Bollywood – Große Filme, zeitlos

Große Filme, zeitlos

| Amrit Mehra |

Neben den neueren Filmen zeigt „Yeh Hai India“ auch fünf herausragende Bollywood-Klassiker, die man nicht so schnell wieder auf der Leinwand zu sehen bekommen wird.

Mr. India (1987)

Shekhar Kapur war zuerst Schauspieler und inszenierte Anfang der 80er Jahre seinen ersten Film. 1987 kam Mr. India und war eine Sensation. Es geht um einen Diktator, gespielt von Amrish Puri, der nach diesem Film noch in über hundert Filmen gespielt hat. Und er hat immer den Mogambo aus Mr. India gespielt. Auch Anil Kapoor, der Hauptdarsteller, hat seine Rolle noch oft gespielt. Anil ist ein „ganz normaler Inder”, der eines Tages entdeckt, wie er sich unsichtbar machen kann. Und als Unsichtbarer beginnt er den Kampf gegen den Diktator Mogambo. Das Geniale an dem Film ist, dass der Held nicht sichtbar ist. Das bringt Bollywood – und ganz Indien – zu dieser Zeit auf den Punkt. In einer Zeit, in der alle Stars den Regisseur fragen „Zu wieviel Prozent bin ich in deinem Film sichtbar? Wieviele Songs habe ich?” zeigt uns Shekhar Kapur einen Helden, den man nicht sehen kann.

Ram Teri Ganga Maili (1985)

Raj Kapoor hat als Regisseur in 37 Jahren nur zehn Filme gemacht, von 1948 bis 1985 – also in drei ganz verschiedenen Zeitaltern des Hindi-Films. Das unterscheidet ihn von den großen Regisseuren nach der Unabhängigkeit. Ram Teri Ganga Maili ist sein Vermächtnis – und es ist nicht gerade ein optimistisches Vermächtnis. Raj Kapoor, der maßgeblich daran beteiligt war, den Film in Indien nach der Unabhängigkeit zum wichtigsten Massenmedium zu machen, stand in den 80er Jahren dem indischen Filmschaffen ratlos gegenüber. Ram Teri Ganga Maili ist eine Parabel. Der Verlauf des Ganges symbolisiert die Geschichte Indiens. Nach seinen vielen Filmen, die ein von der Industrie erzwungenes Happy-End hatten, hat Raj Kapoor sich in diesem Film am stärksten ausgedrückt.

22nd June 1897 (1979)

Leider ist dieser Film auch in Indien viel zu wenig bekannt. Er ist ein Juwel der indischen Filmgeschichte und hat vielleicht das Handicap, dass er in der Sprache Marathi gedreht wurde und nicht in Hindi. An diesem Film ist alles außergewöhnlich. Er hat etwas, was die Filme seiner Zeit allesamt nicht hatten: Er ist vom Drehbuch bis zur Kameraeinstellung minuziös durchdacht und handelt von drei Brüdern, die zur Zeit der britischen Herrschaft ein hohes Tier der Besatzungsarmee töten.

Also sind sie entweder Terroristen oder Freiheitskämpfer. Das beruht übrigens auf wahren Begebenheiten. Die drei werden gejagt und – das ist das Perverse – von anderen Indern verraten. Nach Satyajit Rays frühen Filmen ist das wohl der beeindruckendste realistische Film Indiens. Die Schauspieler stammen aus der Theaterakademie in Puna und wurden erst durch diesen Film für das Kino entdeckt.

Sholay (1975)

Es gibt viele Filme, bei denen man darüber diskutiert, ob sie nun Klassiker seien oder nicht. Bei Sholay wird diese Frage aber nicht gestellt. Es gibt so viele Anspielungen und Querverweise auf diesen Film im indischen Kino, so etwa in Shah Rukh Khans Main Hoon Na. Sholay bündelt das, was das Bollywood der 70er Jahre ausmacht – und nicht nur in der Besetzung. Amitabh Bachchan wird gerne für seine ernsteren Rollen gelobt – wie in Anand oder Abhimaan. Ich denke, dass er in großen Unterhaltungsfilmen immer am besten war. Und zu seinen größten Filmen zählt ohne Zweifel Sholay.

Guide (1965)

Im Westen würden man sagen, Guide sei ein Road-Movie. Das stimmt vielleicht nicht ganz, aber der Film ist tatsächlich an einer Reise orientiert. Das erstaunlichste ist aber, dass ein durch und durch kommerzieller Film so subversiv und progressiv ist. Das betrifft das Bild der Frau. Aber auch seine Haltung zur Religion – oder eher zu den selbsternannten Vertretern der Religion. Erstaunlich noch eine dritte Tatsache: Beide Hauptdarsteller – Waheeda Rehman und Dev Anand – waren Stars in der Zeit der Schwarzweißfilme. Den meisten ihrer Zeitgenossen ist es nicht gelungen, sich im Farbfilm zu etablieren. Die Farben und die gesamte Kameraführung sind technisch so einwandfrei, wie es indische Filme aus den 70ern nicht sind.

Amrit Mehra ist Filmkritiker und Filmkurator in Mumbai.
Übersetzung aus dem Englischen: Sabine Stahl.
Yeh Hai India – The Magic of Bollywood Films