Beisetzung der Toten mit diesem dunklen Teil der Vergangenheit abschließen und Abschied nehmen wollen.
Die junge Reporterin Nicole (Asli Bayram) arbeitet für den TV-Sender Puls4 (ein wenig Werbung in eigener Sache und Imagewechsel des Ko-Produzenten, der nicht unbedingt für seinen investigativen Journalismus bekannt ist)und macht sich auf den Weg in das kleine Dorf Morovci in der heutigen Republik Srpska, wo in den neunziger Jahren Massaker an muslimischen Zivilisten verübt wurden. Sie will dort einen Bericht über die spurlos verschwundene Österreicherin Edina Julic und die Geschichte um ihren in einem Massengrab gefundenen muslimischen Vater aus Bosnien drehen. Doch hier möchte niemand etwas von dieser Familie wissen, im Speziellen der serbische Bürgermeister. Erinnern ist gut, vergessen ist besser. Und so stößt Nicole, völlig unbeeindruckt von diversen Drohungen, auf verschlossene Türen und zwielichtige Gestalten.
Lukas Sturm, bekannt für Dokumentationen, Werbefilme und TV-Formate, schrieb erfolgreich zwei Tatort-Folgen, und genau in dieser Ecke würde man Body Complete auch suchen, in Krimiserien. Glaubwürdigkeit wird mit einer realistisch anmutenden Kameraarbeit allein nicht erreicht. Die diegetische Welt wirkt, wenn überhaupt, dann nur deshalb authentisch, weil die Crew zum größeren Teil aus Sarajevo bzw. Bosnien stammt, an Originalschauplätzen gedreht wurde und Ausschnitte einer Kriegsdokumentation zu sehen sind. Auch bestens verkörpert von Miraj Grbic ist der Bürgermeister / Bösewicht nur einer von vielen austauschbaren Schablonen. Ein eigennütziges Motiv gibt der Protagonistin zwar die nötige Komplexität, doch hat Bayram für diese Rolle vielleicht zwei, maximal drei Gesichtsausdrücke kultiviert. Erst nach etwa einer Stunde erreicht Body Complete seine emotionale Bandbreite, nämlich dann, wenn Nicole auf die „Frauen von Srebrenica“ stößt, die mit einer Kette von Bildern für ihre vermissten Männer demonstrieren. „Please tell everyone in the world that we will never stop our demonstration until every missing person has been found“, so eine junge Frau. Ja, und vielleicht steckt genau an dieser Stelle ein guter Film: über eine patriarchalische Gesellschaft ohne Patriarchen.
Sturm behandelt ein interessantes, immer noch relevantes Thema, doch kann er die Spannung nicht konstant halten. Seine artifizielle Geschichte um die realen Geschehnisse ist wesentlich kleiner als das Leben selbst. Er beantwortet auch so gut wie keine Frage. Über das aggressiv-mysteriöse Verhalten der Einwohner und die vage angedeutete Vergangenheit der „Knochenjägerin“ lässt sich nur spekulieren. Er geht zum Schluss sogar noch einen Schritt weiter und lässt den Zuseher ratlos und mit einer kolossal-leeren Gedankenblase über dem Kopf zurück.
