Bollywood – Aishwarya Rai im Poträt

„Hi I'm Sanju“

| Amrit Mehra |

Aus Anlass der Filmschau „Yeh Hai India“: Ein Porträt von Aishwarya Rai, Miss World, Schauspielerin, namhafte Werbeträgerin von L’Oréal und Wachsfigur bei Madame Tussaud’s.

Vor zehn Jahren kannte kaum jemand außerhalb Indiens den Namen Shah Rukh Khan. Heute gibt es Shah-Rukh-Khan-Fanclubs in Ländern, von denen man in Indien wenig bis nichts weiß. Ebenso ist es mit den weiblichen Stars. Alles, was es zu erreichen gab, hatten große Filmdiven wie Sri Devi, Madhuri Dixit oder Vijayashanti in ihrem Land erreicht. Aber die erste weltberühmte Bollywoodschauspielerin wurde Aishwarya Rai. Und das, obwohl ihre Karriere eigentlich sehr ungewöhnlich verlief. Mitte der 90er Jahre drängten die Models ins Filmbusiness. Heute gibt es eine Menge davon. Aber damals waren Sushmita Sen und Aishwarya Rai die beiden Top-Stars. Aishwarya war in ganz Indien bereits durch einen Werbespot für Pepsi bekannt, der sie gemeinsam mit dem im Westen als Hauptdarsteller von Lagaan bekannten Aamir Khan zeigte. Aishwarya sagt zu Aamir: „Hi, I’m Sanju!“. Der Spot war damals so bekannt, dass kleine Kinder auf der Straße den Dialog aufsagten.

1994 wurde Aishwarya Miss World, zu einer Zeit, als sich Indien wirtschaftlich und politisch ganz neu in den globalen Kontext einordnete. Heute ist Aishwarya eine der prominentesten Aushängeschilder von L’Oréal, wo man ihr, wie sie sagt „das Gefühl gibt, als Frau etwas ganz Besonderes zu sein“, war Jury-Mitglied beim Filmfestival in Cannes und macht auch als Wachsfigur im Kabinett der Madame Tussaud gute Figur. Aber in ihrer Karriere als Schauspielerin hatte sie es gar nicht leicht.

In ihren ersten Rollen war sie gar nicht das Glamour Girl, wie man es von einer Ex-Miss erwartet hatte. Ihr erster Film war Mani Ratnams Iruvar, der leider im Westen überhaupt nicht bekannt ist – ein durch und durch politischer Film über die Verquickung von Filmgeschäft und Politik in Südindien, und Aishwarya spielt darin hervorragend. Shah Rukh Khan sagte einmal in einem Interview, die besten Filmemacher Indiens kämen aus dem Süden; nur nehme das in Europa niemand wahr.

Nach einem weiteren südindischen Film spielte Aishwarya 1999 und 2000 in drei Bollywood-Hits: Taal, Hum Dil De Chuke Sanam und Mohabbatein, der auch im Rahmen von Yeh Hai India gezeigt wird. Letzterer beweist, dass sie damals bereits sehr gefragt war, denn der berühmte Produzent und Regisseur Aditya Chopra bemühte sich um sie. 2002 kam dann der berühmte Devdas. Von den 600 Kopien des Films gingen stolze 200 in den Westen. Devdas wurde in Cannes gezeigt, und Aishwarya wurde über Nacht zum Weltstar.

Dann passierte etwas Unerwartetes, woraus sich schließen lässt, dass sie in ihrer Karriere durchaus eigenwillige Entscheidungen trifft und dass ihre Kritiker sie oft sehr ungerecht behandeln. Jeder hätte erwartet, dass Aishwarya – wie viele Filmstars hier in Indien es tun – nun eine Rolle nach der anderen annimmt, um ihre Garage mit Sportwagen aufzufüllen. Stattdessen suchte sie sich interessante Regisseure aus und ließ sich auf Experimente eingelassen, die nicht immer von Erfolg gekrönt waren, aber für sie als Schauspielerin sprechen.

Mit Rituparno Ghosh drehte sie Chokher Bali nach dem Roman von Rabindranath Tagore, sowie den Film Raincoat, der fast ausschließlich  aus Dialogen besteht und das indische Publikum vor den Kopf stieß. Mit Gurinder Chadha, die man im Westen seit Bend It Like Beckham gut kennt, drehte sie Bride and Prejudice und danach die Romanverfilmung The Mistress of Spices.

Es ist in den letzten Jahren um sie zugegebenermaßen etwas ruhiger geworden. Der Grund dafür liegt auch darin, dass Bollywood beschämenderweise selten große Frauenrollen anzubieten hat. Darunter leiden alle Schauspielerinnen. Während Shah Rukh Khan und Aamir Khan mit ihren Filmen an Profil gewinnen, kämpfen die weiblichen Top-Stars damit, die vielen idiotischen und bedeutungslosen Rollen, die ihnen angeboten werden, entweder abzulehnen oder auf sich zu nehmen.

Ich glaube, dass Aishwarya in Kürze wieder von sich reden machen wird. Und das hat zwei Gründe. Der eine Grund heißt Guru – der neue Film von Mani Ratnam. Ratnam gehört sicher zu den besten indischen Regisseuren aller Zeiten. Bei Yeh Hai India bietet sich die Gelegenheit, seine großen Filme Bombay und A Peck on the Cheek anzuschauen. Schließlich ist er auch der Entdecker Aishwaryas als Schauspielerin.

Der zweite Grund heißt Provoked, ein Film von Jag Mudhra. Bereits mit The Sandstorm (2000) hat Mundhra einen Film vorgelegt, der sich mit der Unterdrückung der Frauen in Indien beschäftigt. Dieses Thema ist sehr wichtig, und man darf es nicht den Dokumentarfilmern überlassen; es muss auch ins populäre Kino. Aishwarya sagte in einem Interview, dass sie diesen Film als einen wichtigen Film für Frauen verstehe. Nun spielt sie zusammen mit Nandita Das in Provoked, und sie zeigt damit Haltung. Ich denke, dass Aishwarya Rai noch in vielen großen Filmen zu sehen sein wird. Eine typische Bollywood-Diva wird sie nie werden, weil sie auch gar nicht in dieser Industrie groß geworden ist. Sie repräsentiert die indische Mittelklasse, eine ständige wachsende Schicht, die die Chancen der Globalisierung kennt und ergreift, ohne ihr eigenes Land zu vergessen.